Thomas Bayrle „Fröhlich sein“: letzte Ausstellungstage in der Frankfurter SCHIRN
Ein visueller Analytiker der Gegenwart oder Individualität im Raster
In der Dondorf-Druckerei, dem derzeitigen Interimsstandort der SCHIRN, ratterten einst Maschinen, nun rattern dort Motoren wie Rosaire (2012), ein freigelegter Citroen-2-CV-Motor, synchronisiert mit Rosenkranzgebeten auf Französisch, wippen Scheibenwischer. Automediation - Set aus vier wuchtigen Autoreifen - (1987 / 2017) ist die Kunstidee genannt.
Über 50 Werke aus den letzten zwanzig Jahren sind in der Soloschau von Thomas Bayrle ausgestellt. Sie befassen sich mit grundlegenden Aspekten der modernen Gesellschaft. Etwa wie Religion und Gesellschaft oder wie Individuum und Masse zusammenhängen. Die Schau zeigt Malerei und Grafik, Skulptur und Objektkunst, Soundinstallationen und eine Videoarbeit.
Thomas Bayrle ist eine Legende. Geboren 1937 in Berlin, kam er 1953 nach Frankfurt. Nach einer Lehre als Weber in Göppingen studierte er 1958 bis 1961 an der Werkkunstschule Offenbach am Main - heute Hochschule für Gestaltung. Zusammen mit seinem Studienfreund, dem Künstler Bernhard Jäger (*1935) - https://www.frankfurtlive.com/bernhard-jaeger-der-lange-weg-der-figur - gründete er die Gulliver Presse, in der unter anderem Künstler- und Literaturbücher verlegt wurden. Mit 34 Jahren war Bayrle Stipendiat der Villa Massimo und nahm an der documenta teil, hatte eine Gastprofessur in Tokio. Ab 1975 war er 27 Jahre Professor an der Städelschule in Frankfurt am Main. Seine Werke befinden sich in bedeutenden Museumssammlungen und er hatte zahlreiche internationale Einzel- und Gruppenausstellungen.
Das christliche Thema der Pietà (Mitleid) hat den Künstler mehrfach beschäftigt, unter anderem Michelangelos weltberühmte Marmorskulptur (1499) im Petersdom in Rom. Er hat sie iPhone Pietà (2017) genannt, andere haben die Bezeichnungen wie Pietà red cars, Pietà (Flugzeug). Die Autobahn, das Auto tauchen als Motiv immer wieder auf - so auf dem Kreuz. Die Schau zeigt auch Porträts wie die von Medienstar Kim Kardashian, die sich aus vielen kleinen Lippenstiften zusammensetzen.
Neun Exponate sind seiner Frau Helke Bayrle (1941-2022) gewidmet, mit der er 61 Jahre verheiratet war. Die Künstlerin Helke Bayrle filmte seit 1992 den Aufbau von mehr als 180 Ausstellungen des Frankfurter Portikus, der mit der Städelschule verbunden ist, und schuf damit fantastische Zeitdokumente und Porträts. Er hat seine Ehefrau mit der charakteristischen Baskenmütze und der Kamera nach ihrem Tod festgehalten. Mit seiner typischen Rasterstruktur schafft er eine erkennbare Darstellung.
Aus dem Sehen und Staunen kommt man bei dieser Ausstellung, die Matthias Ulrich kuratiert hat, nicht heraus. In ihrer Einmaligkeit ist sie spektakulär.
Die Ausstellung "Thomas Bayrle Fröhlich sein!" schließt am Sonntag, den 10. Mai 2026.
Eine letzte Führung in einfacher Sprache findet am Dienstag, den 5. Mai, um 17.30 Uhr statt.
Die Kunsthalle SCHIRN, derzeit in der ehemaligen Dondorf-Druckerei neben dem Bockenheimer Depot untergebracht, ist Dienstag bis Sonntag von 10 bis 19 Uhr geöffnet. Sie ist barrierefrei zugänglich.
www.schirn.de
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