Archiv-Nachrichten

Schatten über dem HR

Frankfurter Jüdische Loge fordert die Rückgängigmachung ungerechtfertigter Vorteile

Seit mehr als zwei Jahren fordert die Frankfurter Jüdische Loge B’nai B’rith vom Hessischen Rundfunk Aufarbeitung eines möglichen Restitutionsbetrugs, also um die Rückgängigmachung ungerechtfertigter Vorteile. Einer Historikerin waren Ungereimtheiten bei Recherchen für ein Buch über die Loge aufgefallen. Der Hessische Rundfunk hatte das Gelände in Besitz genommen und wahrscheinlich viel zu niedrig restituiert, Nachbargrundstücke vielleicht gar nicht, so dass eine Rückvergütung angesagt sein könnte. Da muss noch viel in den Archiven gewühlt werden.

Eschersheimer Landstraße 25-27. Dort stand das NS-enteignete prachtvolle Lagerhaus.
Eschersheimer Landstraße 25-27. Dort stand das NS-enteignete prachtvolle Lagerhaus.
Foto: Dr. Ina Knobloch
Hochschule für Musik und darstellende Kunst Eschersheimer Landstraße  31-33, ehemals Radio Frankfurt 
Hochschule für Musik und darstellende Kunst Eschersheimer Landstraße 31-33, ehemals Radio Frankfurt 
Foto: free download wikipedia
Bnai brith certifictate
Bnai brith certifictate
Foto: free download wikipedia
Frankfurt am Main, Bau der Kongresshalle 1949
Frankfurt am Main, Bau der Kongresshalle 1949
Foto: Bundesarchiv / 183-2005-0717-505 / Foto o.Ang.

Auf die Tatsache, dass in einem Gutachten zur Wertschätzung das Gelände handschriftlich verkleinert wurde und der Betrag ohnehin nicht stimmen kann, hat die Loge den Sender wohl bereits 2024 aufmerksam gemacht und zahlreiche Dokumente vorgelegt. Die meisten hatte sie sich selbst zusammengesucht, aus Stadtarchiv und weiteren auch für den HR zugänglichen Quellen. Das interessierte den Sender wenig – verjährt, Schnee von gestern, berichtet die Gemeinde. Juristisch möge das so sein, moralisch ganz sicher nicht.

Teure Anwälte wurden von Seiten des Senders eingeschaltet und eine umfangreiche Studie bei einem Medienforschungsinstitut in Hamburg in Auftrag gegeben. Nebelkerzen, um Zeit zu gewinnen, bis Gras über die ziemlich eindeutige Sache gewachsen ist? Ein Medienforschungsinstitut kann jedenfalls kaum Licht ins Dunkel eines Immobilien-Restitutionsskandal bringen. Und es drängt sich die Frage auf, ob die Anwälte nur zur Einschüchterung der Loge dienten. Alles auf Kosten der Gebührenzahler, versteht sich, beklagt die Loge. Ihren Schilderungen zufolge stellt sich der Sachverhalt wie folgt dar:

Auf die Idee, ein paar Redakteure in die Archive und auf Recherche zu schicken, kam die Sendeleitung wohl nicht. Weder 2024 noch heute, und den Redakteuren von anderen Verlagen wollte man auch nicht so recht Einblick gewähren, der Historikerin, die für die Loge die Recherche übernommen hatte, erst recht nicht. Spiegel-Autor Bartsch bekam dann doch ganz kurz den „Kaufvertrag“ zu sehen, durfte ihn aber nicht kopieren.

Um Akteneinsicht zu bekommen, hätten Redakteure nur in den eigenen Keller gehen müssen. Aber bis heute wurden keine geschickt, dafür aber zur Pressekonferenz der Loge am vergangenen  Freitag, den 25.September, gleich fünf (!) Mitarbeiter. Nach dem jahrelangen Dementi, juristischen Einsprüchen, und dem Einlass zu dem hervorragend recherchierten Spiegel-Artikel von Matthias Bartsch hatte die Loge genug und zur Pressekonferenz geladen –  auch den Sender. Und, upps, am Morgen vor der Pressekonferenz, hatte der HR erneut eine Pressemeldung veröffentlicht, nach all den aggressiven Abwehrtexten, ganz plötzlich nunmehr eine versöhnliche. Angeblich hätten sie erst jetzt Zugang zu einem Gutachten gehabt, das nach Angaben der Loge schon 2024 dem Sender vorlag, zumindest der relevante Abschnitt.

Den Stein ins Rollen hatte der Spiegel-Artikel von Matthias Bartsch gebracht. Nachdem der Sender nur mauerte, nicht und nur mit monatelanger Verspätung geantwortet hatte, bat Logenpräsident Ralph Hofmann schließlich den Spiegel,  unabhängig zum Fall zu recherchieren und übergab die Unterlagen, bzw. Kopien. Der Redakteur hat tief gegraben und hervorragend recherchiert. Die Geschichte des Hessischen Rundfunks begann direkt nach dem Krieg, weit entfernt vom heutigen Funkhaus am Dornbusch, dem Rundbau, der nach dem Krieg gebaut wurde und als Parlamentsgebäude vorgesehen war, genauer im heutigen Gebäude der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst und den angrenzenden südlichen Liegenschaften der jüdischen Logen B’nai B’rith, von den Nazis beschlagnahmt und „arisiert“, genau wie das direkt angrenzende Anwesen von Marie Pfungst. Nach dem Krieg wurde das Gelände von den Amerikanern beschlagnahmt, der Reichssender wurde zu Radio Frankfurt und 1948 schließlich in die Hände des Landes Hessen gelegt.

Kurz nachdem der Sendebetrieb 1949 aufgenommen wurde, stand fest, dass Frankfurt nicht Hauptstadt wird und die Stadt musste das Parlamentsgebäude und Gelände schnell loswerden und der HR kaufte wenige Monate später das Gelände für 4,5 Millionen D-Mark von der Stadt Frankfurt, sendete aber weiter vom Funkhaus am Eschersheimer Turm. Während des Umzugs an den Dornbusch verkaufte der HR das gesamte Gelände 1953 für über drei Millionen an die Stadt Frankfurt. Die Loge hatte allerdings über das US-Restitutionsinstitut dummerweise bereits 1950 Ansprüche angemeldet. Nach ein wenig Kosmetik am Gutachten wurde die Loge kurz vor dem Weiterverkauf für mehr als drei Millionen D-Mark für schlappe 160.000 D-Mark restituiert. Ein Schelm wer Böses dabei denkt. Und ein Sender, der von Gebührengeldern lebt und die Moral als höchstes Gut betrachtet, hätte ganz schnell ins Grübeln kommen sollen.

Daher hat sich auch der Deutsche Journalistenverband (DJV) Hessen Mitte September in die Angelegenheit gemischt und Aufarbeitung vom Sender gefordert. Die letzte Scheibe der Salami wurde vor der Pressekonferenz letzte Woche, an besagtem 25. September, geschnitten. Der Sender ahnte wohl, dass er noch so viele  Mäntel des Schweigens über die Causa werfen kann, der Skandal verschwindet nicht, und  nach der Pressekonferenz erst recht nicht. So teilte er eilig um 7 Uhr am selbigen Morgen mit – wir sind gesprächsbereit. Die letzte Salami-Scheibe ist gefallen.

Die Vorsitzende des Deutschen-Journalisten-Verbands (DJV) in Frankfurt, Dr. Ina Knobloch, äußerte sich verwundert: "Der Verband hat sich bereits vor zwei Wochen öffentlich für die herausragenden Recherchen des Spiegel-Autors Bartsch bedankt und vom Sender umgehende Aufarbeitung gefordert. Dennoch dementierte der Sender weiterhin die Fakten in seinen Pressemitteilungen, was auch von den Medien aufgegriffen wurde. Die genannte Hübner-Studie von 1951 ist  keine neue Erkenntnis. Dass der Sender erst am Morgen der Pressekonferenz einlenkte und die lange bekannten Tatsachen als neue Erkenntnisse der Öffentlichkeit präsentierte, spricht Bände. Schriftlich eingeräumt hat der Sender inzwischen, dass der HR ganze 15000 Quadratmeter damals an die Stadt für über drei  Millionen veräußerte, wozu mit großer Wahrscheinlichkeit auch das Grundstück der jüdischen Mäzenin, Unternehmerin und Holocaustopfer Marie Pfungst gehörte. Wir fordern alle Akten, Fakten und umfassende Aufarbeitung".

Die Mitteilung des DJV im Wortlaut:

Der DJV Hessen hat den Hessischen Rundfunk zur transparenten Aufarbeitung aufgefordert

Wiesbaden, 14.09.2026 - Der Deutsche Journalistenverband Landesverband Hessen e.V. nimmt die öffentlichen Vorwürfe der Jüdischen Loge B’nai B’rith zum Anlass, den Hessischen Rundfunk zu einer transparenten Aufarbeitung des Sachverhalts aufzufordern und nachzuweisen, dass der Sender im Sinne der Erinnerungskultur an die jüdischen Opfer der NS-Zwangsenteignung handelt und in einen konstruktiven Dialog mit der Loge tritt. 

Der DJV Hessen dankt der SPIEGEL-Redaktion - insbesondere Redakteur Herrn Matthias Bartsch - dafür, das Thema so gründlich recherchiert und öffentlich gemacht zu haben, und hofft, dass die Recherchen weiter vorangetrieben werden. Der Sender erklärte auf Anfrage: „Der HR hat im Juni 2026 mit Unterstützung seines Rundfunkrats eine unabhängige wissenschaftliche Studie in Auftrag gegeben, die die gesamte Gründungsphase der Rundfunkanstalt aufarbeiten und dabei auch die Frage von Eigentumsverhältnissen beleuchten soll.“

Klarstellung: Die Studie wurde vom HR zum 80. Jubiläum des Senders beim Hamburger Leibniz-Institut für Medienforschung in Auftrag gegeben und dreht sich allgemein um Aufarbeitung. Der Verband fordert die Opfer (die Loge und evtl. weitere Parteien) der Zwangsenteignung und eventuell mangelnden Restitutionen einzubinden.