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Letzte Aktualisierung: 31.05.2020

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Tourismuschef Thomas Feda: ,Ich glaube an diesen Standort'

von ffm

(15.05.2020) Aktuell kommen kaum noch Touristen und Besucher nach Frankfurt. Messen und Feste fallen aus, Hotellobbys bleiben leer und Kneipen und Restaurants geschlossen. Die Coronakrise hat das Stadtbild der pulsierenden Metropole Frankfurt quasi über Nacht verändert.

TCF-Geschäftsführer Thomas Feda
Foto: Stadt5 Frankfurt / Thomas Krutsch
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Thomas Feda, Geschäftsführer der städtischen Tourismus+Congress GmbH Frankfurt am Main (TCF), spricht im Interview über die wirtschaftlichen Folgen und zeichnet auf, wie die touristische Belebung gelingen könnte.

Herr Feda, können Sie bereits abschätzen, wie sich die Coronakrise auf die Tourismuszahlen für das erste Halbjahr 2020 auswirken?
THOMAS FEDA: Auf jeden Fall wird es große Rückgänge bei den Übernachtungs- und Gästezahlen geben. Auch wenn es in den ersten zwei Monaten noch Zuwächse gab, ist für das erste Halbjahr 2020 sicherlich mit einem Rückgang im hohen zweistelligen Bereich zu rechnen. Wie genau sich das entwickelt, wird sich in der aktuellen Phase der touristischen Lockerungen zeigen. Für uns ist zumindest die Möglichkeit gegeben, wieder Touristen in Frankfurt zu empfangen. Wie es für uns im 3. Quartal weitergeht, ist schwer einzuschätzen, auch wenn ich glaube, dass es mit den Tourismuszahlen wieder nach oben gehen wird. Der Inlandstourismus wird sich in dieser Zeit sicher stärker bemerkbar machen, allerdings eher in ländlichen Destinationen. Wir fokussieren uns jetzt sehr stark auf das Thema Städte- und Kurzreisen mit hohem Kultur-, Erlebnis- und Shoppinganteil. Da hat Frankfurt ja einiges zu bieten.

Welche Folgen wird die aktuelle Lage für die TCF und für den Tourismus-Standort Frankfurt nach sich ziehen?
FEDA: Für uns als TCF hatte der Lockdown zur Folge, dass wir durch die Absagen unserer Feste und Veranstaltungen keinerlei Einnahmen mehr generieren konnten. Hinzu kommt, dass die erwarteten Einnahmen des Tourismusbeitrags in diesem Zeitraum komplett entfallen sind. Die ursprünglich auf sechs Millionen Euro geschätzten Einnahmen werden in diesem Jahr also nicht in vollem Umfang erreicht werden. Und gerade bei den Veranstaltungen sind uns durchaus mächtige Zugpferde wie etwa das Museumsuferfest und die Frühjahrs-Dippemess komplett weggebrochen, die jeweils auch touristische Wirkung besitzen.

Können Sie den finanziellen Schaden beziffern?
FEDA: Allein für die TCF dürfte der bisher entstandene Ausfall an Umsätzen im unteren siebenstelligen Bereich liegen. Genaue Zahlen kann ich noch nicht nennen. Aber die Rechnung ist simpel: Wir haben massive Einbußen, da unsere touristischen Angebote und Dienstleistungen wie Gästeführungen, Weekends und die Frankfurt Card sowie alle Veranstaltungen bis dato weggebrochen sind, während die Fixkosten natürlich weiterlaufen.

Messen, Volksfeste und der Betrieb des Flughafens sind komplett zum Erliegen gekommen. Wie stark wird Frankfurt hierdurch in seiner Wirtschaftskraft erschüttert?
FEDA: Über die Tourismus-Branche flossen laut einer Studie im Jahr 2019 allein in Frankfurt rund 100 Millionen Euro direkt in die kommunalen Kassen – bei einem Brutto-Umsatz von über vier Milliarden Euro. Anhand dieser Vergleichszahlen kann man bereits jetzt recht gut herunterbrechen, was dem städtischen Haushalt fehlen wird, wenn die Besucherzahlen nicht wieder steigen.

Sehen Sie eine Chance, die ausgefallenen Feste wie Dippemess, Wäldchestag oder auch Stadtführungen nachzuholen?
FEDA: Die Stadtführungen beginnen jetzt wieder unter Berücksichtigung der Abstands- und Hygieneregeln. Abgesagte Feste können allerdings nicht nachgeholt werden.

Ist das bisherige Geschäftsmodell der TCF sowie der hiesigen Gastronomie und Hotellerie nachhaltig beeinträchtigt oder ist in einigen Monaten wieder eine Rückkehr zur Normalität möglich?
FEDA: Beim Tourismus- und Kongressmarketing gibt es seit einiger Zeit ohnehin schon einen starken Trend in Richtung digitaler Vermarktungsstrategien. Solche Maßnahmen ersetzen nicht den Vorort-Termin auf einer Messe, sind aber eine nützliche Ergänzung. Zumal digitale Formate oft schneller, kostengünstiger und besser zu messen sind. Insofern ist das für uns nichts Neues. Es fehlt aber der persönliche Kontakt – und der ist enorm wichtig für Akquise und Bindung. Als Team der TCF haben wir normalerweise über 50 Einsätze im Aus- und Inland, von denen viele entfallen. Beunruhigt sind wir zudem auch wegen unserer Großveranstaltungen, bei denen wir nicht genau wissen, wann und in welcher Form diese wieder stattfinden können. Bei der Planung werden gerade Sicherheits- und Hygienestandards eine wichtige Rolle spielen. Menschen, die nach Frankfurt, etwa zum Weihnachtsmarkt kommen, werden sich vor allem die Frage stellen, ob ihr Ausflugs- oder Urlaubsziel gewisse Sicherheitsstandards erfüllt.

Gehen auch Sie vom oft postulierten Gastro- und Hotelsterben aus, zu dem die Coronakrise führen könnte?
FEDA: Das hängt stark vom Standort ab. Ich glaube, wir haben in Frankfurt sehr gute Voraussetzungen, um relativ schnell wieder aus den Startlöchern zu kommen. Diese Stadt verfügt über die größte Messe und den größten Flughafen Deutschlands. Eingerechnet der Bankendichte gibt es viele Gründe, die Frankfurt zur Reisedestination für Touristen und Geschäftsreisende machen. Das sind sehr günstige Rahmenbedingungen im Vergleich zu anderen Standorten. Ich bin auch überzeugt davon, dass die hiesige Hotellerie und Gastronomie anders aufgestellt ist als etwa im ländlichen Raum. Sicher wird es auch in dieser Stadt Unternehmen geben, die ihre Existenz nicht fortführen können. Wer schon vorher nicht gut aufgestellt war, für den wird es jetzt natürlich kritisch.

Sie sind ein Mensch der Tat und niemand, der sich in melancholischen Rückschauen ergeht. Aber wie schaffen Sie es, trotz dieser deprimierenden Ausgangslage optimistisch in die Zukunft zu schauen?
FEDA: Ich finde, man muss immer in der Lage leben. Da ich lange Zeit Soldat war, prägt diese Haltung meine Arbeits- und Denkweise. In dieser hochdynamischen Phase gilt es, aktuell zu reagieren. Lamentieren bringt einen jetzt nicht weiter. Ich glaube an diesen Standort, der sich schon bei anderen Krisen durchgesetzt hat. Mit der Normalität, wie wir sie vor Corona kannten, werden wir absehbar nicht kalkulieren können. Der Weg zurück in die ,alte\' Normalität muss – auch aufgrund der guten Strukturen dieser Stadt – mittelfristig wieder unser Ziel sein. Im Zuge der Lockerungen ist es jetzt vor allem im Marketing wichtig, Aufmerksamkeit und Inspiration für Frankfurt zu schaffen und den Gästen Transparenz, Vertrauen und Sicherheit zu vermitteln.

Sind Sie der Ansicht, dass Bund, Land und Stadtverwaltung mit den getroffenen Maßnahmen richtig gehandelt haben?
FEDA: Ich habe die bisher getroffenen Entscheidungen als verantwortungsvoll und weitsichtig empfunden – auch wenn mancher Einschnitt schmerzhaft war. Allenfalls hätte ich mir auf Länderebene etwas mehr Gleichklang gewünscht. Das hätte für größere Planungssicherheit in unserem Sektor gesorgt, der mit am stärksten von den Maßnahmen betroffen ist. Gerade bei der Durchführung von Veranstaltungen herrscht immer noch Unsicherheit. Vor allem für Schausteller hat die Absage von Festen dramatische Auswirkungen. Ebenso für Künstler, DJs und Musiker. Für diese Berufsgruppen kamen die Maßnahmen quasi einem Berufsverbot gleich. Hier sollte über gezielte Unterstützungsmaßnahmen nachgedacht werden. (ffm)