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Letzte Aktualisierung: 24.09.2021

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Stadtentwässerung Frankfurt hilft in Bad Neuenahr-Ahrweiler

von Ulf Baier

(03.08.2021) Wer in die vom Hochwasser verwüstete Stadt Bad Neuenahr-Ahrweiler fährt, der sieht an jeder Ecke, an jeder Hauswand, getrockneten Schlamm. Mal hat sich die bräunlich-graue Masse als zweite Schicht über den Asphalt gelegt, mal säumt sie als kniehohe Haufen den Fahrbahnrand oder hat ihre schmierigen Spuren an den Fassaden der Häuser hinterlassen.

Marcel Klein und Jörg Appel im Einsatz in Ahrweiler,
Foto: Stadt Frankfurt, Foto Ulf Baier
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Wer auf dem Weg zu Jörg Appel von der Stadtentwässerung Frankfurt am Main (SEF) ist, dem kommen immer wieder Lastwagen in unterschiedlichen Farben entgegen: blaue vom Technischen Hilfswerk, rote von der Feuerwehr und olivgrüne der Bundeswehr. Der Verkehr auf der Straße scheint wieder zu fließen, einigermaßen.

Eine Etage tiefer, im Abwassernetz der 30.000-Einwohner-Gemeinde am Südrand der Eifel, ist das nicht der Fall. Die Schlammmassen verstopfen die Leitungen. Etwa zweieinhalb  Wochen ist es her, als die Ahr nach Starkregen über die Ufer trat und den Ort mit der malerischen Altstadt überflutete. Der reißende Strom zerstörte nicht nur Häuser und tötete Menschen, sondern legte die Infrastruktur des Ortes einschließlich Kanalisation lahm. Diese wieder flott zu bekommen, das ist der Job von Appel und seinen Kollegen.

Die sechs SEF‘ler helfen im Hochwassergebiet, Hand in Hand mit den Kollegen anderer kommunaler und privater Betriebe. Der Versorger Mainova unterstützt bei der Wiederinstandsetzung des Stromnetzes. Vom Verband Kommunaler Unternehmen (VKU) sind zur Unterstützung insgesamt 35 Fahrzeuge und mehr als 80 Mitarbeiter öffentlicher Entwässerungsbetriebe aus der gesamten Republik im Einsatz. In Teilen des Ahrtales waren Wasserver- und -entsorgung komplett zerstört, das Ausmaß vieler Schäden wird sich erst nach genauer Prüfung zeigen. „Das sind die schlimmsten Schäden seit dem Zweiten Weltkrieg“, sagt einer aus dem Team.

Appel steht gerade mit Marcel Keim an den zwei orangenen SEF-Spezialfahrzeugen mit ihren Tanks, zwei Schläuche führen durch den geöffneten Kanaldeckel nach unten. „Wir machen gerade den Überlaufkanal in die Ahr frei“, sagt Appel. Ein dünner Schlauch drückt Wasser zum Spülen in den Kanal, durch den anderen wird der Schlamm abgesaugt. Keim steuert über die Tasten des Bedienfeldes Wasserdruck und andere Parameter. Beim Spülen wird Wasser mit bis zu 160 bar in die Rohre gepresst, um sie wieder frei zu bekommen.

Es ist der vierte Einsatztag von Appel und seinen Kollegen. „Ich habe hier eigentlich schon alles gesehen“, berichtet Appel. So seien schon Schubladen durch die Kanalisation getrieben. In solchen Fällen klettert einer der Männer hinab und holt das Treibgut nach oben, während ihn ein anderer sichert. Schlimmeres hat die SEF-Mannschaft noch nicht gesehen, was aber jederzeit passieren kann. So fanden die Mitarbeiter eines anderen kommunalen Entsorgers bei der Bergung eines Autos darin Leichen.

Ihre technische Ausstattung hilft den Männern von der SEF, mit unterschiedlichen Lagen umzugehen. Je nach Ausführung können die Fahrzeuge dem abgesaugten Schlamm das Wasser entziehen, wenn sie spülen. Ein klarer Vorteil, wenn Hydranten in bestimmten Straßenzügen nicht zur Verfügung stehen, weil das Rohrnetz defekt ist. Aktuell nutzen die davon betroffenen Bewohner Ahrweilers Wassertanks aus milchig weißem Kunststoff, die am Straßenrand stehen.

Die Folgen für die Umwelt werden bleiben
Einige Kilometer weiter arbeitet Steffan Schulz mit einem weiteren orangenen SEF-Fahrzeug, hinter ihm die historische Stadtmauer.  Auch hier führt durch den offenen Kanaldeckel ein Schlauch. Der Blick hinunter lässt eine sämig fließende Masse erkennen. „Da siehst du den Schlamm. Das fließt viel zu langsam“, erläutert der Fachmann. Auf einmal ändert sich der Geruch, der aus dem Schacht steigt. Unter die feucht und leicht faulig riechende Luft mischt sich der Duft von Heizöl. Ein Phänomen, das den SEF-Männern regelmäßig begegnet. Denn die Flut drang in viele Heizungskeller in der rheinland-pfälzischen Kurstadt ein. Über die Regenwasserkanäle gelangt der Stoff in die Ahr, deren Klärwerke ebenfalls beschädigt sind. Mit diesen Folgen der Flut wird die Umwelt noch lange zu kämpfen haben.

Mittlerweile ist Schulz‘ Bruder und Kollege Christian dazu gekommen. Auf die Männer in ihrer orange-blauen Arbeitskleidung gehen zwei weitere in signalgelben Jacken hinzu, Mitarbeiter der Wiesbadener Stadtentwässerung. „Wir haben gehört, Ihr könnt pressen?“, fragt einer. Die Frankfurter bejahen. Unter Pressen verstehen die Entsorger ein spezielles Reparaturverfahren, mit dem sich Schläuche reparieren lassen. Eine Fähigkeit, die aktuell in Ahrweiler selten ist. Die SEF-Kollegen helfen, selbstverständlich.
„Ich soll mich bei den Frankfurtern melden“

Verschiedene Pläne hängen links und rechts an den weißen Blechwänden des SEF-Kastenwagens, davor steht Norbert Elfers in seinem orangenen Arbeitsanzug. Mit einem Stift zeigt er auf einen gelb markierten Straßenzug. „Da waren wir schon. Und hier müssen wir noch hin“, erklärt er. Die Pläne zeigen in unterschiedlichen Ausschnitten das Kanalnetz der Stadt. Bevor der Einsatz losging, hat sich die SEF diese Unterlagen erhalten, auf die Laptops des Teams gespielt und großformatig ausgedruckt. So lässt sich besser der Überblick behalten.

Neben dem Plan an der rechten Wand kleben Zettel mit Telefonnummern der Ansprechpartner anderer – vornehmlich kommunaler – Unternehmen. „Immer wieder kommen Leute und sagen: ‚Ich soll mich bei den Frankfurtern melden‘“, erläutert Elfers. Wenn er nicht gerade selber draußen Hand anlegt, koordiniert der Fachmann anhand von Prioritäten und Fähigkeiten den Einsatz der unterschiedlichen Teams. Wie ist es dazu gekommen? „Die konnten das nicht mehr leisten“, erinnert sich ein anderer SEF-Mitarbeiter. Die Naturkatastrophe verlangt der kleinen Stadt Bad Neuenahr-Ahrweiler viel mehr ab, als ihrer Verwaltung möglich ist.

„Ich soll mich bei den Frankfurtern melden“
Verschiedene Pläne hängen links und rechts an den weißen Blechwänden des SEF-Kastenwagens, davor steht Norbert Elfers in seinem orangenen Arbeitsanzug. Mit einem Stift zeigt er auf einen gelb markierten Straßenzug. „Da waren wir schon. Und hier müssen wir noch hin“, erklärt er. Die Pläne zeigen in unterschiedlichen Ausschnitten das Kanalnetz der Stadt. Bevor der Einsatz losging, hat sich die SEF diese Unterlagen erhalten, auf die Laptops des Teams gespielt und großformatig ausgedruckt. So lässt sich besser der Überblick behalten.

Neben dem Plan an der rechten Wand kleben Zettel mit Telefonnummern der Ansprechpartner anderer – vornehmlich kommunaler – Unternehmen. „Immer wieder kommen Leute und sagen: ‚Ich soll mich bei den Frankfurtern melden‘“, erläutert Elfers. Wenn er nicht gerade selber draußen Hand anlegt, koordiniert der Fachmann anhand von Prioritäten und Fähigkeiten den Einsatz der unterschiedlichen Teams. Wie ist es dazu gekommen? „Die konnten das nicht mehr leisten“, erinnert sich ein anderer SEF-Mitarbeiter. Die Naturkatastrophe verlangt der kleinen Stadt Bad Neuenahr-Ahrweiler viel mehr ab, als ihrer Verwaltung möglich ist.

Viele Schäden sind noch nicht bekannt
„Ich kenne die Leute und ihre Fahrzeuge und kann so einschätzen, wen ich wohin zu schicken habe – zum Beispiel die Michaela“, sagt Elfers. Die Frau aus Wuppertal arbeitet für ein privates Unternehmen und fährt ein vergleichsweise kleines Fahrzeug. „Das eignet sich ideal für die Altstadt mit den engen Straßen“, erläutert der SEF-Mann. Der Weg zu Michaelas aktuellem Arbeitsplatz führt wieder über Schlamm, der noch nass ist. An einigen Stellen haben die Wassermassen das Kopfsteinpflaster darunter weggespült. Die Erdgeschosse der Häuser rechts und links der Straße sind leer, der Eingang eines leeren Altersheimes erinnert an eine Bombenexplosion.

An einem geöffneten Deckel steht eine Frau mit langen, grauen Locken, in ihren Händen hält sie einen großen Schlauch. Im Gesicht auf dem orangenen Arbeitsanzug Schlammspritzer. Michaela saugt gerade einen Bachlauf frei, der in großen Teilen in Rohren verläuft. Beim Blick in den Schacht schimmert Oberfläche des dünnflüssigen Breis ölig. „Das kann alles sein. Hier sind auch Betriebe mit Chemikalien überflutet worden“, sagt sie, während sich über die modrig riechende Luft der nassen Altstadt der säuerliche Gestank von Müll legt. Gleichzeitig künden die Geräusche von Bohrhämmern von den Arbeiten in den Häusern.

Elfers zeigt auf die Straßenoberfläche und weist auf ein weiteres Problem hin: „Vieles ist unterspült und was darunter los ist, wissen wir nicht.“ Die Wassermassen dürften an etlichen Stellen den Boden ausgewaschen haben. Das wiederum führt zu Setzungen im Erdreich, welche die Abwasserrohre beschädigen. Denn aktuell kann die SEF nur den „Grundfluss“ in den Kanälen wieder herstellen, wie es in der Fachsprache heißt.

Der Zusammenhalt ist immens
Das ist allerdings eine Herausforderung, welche die Männer der SEF und ihre Kollegen an ihre Grenzen führt. Los geht es morgens gegen sieben Uhr, Feierabend ist irgendwann gegen neun. Die meisten schlafen auf Feldbetten in einem Dorfgemeinschaftshaus außerhalb Ahrweilers. „Danach machst Du nichts mehr“, beschreibt Thomas Dehlen den körperlichen und mentalen Zustand nach 14 Stunden Arbeit und strahlt trotzdem zufrieden.

Denn das Erlebnis von Dankbarkeit und Zusammenhalt entschädigt für viele Härten. „Was hier menschlich rüberkommt, ist immens“, sagt Dehlen. „Die Leute hier geben sich echt Mühe“, pflichtet ihm Christian Schulz bei. Das kann ganz praktisch sein. So hängt am Eingang einer Kneipe, in der die Besitzer am Neubeginn arbeiten, ein handgemaltes Schild „Getränke und WC für Helfer offen“. Sollte sich der Hunger melden, gibt es Stärkung an einem der Verpflegungsstände, die Freiwillige eingerichtet haben. Wer an den Häusern mit leerem, unbewohnbarem Erdgeschoss vorbeifährt, den beeindrucken die immer wieder mit Worten wie „Danke Helfer – Ihr seid toll!“ beschriebenen Betttücher an den Fenstern des ersten Stockes.

Wiederaufbau wird Jahre dauern
Die Teams der SEF mit bis zu sechs Leuten bleiben jeweils eine Woche im Überschwemmungsgebiet. Ablösung ist am sonntags. Jeder der Mitarbeiter nimmt freiwillig an den Einsätzen teil. Der Einsatz ist zunächst für zwei Wochen geplant, mit der Möglichkeit der Verlängerung um weitere zwei Wochen.

Irgendwann in den kommenden Wochen werden die Helfer abgereist sein, auch die Männer der SEF. Auch die Autowracks auf den Straßen und Wiesen dürften bis dahin verschwunden sein.  Doch die Folgen der Verwüstung werden die Anwohner noch länger begleiten. Es bleiben zerstörte Straßen, abbruchreife Häuser und eine in ihrer Substanz schwer beschädigte Infrastruktur. Deren vollständiger Wiederaufbau wird Jahre dauern. (ffm)