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Letzte Aktualisierung: 20.01.2022

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Stadt Frankfurt trauert um Trude Simonsohn

von Ilse Romahn

(07.01.2022) Im Alter von 100 Jahren ist die Holocaust-Überlebende Trude Simonsohn am 6. Januar verstorben. Das hat die Jüdische Gemeinde mitgeteilt. Sie war Ehrenbürgerin der Stadt Frankfurt und setzte sich viele Jahre als Zeitzeugin für die Erinnerungskultur ein. Die Stadt Frankfurt spricht den Angehörigen ihre Anteilnahme aus.

Trude Simonsohn
Foto: Stadt Frankfurt am Main, Foto: Heike Lyding
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Oberbürgermeister Peter Feldmann: „Trude Simonsohn war unsere Ehrenbürgerin – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Denn es war eine Ehre, dass sie bei uns in Frankfurt lebte. Dass sie unserem Land, unserer Stadt nach allem, was wir ihr und ihrer Familie angetan haben, eine zweite Chance gab, ist für mich bis heute ein unbegreifliches Geschenk. Verdient hatten wir es nicht. Aber wir haben es gebraucht. Trude Simonsohn stand nicht nur für das, was war, sondern vor allem für das, was sein kann. Eine Zukunft ohne Hass, eine offene Gesellschaft, eine Kultur des Respekts. ‚Trag nicht so dick auf‘, würdest Du, liebe Trude, in Deiner bescheiden Art jetzt vermutlich sagen. Doch es muss gesagt werden: Du fehlst uns schon jetzt. Auch mir ganz persönlich. Denn Dein Mann und Du haben meinen Vater motiviert, nach der Nazi-Zeit nach Frankfurt zu kommen. Dank Dir bin ich heute Frankfurter.“
 
„Trude Simonsohn und ihre Begeisterung für das Leben wird mir persönlich sehr fehlen“, sagt Bürgermeisterin Nargess Eskandari-Grünberg: „Jede Begegnung mit ihr, vor allem beim Treffpunkt für die Überlebenden der Shoah, zeigten, wie wichtig Trude Simonsohns sehr persönliches Engagement war, gerade jungen Menschen von ihrem Leben zu berichten und mit so viel persönlichem Mut dem Glauben an eine bessere Welt Zeugnis zu geben, wenn aus der Vergangenheit gelernt wird.“
 
Kultur- und Wissenschaftsdezernentin Ina Hartwig: „Mit Trude Simonsohn geht eine starke, beeindruckende Frau von uns, eine, die sich stets für Frieden und Verständigung eingesetzt hat und nie den Mut verlor, für ihre Werte einzustehen. So habe ich sie kennengelernt – energisch, unermüdlich und meinungsstark. Ihr Beitrag zur Aufklärung und Aufarbeitung der Geschichte ist enorm und prägend für Frankfurt. Sie trug mit dazu bei, dass die Erinnerungsarbeit erlebbar wurde und das Jahr für Jahr, Generation für Generation. Ich spreche den Angehörigen und Wegbegleitern mein herzlichstes Beileid in diesen schweren Stunden aus.“
 
Trude Simonsohn wurde am 21. März 1921 in Ohlmütz, Mähren, geboren. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht im Zuge der deutschen Annexion der Tschechoslowakei und der späteren Umwandlung in das Protektorat Böhmen und Mähren wurde ihr als Jüdin eine Berufsausbildung verweigert. Sowohl ihr Vater als auch ihre Mutter starben in Konzentrationshaft in Dachau und Auschwitz. Sie selbst geriet 1942 wegen Hochverrats und illegaler kommunistischer Tätigkeit in Haft, wurde in das Ghetto Theresienstadt gebracht, wo sie ihren Mann Berthold Simonsohn kennenlernte. Das Paar heiratete kurz vor der bevorstehenden Deportation nach Auschwitz 1944 rituell. Am 9. Mai 1945 wurde sie durch die Rote Armee im KZ Merzdorf, einem Außenlager des Konzentrationslagers Groß-Rosen, befreit. Ihr Mann überlebte den KZ-Außenlagerkomplex Kaufering, eine Außenstelle des KZ Dachau. Nach dem Krieg arbeitete das Ehepaar Simonsohn zunächst in der Schweiz, 1955 kamen sie nach Frankfurt am Main. Trude Simonsohn engagierte sich stark in der Jüdischen Gemeinde Frankfurt und war von 1989 bis 2001 Gemeinderatsvorsitzende. Seit etwa 1975 berichtet sie regelmäßig als Zeitzeugin über ihre Erlebnisse im „Dritten Reich“ unter anderem an Schulen. (ffm)