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Letzte Aktualisierung: 30.09.2022

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Schülerbefragung deckt Missstände an Hessens Schulen auf!

Kultusministerium zum Handeln aufgefordert

von Karl-Heinz Stier

(16.09.2022) Die Corona Pandemie und ihre Folgen haben das Bildungssystem – laut Umfrage - stark strapaziert und seine Schwächen noch weiter verdeutlicht. Wie fatal jedoch die Situation der Schüler während des Lockdowns war, ist schockierend. Gut ⅔ aller Schüler bemängeln die Durchführung des digitalen Unterrichts.

Es hat grundlegend an strukturierter Organisation der Schulen sowie des Kultusministeriums gemangelt. Verschiedene Schulen teilten mit, dass es keine klaren Kommunikationskonzepte gab. Lehrkräfte nutzten unterschiedliche Plattformen, Wege und Methoden, um mit den Schülern zu kommunizieren und ihnen die Unterrichtsinhalte zu vermitteln. Inmitten dieses puren Chaos war es unmöglich, den Überblick zu behalten.

Die Plattformen, welche das Land Hessen zur Verfügung stellte, waren mit den Anforderungen des alltäglichen Schullebens vollkommen überfordert. Laut Kultusministerium soll das „Schul-portal“ das Allheilmittel der Digitalisierungskrise an hessischen Schulen sein, dieses ist als Lernplattform hessenweit einheitlich und datenschutzkonform, jedoch zum aktuellen Zeitpunkt eher ein nett gemeinter Anfang als eine fertiggestellte Lösung. Um den Flickenteppich der verbreiteten Lernplattformen zu ersetzen, fehlt es dem Schulportal an Funktionen und den Schulen an Anreizen, sich von ihren etablierten Systemen zu trennen. Die nicht vorhandene Medienkompetenz eines Großteiles der hessischen Lehrkräfte steht einer Umstellung im Wege, dabei ist sie eine Selbstverschuldung des Landes. Die Fortbildung von Lehrkräften, insbesondere im Kontext der Digitalisierung, darf nicht ausschließlich das Resultat von Eigeninitiative der jeweiligen Lehrkraft sein, sondern muss verpflichtend und flächendeckend durch das Land organisiert und getragen werden.

Aber nicht nur das Schulsystem wurde beansprucht. 90 % der Gymnasiasten gaben an, dass die Schule eine psychische Belastung für sie darstellt, wohingegen die Schüler aller anderen Schulformen zu 80 % diese Information angaben. Während der Coronazeit wurde dies durch fehlende räumliche Trennung von Schule und Privatleben sowie des Nichtvorhandenseins einer festen Tages- und Arbeitsstruktur verstärkt. Viele hatten keine Rückzugsräume, welche die mentale Trennung sonst unterstützt hätten. Zusätzlich hierzu waren sowohl Lehrkräfte als auch Schüler durch ständig erwartete Erreichbarkeit außerhalb der eigentlichen Schulzeit kontinuierlich gestresst.

Das Erliegen des öffentlichen und privaten Lebens in den letzten zwei Jahren ließ neben der inhaltlichen Bildung noch stärker die soziale Entwicklung auf der Strecke. Für den überwiegenden Teil der Schüler, insbesondere der jüngeren, steht in der Schule nicht der Lernstoff, sondern der soziale Aspekt im Vordergrund. Dieser beeinflusst maßgeblich die Entwicklung von Heranwachsenden, welche während der Pandemie und in der Aufarbeitung nahezu ohne Berücksichtigung geblieben ist.

Viele Schüler wünschen sich durch die Erfahrungen mit dem Distanzunterricht einen Wandel des Schulsystems. ¾ der Befragten gaben an, dass der aktuelle Unterricht nicht lebenspraktisch genug sei. Vor allem im gymnasialen Bereich liegt die Quote mit 90 % besonders hoch.

Neben den Lehrinhalten wird auch die Leistungsbewertung kritisiert. Für 70 % der Teilnehmenden stellt die aktuelle Benotung ein großes Problem dar, denn das numerische Notensystem sei subjektiv, intransparent und ungenau. Zudem gibt es keine Auskunft über reale, individuelle Stärken und Schwächen der Schüler.

Neben den grundsätzlichen Unterrichtskonzepten und der Benotung fragte die zweite hessische Schülerbefragung weitaus mehr Bereiche ab. So kam heraus, dass in Schulen Mülltrennung grundsätzlich zu wenig Beachtung findet. So gaben über die Hälfte aller Befragten an, nicht ausreichend in der Schule darüber gelernt zu haben, wie Müll korrekt zu trennen sei. Dies ist auch nicht verwunderlich, denn Schulen bieten hierzu keinen Rahmen. Ein großer Teil der Befragten gab an, dass an ihren Schulen keine Mülltrennung betrieben würde. Häufig wird der Müll von Schulen in Müllsortierungsanlagen getrennt, doch Schulen sind hier sowohl moralisch als auch allgemeinbildend in der Pflicht, Mülltrennung von jung an im Klassenzimmer zu integrieren und zu thematisieren.

Ein weiteres, nicht ausreichend behandeltes, gesellschaftliches Problem ist Rassismus. Erschreckende 70 % der Schüler gaben an in der Schule entweder von Rassismus betroffen gewesen zu sein oder diesen bezeugt zu haben. Besonders besorgniserregend sind die 25 % der angegebenen Fälle, in welchen Rassismus von Lehrkräften ausging. Interessant ist die Feststellung, dass an Förderschulen mit 56 % deutlich seltener Erfahrungen mit Rassismus gesammelt wurden.