„Süsser Vogel Jugend“ von Tennessee Williams im Schauspiel Frankfurt
Rausch, Lust, Angst, Lüge
Kalt ist das große Hotelzimmer, in dem Schauspieler Chance Wayne, Anfang dreißig, und die alternde Filmdiva Alexandra del Lago, bekannt als Prinzessin Kosmopolis, Quartier nahmen. Das Hotel liegt in St. Cloud, dem Geburtsort von Chance Wayne, dem Ort, wo er sich vor Jahren an der 15Jährigen Heavenly aus reichem, erzkonservativem Haus vergan-gen haben soll. Erwartet er wirklich, sie wiederzusehen und mit ihr reden zu können?
Gleich zu Beginn, während die Diva noch im Bett liegt, stürmt Arzt George Scudder (Andreas Vögler), der zum Umfeld des rechten Politikers, dem Vater von Heavenly gehört, herein. Es kommt zu einer heftigen Auseinandersetzung. Durch die sprachliche Heftigkeit und seine Nervosität ist Chance Wayne schwer zu verstehen. Schläft die Diva noch oder tut sie nur so?
Wie in einem Versuchslabor agieren die beiden, die sich gegenseitig ausnutzen. Alexandra bringt es auf den Punkt: „Monster sind wir alle beide“, aber sie habe wenigstens etwas geschaffen. Er aber sei an seinen Geburtsort zurückgekehrt zu einem Mädchen, das nichts von ihm wissen wolle, „weil du ihren Körper so verschmutzt hast, dass sie ausgeweidet und an einem Fleischerhaken gehängt werden musste, wie ein geschlachtetes Vieh“ (Zitat aus Programmheft S.16).
Regisseur Max Lindemann gelingt in diesem Hotel-Laborkasten, diese beiden Monster psychologisch grandios zu führen. Brutal, dann versöhnlich, sexbegierig, zerfetzen sie sich.
Vor allem das differenzierte Spiel von Katharina Linder, angstvoll, selbstbewusst, verzweifelt, bösartig, triumphierend, ist hervorragend. Sie ist die bestimmende Größe dieses ersten, langen Teils der Aufführung. Chance Wayne ist ein Außenseiter, er schüttet sich mit Alkohol zu, schluckt oft Pillen, beides unterstützt seine Gewalttätigkeit, nur gelegentlich hat er Züge von Menschlichkeit. Der 1994 im Iran geborene Arash Nayebbandi gibt dieser Rolle große Wucht. Der Schauspieler wuchs in Köln auf, studierte in Hannover, wurde ausgezeichnet unter anderem von „Theater Heute“ als bester Nachwuchsschauspieler. Seit 2023/24 gehört er zum Ensemble des Schauspiel Frankfurt. Er hat sicher auch anfangs Ausgrenzung erfahren. Leider war er in der Premiere gelegentlich schlecht zu verstehen. Das könnte sich aber nach mehreren Aufführungen geändert haben.
Kalt ist die Wohnung der reichen Politikerfamilie. Durch sieben Türen ist sie zugänglich. Aufgelockert hat sie Bühnenbildnerin Signe Raunkjær Holm durch Pflanzeninseln, auf denen man sitzen und reden kann. Kostüme schuf Eleonore Carrière und das Licht steuerte Jan Walther.
Boss Tom Finley, überzeugend Sebastian Kuschmann, hat seine Familienmitglieder und deren Umfeld eiskalt im Griff. Seine rassistische Ansprache als Politiker gewinnt durch das Video von Kaethe Olt. Ein großer starker Moment, der die Aktualität bewusst macht, wie Rieke Havertz im Programmheft schreibt: „Donald Trumps Arbeit an einem weißen Amerika hat erneut mit aller Kraft begonnen“ (Zitat aus dem Beitrag Black Lives [maybe] Matter -S. 23). Alle werden durch diesen Rechtsextremisten durch Androhungen zur Teilnahme bei der Rede gezwungen. Die Tochter (Lotte Schubert) versucht, sich zu wehren, vergebens, denn er droht, Chance Wayne kastrieren zu lassen. Sohn (Torsten Flassig), selbst ein Rassist, ordnet sich unter wie Tante Nonnie (Angelika Bartsch) und Miss Lucy (Anabel Möbius). Stuff, Bediensteter (Mitja Over) stapft durchs Geschehen. Da Rollen doppelt übernommen werden, wird manchmal die schnelle Auffassung erschwert.
Die Stücke des amerikanischen Schriftstellers Tennessee Williams (1911-1983), in Mississippi geboren, sind geprägt von der Schönheit, aber auch der Brutalität, den Nachwirkungen von Sklaverei.
Süsser Vogel Jugend schrieb Williams 1959, wenige Jahre vor der Bürgerrechtsbewegung der Schwarzen in den USA. Das Stück wurde am Broadway ein Riesenerfolg und sogar verfilmt. Am 6.Oktober 1959 fand die Erstaufführung am Berliner Schiller-Theater statt mit der grandiosen Marianne Hoppe als Alexandra Del Lago. Deren Darstellung wurde gewürdigt, das Stück selbst aber als widerwärtig und obszön, was es auch ist, abgelehnt.
Regisseur Max Lindemann hat vor allem mit den beiden Hauptdarstellern Arash Nayebbandi als Chance Wayne und Katharina Linder als Diva einen aktuellen, spannenden, psychologisch tiefen Theaterabend dem Publikum beschert. Begeisterung. Unbedingt hingehen.
Weitere Vorstellungen am: 15., 23., 24., 27. April, am 3., 9. und 16. Mai
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Karten telefonisch: (069)21249494
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