„Turandot“ Dramma lirico von Giacomo Puccini in der Oper Frankfurt
Eiseskälte und Brutalität
Was für eine Inszenierung! Regisseurin Andrea Breth, ein Solitär der internationalen Theaterszene, hat die Oper von pompösen Klischees entschlackt. „Das Entsetzliche dieser Oper ist in meinen Augen, dass alles auf einen durchorganisierten terroristischen Staat hinweist“ (Gespräch mit Dramaturg Maximilian Enderle - Programmheft S. 6). Es müsse akzeptiert werden, dass es das Böse gibt.
In diesem Sinne hat Andrea Breth, künstlerische Mitarbeit Eva Di Domenico, das Drama, das 1972 zuletzt an der Oper Frankfurt zu sehen war, inszeniert. Der Beifall nach der Premiere der Neuproduktion am 12. April 2026 wollte nicht enden auch für das Sängerteam, das Orchester, den Chor und die Statisten.
Giacomo Puccini (1858-1924) bearbeitete mehrmals das Libretto, das Giuseppe Adami und Renato Simoni nach dem gleichnamigen Theaterstück von Carlo Gozzi verfasst hatten. Er war unzufrieden und wünschte bis kurz vor seinem Tod Änderungen am Text, den er nicht für endgültig hielt. Insofern hat er Turandot nicht vollendet. In Frankfurt wird die unvollendete Version gezeigt. Fast auf den Tag genau vor hundert Jahren wurde das Drama, das komplettiert wurde, im Teatro alla Scala, Mailand uraufgeführt.
Vor Beginn der Neuproduktion von Turandot wurde der Prolog Io tacerò („Ich werde schweigen“) der italienischen Komponistin Lucia Ronchetti, den die Oper Frankfurt in Auftrag gab, vorangestellt. Er ist der Sklavin Liù gewidmet, die schweigt, gefoltert wird und sich das Leben nimmt. Von den Mitgliedern des Chors, die rechts und links im Zuschauerraum stehen, sind nur naturalistische Geräusche zu hören. Wie Liù schweigen sie. Klänge von Trauer, Klage, Panik führen über in die Oper. Eine beeindruckende musikalische Idee.
Prinzessin Turandot weigert sich zu heiraten, obwohl ihr Vater das wünscht, auch um die Mordserie zu beenden. Wer die Prinzessin zur Frau haben will, muss drei Rätselfragen beantworten. Wer sie nicht beantworten kann, wird hingerichtet.
Prinz Calaf, der kriegsbedingt nach Peking geflohen ist, trifft hier seinen Vater Timur und dessen Sklavin Liù, die Liebesgefühle für Calaf hegt. Das Volk wurde derweil zusammengetrieben, um Calafs Exekution beizuwohnen. Turandot erscheint und bestätigt das Todesurteil. Bisher verurteilte Calaf die Brutalität der Prinzessin, ihr Anblick aber verwandelt ihn. Alles will er tun, um sie heiraten zu können. Er stellt sich den Rätselfragen, trotz Bitten des Vaters und Liù, es nicht zu tun. Auch die „Minister des Henkers“ Ping, Pang und Pong („Sie enthauptet! Ermordet! Erschlägt! Löscht aus! Ermordet! Löscht aus! Erschlägt!“ - II. Akt) machen ihm klar, falls er scheitert, müssen sie seine Beerdigung organisieren, wenn er gewinnt seine Hochzeit.
Kaiser Altoum, Turandots Vater, der buchstäblich unter der Mordmaschinerie, den seine Tochter brutal durchzieht, leidet, will Calaf zur Flucht verhelfen. Gier und Machtbestreben und angeblich Liebe treiben Calaf jedoch, die Prinzessin besitzen zu wollen. Er kann die Fragen beantworten. Aber Turandot will diesen fremden Mann nicht heiraten und begründet das mit der Erzählung über ihre Ahnin, die von einem fremden Prinzen geschändet und getötet wurde. Calaf stellt nun seinerseits ein Gegenrätsel: Sollte die Prinzessin bis zum Morgen seinen Namen nennen können, ist er bereit zu sterben. Vater Timur und Sklavin Liù kennen ihn natürlich. Auch unter der Folter gibt Liù ihn nicht preis. Sie schweigt und nimmt sich das Leben. Wird Turandot nach Liùs Suizid aus Liebe selbst zur Liebe finden? Undenkbar. „Turandot gleicht für mich einfach einer eiskalten Mörderin“ (Andrea Breth S. 8). Wir kennen reuelose Prozesse.
Zusammengepfercht hängt das Volk hinter großen Gitterstäben. Mit langen Stöcken halten Turandots Leibwächter - authentisch realisiert von den gebürtigen Japanern Jun Azuma, Tomoya Kawamura und Atsushi Takahashi - alle in Schach. Hinten links stehen Timur und Liù hinter Gittern. Gedanken an russische, chinesische, nordkoreanische, die Liste kann erweitert werden, Schauprozesse kommen auf. Johannes Leiacker, ein international agierender Bühnenausstatter, oft in Frankfurt, hat ein realistisches Bühnenbild entworfen, das die Werkstätten der Frankfurter Städtischen Bühnen wie so oft großartig umsetzten. Hinten Treppenstufen, die zum Palast führen und später Gefängniszellen zeigen. Ein aktueller Schauplatz, der das Geschehen in Turandot auf den Punkt bringt. Alexander Koppelmann steuert geschickt das Licht. Ursula Renzenbrink lässt die Prinzessin zuerst ganz schwarz verhüllt auftreten, dann hat sie sich für Turandot ein langes weißes Gewand ausgedacht. Ihr Gesicht ist durch eine weiße Maske den Blicken aller entzogen. Lange schwarze Gewänder tragen die Leibwächter, alle anderen Alltagskleidung.
Mit der aus Südafrika stammenden Sopranistin Elza von den Heever hat Regisseurin Andrea Breth sowohl sängerisch als auch spielerisch eine herausragende Turandot zur Verfügung. Wie sie die mythologischen Armrituale, die der Regisseurin einfielen, umsetzt, fasziniert. Es ist das erste Mal, dass sie die Rolle der Turandot singt und es freut sie besonders, diese an der Oper Frankfurt, wo sie von 2008 bis 2013 Ensemblemitglied war, singen zu können. Hier sammelte sie erste Bühnenerfahrung, war aber auch bereits weltweit engagiert. Im letzten Jahr gab sie bei den Bayreuther Festspielen ihre Stimme der Rolle der Elsa von Brabant aus Wagners Lohengrin.
Im II. Akt muss ihre Stimme nahezu das gesamte vokale Spektrum von Hoch nach Tief - und das in allen dynamischen Abstufungen - durchlaufen. Das betont Dirigent Thomas Guggeis im Gespräch (Programmheft S. 34). Die schwierige Partie der Turandot hat Elza van den Heever exzellent gemeistert. Abwechselnd wird die russische Sängerin Olesya Golovneva die Rolle übernehmen.
Calaf, interpretiert vom gebürtigen Koreaner Alfred Kim, der auch vier Jahre (2008/09-2012/13) Ensemblemitglied war, erfasst mit seinem Tenor spielerisch leicht die Höhen. Er ist egozentrisch und mitverantwortlich am Tod von Liù. Aufgrund seiner Leidenschaft für Turandot ist er bereit, das Volk von Peking in den Tod zu schicken. Überzeugende Darbietung.
Eine Idealbesetzung der Liù ist die in China geborene und ausgebildete Sopranistin Guanqun Yu. Wie sie singt und spielt - ein Geschenk.
In den Herren Minister Ping (Liviu Holender), Pang (Magnus Dietrich) und Pong (Michael Porter), alle drei vorzügliche Ensemblemitglieder, die sich manchmal komödiantisch-scherzend Luft verschaffen, darf man sich nicht täuschen. Sie sind wie der Mandarin - stark Ensemblemitglied Erik van Heyningen - und der Chor Repräsentanten von Turandots Terrorsystem. Inho Jeong und Thomas Faulkner werden sich abwechseln in der Rolle von Timur, dem Vater von Calaf. Der amerikanische Tenor Michel McCown gefiel als Kaiser Altoum. Ein Lob auch für die Statisten der Oper Frankfurt.
Eine Wucht die Chöre: der Chor und Extrachor der Oper Frankfurt (Manuel Pujol) und der Kinderchor der Oper (Álvaro Corral Matute), übernehmen gelegentlich die Hauptrolle. Manchmal brutale Töne, im nächsten Moment zarte. Das Volk wird in seiner Zwiespältigkeit dargestellt.
Ein großes Orchesteraufgebot - allein 22 erste und zweite Violinen - unter Leitung von Generalmusikdirektor Thomas Guggeis stehen der Aufführung zur Verfügung. Wie gewohnt musizieren die Mitglieder des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters ausgezeichnet: mal einfühlsam, mal brüsk und forsch. Feinfühlig begleiten sie das sängerische Team.
Gesungen wird zwei Stunden lang ohne Pause in italienischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln. Dieser außergewöhnliche Opernabend prägt sich ein.
Weitere Aufführungen am 25. April, 1., 3., 9., 14.,17., 23. und 29. Mai und zum letzten Mal in dieser Spielzeit am 4. Juni.
Anlässlich von Turandot spricht am 19. Mai Michel Friedman mit Andreas Voßkuhle, dem ehemaligen Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts, um 19 Uhr im Opernhaus über Demokratie.
Informationen: www.oper-frankfurt.de
Online-Tickets: oper-frankfurt.de/tickets
Telefonischer Vorverkauf: (069)212-49494
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