Das Online-Gesellschaftsmagazin aus Frankfurt am Main

Letzte Aktualisierung: 15.11.2019

Werbung
Werbung

Sieben Gesichter für das Deutsche Romantik-Museum

von Ilse Romahn

(06.11.2019) Ernst von Siemens Kunststiftung ermöglicht mit der Initiative KUNST AUF LAGER die Restaurierung ausgewählter Werke der Kunstsammlungen des Freien Deutschen Hochstifts.

Mit der Eröffnung des Deutschen Romantik-Museums erhält neben der neu konzipierten Dauerausstellung zur Romantik auch die Gemäldegalerie des Freien Deutschen Hochstifts neue Räume. Der Umzug bietet die Gelegenheit, für die Neuhängung Werke aus dem Depot zu holen, die bislang nicht präsentiert werden konnten. Sieben besondere Porträts werden die Ausstellung in Zukunft ergänzen. Sie versammeln zwei Schwestern, eine Braut, ein junges Mädchen, einen Arzt, einen Maler und einen Schriftsteller. Es ist eine Fülle wacher Blicke, quer durch die Jahrhunderte, die sich im Depot des Freien Deutschen Hochstiftes fand. Diese reiche Versammlung klassischer und romantischer Köpfe in Öl auf Leinwand, als Pastell oder als Miniatur wurde im 18. und 19. Jahrhundert durch so unterschiedliche Künstler und Künstlerinnen wie etwa Johann Heinrich Tischbein oder Louise Seidler geschaffen.

Verbunden sind die Bilder nicht allein durch das Motiv des Porträts, sondern auch durch ihren Zustand. So wichtig die Werke für die Neueinrichtung der Galerie und des Deutschen Romantik-Museums sind, so desolat war ihr Zustand. Sie alle bedurften aufwändiger Restaurierungen, sichernder Maßnahmen und fachkundiger Reinigung, um sie in das neue Museum aufnehmen zu können. Die unterschiedlichen Techniken erforderten dabei die speziellen Kenntnisse einer Gemälde- und einer Graphikrestauratorin, sowie einer Restauratorin mit dem Spezialgebiet Pastelle.

Ermöglicht wurde diese umfassende Maßnahme durch die Ernst von Siemens Kunststiftung, die im Rahmen der Initiative KUNST AUF LAGER auf verdienstvolle Weise Sorge trägt für die Sammlungen in den Depots der Museen. Jenseits der Förderung großer, publikumswirksamer Ausstellungen und Ankäufe unterstützt dies Programm die oft unsichtbaren, doch elementaren Arbeiten der Museen. KUNST AUF LAGER nimmt sich des Aus- und Umbaus von Depoträumen an, der Verbesserung von Lagerung oder eben der Restaurierung von Werken, die aufgrund ihres Zustandes nicht mehr zugänglich gemacht werden können. Dies ist eine elementare Hilfe bei der Erfüllung der grundsätzlichen Verantwortung, die Museen und Archive für ihre Bestände haben.

„Die Restaurierung der sieben Porträts steht exemplarisch für das Anliegen des Bündnisses KUNST AUF LAGER. Bedeutende aber durch ihren Zustand nicht ausstellbare Kunstwerke werden gesichert und wieder zu wichtigen Exponaten. Restaurierungen eigener Bestände sind oft wichtiger als ein Neuankauf und ergänzen hier die gelungene Neupräsentation", freut sich Dr. Martin Hoernes, Generalsekretär der Ernst von Siemens Kunststiftung.

Dr. Mareike Hennig, Leiterin der Kunstsammlungen des Freien Deutschen Hochstifts, dazu: „Für das Freie Deutsche Hochstift machte diese Förderung es möglich, halb vergessene Schätze wieder in die Ausstellung integrieren zu können. Schon sieben Bildnisse, das merkt man schnell, haben die Möglichkeit, Perspektiven zu verändern, Schwerpunkte zu verlagern und Geschichten neu zu erzählen."

Über die restaurierten Kunstwerke
Männer und Frauen, alt und jung, Schriftsteller, Ärzte, Dilettanten, Freunde und Widersacher: die Gruppe der nun restaurierten Gesichter bringt eine neue Dynamik in die Ausstellung des Freien Deutschen Hochstiftes. Sie wird die Gemäldegalerie ebenso bereichern wie das Deutsche Romantik Museum, neue Akzente setzen und sie macht greifbar, dass sich am Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts nicht einfach zwischen Klassik und Romantik unterschieden lässt, dass die Beziehungen vielfältig, die Sichtweisen komplex, die Geschlechterverhältnisse im Wandel und die Grenzen zwischen den Künsten und Wissenschaften fließend sind.

Sie offenbaren zudem, dass in den Depots auch kleiner Museen immer noch Schätze liegen, um die es sich zu kümmern lohnt, das also auch Dauerausstellungen nichts Statisches sind und Initiativen wie KUNST AUF LAGER hier grundlegend helfen.

Das elegante Doppelporträt der Schwestern Friederike Elisabeth und Wilhelmine Oeser von Johann Heinrich Tischbein (1776) zeigt die Töchter des Leipziger Malers Adam Friedrich Oeser. Oeser unterrichtete auch Goethe, zu dem die Schwestern freundschaftliche Beziehungen unterhielten. Ihre musischen Talente zeigen das Buch und die Laute in ihren Händen ebenso wie die Staffelei im Hintergrund. Nach der aufwändigen Restaurierung zahlreicher Fehlstellen und Ausbrüche des stark beschädigten Bildes, ist die Feinheit der Stoffe, des Inkarnats und der Frisuren wieder kenntlich und es wird möglich, das Bild als ein wichtiges Werk in die Dauerausstellung zu integrieren. Hier kann nun mit einem anderen Werk der Sammlung in Dialog treten: einem Doppelporträt, das der gleiche Maler von den eigenen Töchtern im türkischen Kostüm anfertigte.

Zwei weite Porträts entstanden gut 55 Jahre später in anderem Stil. Louise Seidler, eine der wichtigsten Malerinnen der deutschen Romantik und bislang nicht in der ständigen Ausstellung vertreten, wird mit den Bildnissen von Ottilie Arnoldi und Julie Zschaler nun ihren Platz dort einnehmen. Seidler war sowohl eine Freundin Goethes, der sie von Kindheit an kannte, als auch eine Vertraute Caspar David Friedrichs und eng verbunden mit den Malern der Dresdner Romantik – eine durchaus spannungsvolle Position. Einige Jahre in Rom brachten sie in Kontakt mit den Nazarenern, deren feiner, klarer Stil auch in ihren Mädchenbildnissen mitschwingt. Nach der Restaurierung der vergilbten, verschmutzten, und durch Farbverluste beeinträchtigten Porträts, kann Seidler nun mit diesen beiden besonders schönen Arbeiten ihre Position im Romantik-Museum behaupten.

In den Bereich der Dresdener Romantik führt auch ein ganz besonderes Kleinod: die Porträtminiatur Gerhard von Kügelgens. 1802 hat der Lehrer Caspar David Friedrichs sein Selbstporträt gemalt, nach der unsere Arbeit als feine Miniatur entstand. Retuschen, Abrisse und Verklebungen verstellten den Blick auf die Qualität des kleinen Werkes und machten es unausstellbar. Dabei ist grade die Figur Kügelgens als Porträtist Goethes und Schillers einerseits, Verteidiger Friedrichs andererseits eine zentrale Gestalt am Wendepunkt der Künste um 1800. Zudem ist die zeitgenössisch so beliebte Form der Miniatur hier in besonders schöner Weise präsent und wird in Zukunft viele Betrachter erfreuen.

Von Adelbert von Chamisso, dem romantischen Autor des ‚Peter Schlehmil‘, Naturforscher und Weltreisenden, gibt es kaum Bildnisse. Das Porträt im Depot des Hochstifts ist daher ein wichtiges Exponat für das neu entstehende Romantik-Museum. Beeinträchtigt wurde das jugendliche Gesicht, allerdings durch eine Vielzahl von Stockflecken, Retuschen, Kratzern und Bereibungen. Als Pastell ist das Werk von besonderer Empfindlichkeit, da die Pigmente nur lose aufliegen. Die Arbeit einer spezialisierten Restauratorin macht es nun möglich, den Romantiker etwa zum Zeitpunkt der Publikation seines Hauptwerkes zu präsentieren.

Ebenfalls als empfindliches Pastell erscheint Charlotte von Kalb, Freundin und Briefpartnerin von Goethe und Schiller, Hölderlin und Jean Paul und selbst dilettierende Schriftstellerin. Ihr qualitätvolles, ovales Bildnis, ganz im Stil des späten 18 Jahrhunderts, konnte aufgrund von auffälligen Stockflecken und Wischspuren auf der pudrigen Oberfläche nicht mehr ausgestellt werden. Seine Restaurierung gibt uns nun das Gesicht einer Frau zurück, die selbstbewusst mit unterschiedlichen Literaten ihrer Zeit kommunizierte. Ihr Porträt lässt nach der Restaurierung alle Qualitäten der sensiblen und stofflich so besonderen Pastellmalerei erkennen und wird in der Neuhängung der Galerie einen besonderen Blickpunkt bilden.

Nach Weimar führt schließlich das Porträt des Hofmedicus und späteren Jenaer Medizinprofessors Christoph Wilhelm Hufeland. 1796, kurz vor dem Entstehen des Gemäldes durch Johann Friedrich August Tischbein, erschien sein Buch ‚Makrobiotik. Oder die Kunst das menschliche Leben zu verlängern‘. Hufeland war Arzt von Goethe, Schiller, Wieland und Herder und als Mitbegründer der Freitagsgesellschaften in Weimar aktiv am Austausch über die Grenzen der Disziplinen hinweg beteiligt. Erschien das Bild zunächst vornehmlich vergilbt und verschmutz und damit trotz des illustren Dargestellten nicht mehr auszustellen, so offenbarten sich im UV-Licht rings um das Gesicht herum fünf gekittete Löcher im Gewebe, Zeugnisse einer geheimnisvollen Geschichte des Gemäldes. Nach seiner sorgfältigen Restaurierung wird Hufeland als Naturforscher an der Epochenschwelle um 1800 die Ausstellung bereichern können.

www.goethehaus-frankfurt.de www.deutsches-romantik-museum.de