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Letzte Aktualisierung: 23.10.2020

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Straßenproteste, Kennedy-Besuch, Farbfernsehen

Bewegte 1960er Jahre in Frankfurt

von Karl-Heinz Stier

(04.02.2020) Die 60er Jahre waren weltpolitisch ein aufregendes Jahrzehnt. Die Stichworte: Bau der Berliner Mauer, die Kuba- Krise, der Einmarsch der USA in Vietnam; die Kulturrevolution in China, die Niederschlagung des Prager Frühlings, der Russe Juri Gagarin als erste Mensch auf dem Mond.

Bildergalerie
Die Erläuterer der neuen Ausstellung (v.l.n.r.): Dr. Rene Heinen, Geschäftsführer des Societäts-Verlages, Franziska Kiermeier, Leiterin der Abteilung Zeitgeschichte und Gedenken, und Kurator Dr. Markus Häfner.
Foto: Karl-Heinz Stier
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Demonstrationen gegen die Notstandsgesetze
Foto: Karl-Heinz Stier
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Kennedy in Frankfurt
Foto: Karl-Heinz Stier
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Gastarbeiter-Unterkünfte
Foto: Karl-Heinz Stier
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Die Hesselbachs
Foto: Karl-Heinz Stier
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Vieles hat auch die Bundesbürger interessiert. Das Land befand sich im Umbruch. Fernsehen und Kühlschränke bestimmten den Alltag, der Wunsch nach Luxus und Konsum wuchs, Supermärkte und Reisen veränderten die Lebensweise und die Mobilität. Letztere nahm durch den PKW erheblich zu.

Freilich blieb das alles nicht ohne Einfluss auf Frankfurt. Das Institut für Stadtgeschichte hat darüber eine Ausstellung konzipiert und ein Begleitbuch dazu vorgestellt. Der Titel heißt: „Bewegte Zeiten: Frankfurt in den 1960er Jahren“. Die von Dr. Markus Häfner, Leiter der Abteilung Public Relations des Instituts, kuratierte Schau zeichnet mit Fotos, Dokumenten, Filmen und Objekten aus den Archivbeständen ein facettenreiches Bild der Jahrzehnte in  Frankfurt nach. Sie ist bis zum 8. November im Karmeliterkloster, Münzgasse 9, zu sehen.

Hier einige Höhepunkte, die die Frankfurter schwerpunktmäßig bewegten
Da prägten die Stadt Demonstrationen und Protestaktionen für die 40-Stunden-Woche und eine bessere Bezahlung. Man setzte sich für Rüstungskontrollen, Frieden und Abrüstung, gegen die Pläne zur Notstandsgesetzgebung und gegen die Bildungsmisere mit ihren verkrusteten Strukturen und den Forderungen nach einem radikalen gesellschaftlichen Umbruch ein. Der Tod des Studenten Benno Ohnesorg durch die Polizei in Berlin brachte in einem Schweigemarsch in Frankfurt 20 000 Studenten und Studentinnen auf die Beine. Und nicht ohne waren die Ostermärsche, die gelegentlich auch in Krawallen ausarteten. 1969 verlor die Studentenbewegung an Zugkraft, vor allem als es auch zwischen dem von den Studenten bisher verehrten Professor Adorno zum Bruch zwischen Lehrkörper und Studenten kam. Kurze Zeit später starb Adorno an einem Herzinfarkt in der Schweiz.

Da war der Besuch des amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy. Mit ihm war während seiner Deutschlandreise am 25. Juni 1963 der erste US-Präsident in der Mainmetropole. Auf den Straßen jubelten ihm 150 000 Menschen wie einem Pop-Star zu. Auf dem Römerberg waren es 60 000, die seine Ansprache immer wieder durch Kennedy-Rufe unterbrachen. Er würdigte in seiner Rede die Wiederaufbauleistung Frankfurts und die demokratische Tradition der Stadt. In einer Grundsatzrede in der Paulskirche  verkündete er seine Programmatik einer transatlantischen Bewegung.

Die Begeisterung um seinen Deutschlandbesuch und vor allem den von Frankfurt hat ihn tief beeindruckt. So riet er seinen Nachfolgern: „Wenn Sie einmal niedergeschlagen sind, dann reisen sie nach Deutschland“. Kennedy sollten jedoch weitere Besuche verwehrt bleiben. Am 22. November 1963 wurde er in Dallas erschossen. Drei Tage nach dem Attentat versammelten sich Tausende Frankfurter*innen in einem Trauermarsch zum Römerberg.

Da war auch der Umgang mit der NS-Vergangenheit. Er bestimmte in den 60er Jahren den öffentlichen Diskurs stadt- und bundesweit. Mit den Frankfurter Ausschwitz-Prozessen vollzog die deutsche Justiz eine Kehrtwende in ihrer Vergangenheitsbewältigung. Generalstaatsanwalt Fritz Bauer trieb die Aufarbeitung der NS-Verbrechen maßgeblich voran und erreichte, dass Verfahren gegen Einzelpersonen vermieden, sondern vielmehr Tatkomplexe gebündelt vor dem Frankfurter Landgericht verhandelt wurden. „Insgesamt beleuchtet die Ausstellung 25 Ereignisse, Entwicklungen und Entscheidungen aus diesem bewegten Jahrzehnt“, erläuterte Häfner den Facettenreichtum der Ausstellung.

Weitere Themen beleuchten den Mangel an Wohnraum in Frankfurt, der dem von heute nichts nachstand (die Bauanlage Nordwest-Stadt), die U- und S-Bahnen  verhinderten einen Verkehrskollaps, billige Arbeitskräfte kamen aus dem Süden Europas als Gastarbeiter*innen 1960 in großer Zahl nach Frankfurt und versuchten mit ihren Familien sesshaft zu werden. Das Fernsehen trat seinen Siegeszug an mit Couch statt Kinosessel. Der Hessische Rundfunk ging nach ARD und ZDF als erste der Dritten Programme 1964 an den Start und ergänzte das Programm um eine lokale Komponente („Familie Hesselbach“). Wolf Schmidt – Autor und Hauptdarsteller – wollte sich schließlich von den  Hesselbachs lösen. Doch seine neuen Ideen waren ein Flop.

Ein monatlich höheres Verdienst der Bevölkerung über die 60er Jahre hinweg (890 DM – 1970) sorgten für eine technisierte Hausarbeit, größere Ausgaben für mehr Genussmittel und neue Wohnungseinrichtungen. Schauspiel und Oper setzten durch einen großzügigen Theaterneubau Zeichen.

„Begleitpublikationen und Ausstellung wollen zur eigenen Auseinandersetzung mit der Stadtgeschichte anregen und Einblicke in die Vielfalt des Archivgutes bieten“, so Franziska Kiermeier, Leiterin der Abteilung Zeitgeschichte und Gedenken im Institut für Stadtgeschichte. Daher zeigt das Institut aus seinen Beständen Wahlwerbung der Parteien, Papiermodelle und Erinnerstücke an die U-Bahn-Eröffnung, Theaterprogramme, Flugblätter gegen den Vietnamkrieg sowie Gesellschaftsspiele, Kataloge und Produktwerbung.

Es gibt auch ein umfangreiches Begleitprogramm. Mehr darüber unter www.stadtgeschichte-ffm.de oder Tel.: (069)21238425. Öffnungszeiten Mo-Fr 10 bis 18 Uhr, Sa & So 11 -18 Uhr.  Der Eintritt ist frei.

Das Buch „Bewegte Zeiten- Frankfurt in den 1969er Jahren“ ist im Buchhandel für 18 Euro erhältlich.