Das Online-Gesellschaftsmagazin aus Frankfurt am Main

Letzte Aktualisierung: 17.06.2021

Werbung
Werbung

Unterführung am S-Bahnhof Griesheim wird zum Ort des Lächelns

von Ilse Romahn

(01.06.2021) Aus der tristen Personenunterführung am Griesheimer S-Bahnhof wird ein Kunstwerk: Der in Frankfurt lebende Künstler Anselm Baumann überzeugte mit seinem humorvoll-poppigen Gestaltungsentwurf „Grüße aus Griesheim“.

Entwurf des Treppenaufgangs
Foto: Stadt Frankfurt / Thomas Baier
***

Baumann greift darin die Symbolsprache von Emojis auf und stilisiert sie zu monumentalen pixeligen Kachelformationen. Die Neugestaltung der Personenunterführung geht einher mit dem barrierefreien Umbau des Bahnhofs Griesheim, der im Frühjahr 2022 beginnt.

Die Stadt Frankfurt und die Deutsche Bahn hatten gemeinsam einen künstlerischen Wettbewerb ausgelobt. Mit dem Ergebnis zeigen sich die Initiatoren hochzufrieden. Fünf Künstlerinnen und Künstler reichten ihre Gestaltungsentwürfe ein und stellten diese einer breit gefächerten Jury vor. Das Gremium setzte sich aus Expertinnen und Experten aus der Kunstszene sowie aus der Politik zusammen, darunter Verkehrsdezernent Klaus Oesterling und Susanne Serke, Vorsteherin des Ortsbeirats 6.

„Das wichtigste Kriterium wird erfüllt: Die bisher als Angstraum wahrgenommene Personenunterführung wird mit der Neugestaltung deutlich aufgewertet und wirkt einladender. Das Kunstwerk passt zum multikulturellen Griesheim und schlägt zudem eine Brücke zu beiden Seiten des Stadtteils, die über die Unterführung miteinander verbunden sind“, erläutert Stadtrat Oesterling.

Die Jury-Vorsitzende Nadia Ismail, Leiterin der Gießener Kunsthalle, ergänzt: „Anselm Baumann hat einen belebenden, frischen Entwurf vorgelegt, der den Raum entscheidend transformiert und von eingängiger Bildsprache ist. Er spiegelt den aktuellen Zeitgeist sehr gut wieder und regt zur Interaktion an, das Smartphone zu zücken und einen Emoji-Gruß aus der Unterführung zu verschicken.“

13.000 Menschen nutzen die Unterführung täglich
Die Personenunterführung am östlichen Ende des Griesheimer Bahnhofs erfüllt in zweifacher Hinsicht einen wichtigen Zweck: Sie dient zum einen der Erschließung der Bahnsteige. Zum anderen ist sie eine wichtige Stadtteilverbindung, denn die Nord- und Südseiten des Frankfurter Stadtteils sind durch die Gleisanlagen regelrecht geteilt. Das Nadelöhr unterhalb der Bahnanlagen, das täglich von rund 13.000 Menschen genutzt wird, ist nicht gut einsehbar. Gerade zu später Stunde wird die Unterführung von vielen als Angstraum wahrgenommen.

Baumann setzt in seinem Gestaltungsentwurf auf eine emotional-positive Beseelung der Unterführung. „Mit der symbolhaft stilisierten menschlichen Anwesenheit durch die Emojis im Zeichen der Kommunikation, leistet der Entwurf eine Umpolung der Situation. Aus dem passiven Durchleiden eines unangenehmen Durchgangsorts wird ein cooler, leuchtender und identitätsstiftender Passagenraum. Hier hält man sich nicht zuletzt auch deswegen gerne auf, um einladende Nachrichten aus Griesheim zu versenden“, beschreibt der Künstler sein Konzept.

Der Künstler verzichtet auf eine luxuriöse Ausstattung und setzt auf bodenständiges Material: Kacheln. Diese sind im Sinne einer späteren Unterhaltung pflegeleicht und günstig auszutauschen, ermöglichen aber gestalterischen Spielraum. Zum Einsatz kommen seidenglänzende Kacheln im Format 15x15 Zentimeter, ergänzt durch kleine Mosaiksteine in der Größe 2x2 Zentimeter, die stellenweise als Farbverlauf dienen. Die quadratischen Kacheln übernehmen die Funktion von Pixeln. Je größer der Abstand zu den Seitenwänden, desto besser wird das Emoji-Motiv erkennbar. Die zu bespielende Wandfläche misst etwa 280 Quadratmeter, hinzu kommen 125 Quadratmeter Decke. Für Letztere hat Baumann einen gelben Farbton vorgesehen – in Analogie zum Tageslicht.

Baumann sieht sich als experimentierfreudiger Forscher
Der gebürtiger Freiburger Anselm Baumann, Jahrgang 1958, versteht sich selbst als Forscher, der intensiv mit Farben, Materialien und Produktionstechniken experimentiert. Als gelernter Bildhauer kam er früh mit verschiedenen Materialien und Bearbeitungstechniken in Kontakt. Er gehörte zu den Stipendiaten der Akademie Schloss Solitude, seit 1991 arbeitet er als freischaffender Künstler in Frankfurt. Baumann ist Gewinner mehrerer Projekte, bei denen Kunst in Bauwerken integriert wird, so zum Beispiel im Treppenhaus der Technischen Universität in Mannheim. Aktuell hat er zudem einen Lehrauftrag an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach.

Die künstlerische Neugestaltung der Personenunterführung ist Teil des barrierefreien Umbaus des Bahnhofs Griesheim – ein Gemeinschaftsprojekt von Stadt und Bahn, das ab Frühjahr 2022 beginnt. Die Auslobung des Wettbewerbs wurde vom Amt für Straßenbau und Erschließung (ASE) in Kooperation mit Stadtplanungsamt, Kulturamt und Deutsche Bahn durchgeführt. Nun wird Baumann in enger Zusammenarbeit mit den Fachfirmen das Kunstwerk in der Unterführung umsetzen. Im Rahmen des Umbaus wird die Unterführung Alte Falterstraße zudem über zwei Aufzüge barrierefrei erschlossen. Der Treppenzugang wird am nördlichen Ende neu und offen gestaltet, sodass der Charakter eines Eingangstores zu den Stadtteilbereichen entsteht.

Umgestaltung des Bahnhofs ist Teil eines Entwicklungskonzepts
Mit der Neugestaltung der Unterführung wird der S-Bahnhof in Griesheim als Aushängeschild des Stadtteils gestärkt. Auch die Umgebung um den Bahnhof Griesheim soll zukünftig neu geordnet und gestaltet werden. Die Bahnhofsvorplätze sowie das Gebiet Griesheim-Stadtmitte nördlich der Bahn sind Teil des Bund-Länder-Programms Stadtumbau in Hessen. Ziel des Programms ist es, Stadtgebiete anhand von städtebaulichen Projekten aufzuwerten und durch öffentliche Fördergelder bestehende städtebauliche Funktionsverluste auszugleichen. 2018 und 2019 wurde in einem Prozess mit umfassender Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern, Institutionen und weiteren wichtigen Akteurinnen und Akteuren vor Ort der Stadtteil analysiert, mögliche Projekte diskutiert und ein auf das Quartier zugeschnittenes Handlungskonzept erarbeitet.

Das als Ergebnis entstandene Integrierte städtebauliche Entwicklungskonzept (ISEK) für Griesheim-Mitte besteht aus verschiedensten Vorhaben, die sukzessive in den kommenden Jahren umgesetzt werden sollen. (ffm)