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Letzte Aktualisierung: 30.09.2022

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Ruhrtriennale beginnt am 11. August

Vielstimmige Positionen zum Auftakt des Festivals der Künste

von Ilse Romahn

(11.08.2022) Kurz vor Beginn der Ruhrtriennale 2022 am 11. August stellte das Festivalteam um Intendantin Barbara Frey eine Auswahl von Programmschwerpunkten der ersten zehn Tage in den Mittelpunkt und blickt mit Vorfreude auf die kommenden Wochen.

Ruhrtriennale 2022
Foto: Ruhrtriennale 2022
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„Begegnung, Austausch, die Weitung von Perspektiven, all das ist uns wichtiger denn je für die diesjährige Ausgabe der Ruhrtriennale. Die künstlerische Öffnung von Räumen der ehemaligen Industriearchitektur, die Kraft von Wandel, Entgrenzung und Transzendenz sowie dringliche Fragen nach dem gegenwärtigen Zustand von Gesellschaft, daran ist uns gemeinsam mit einer Vielzahl unterschiedlichster Kunstschaffender gelegen“, so Barbara Frey über ihre zweite Festivalausgabe. „Vor dem Hintergrund der kleineren und großen Krisen ist es uns ein Anliegen, gute Gastgebende sowohl für die eingeladenen Künstler als auch für unsere Besucher zu sein.“

Vielstimmige internationale Positionen aus den Bereichen Musiktheater, Schauspiel, Tanz, Performance, Konzert, Installation, Literatur und Dialog laden bis zum 18. September an acht Orte der Städte Bochum, Duisburg, Essen und Gladbeck ein. Das jährliche Festival der Metropole Ruhr ist die zweite Ausgabe unter der auf drei Jahre angelegten Intendanz der Schweizer Theaterregisseurin Barbara Frey.

Das eröffnende Musiktheater „Ich geh unter lauter Schatten“ in der Regie von Elisabeth Stöppler und der musikalischen Leitung von Peter Rundel, befragt die Erfahrung der Endlichkeit des Lebens. Der Komponist Gérard Grisey schickte mit seinen „Vier Gesängen, die Schwelle zu übertreten“ nichts weniger als die Menschheit über die ominöse Schwelle. Vier Sängerinnen und ein Schauspieler öffnen im Zusammenspiel mit den Ensembles von Chorwerk Ruhr und des Klangforum Wien Türen zu verwandten Geistes- und Klangwelten, erschaffen eine „Ode an das Leben“, so Stöppler. Die in der spektakulären Jahrhunderthalle Bochum verortete Inszenierung wird gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes, gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.

Intendantin und Theaterregisseurin Barbara Frey setzt die Zusammenarbeit mit dem Burgtheater Wien und mit dessen herausragendem künstlerischen Ensemble, darunter Bibiana Beglau, Katharina Lorenz und Michael Maertens, fort. Arthur Schnitzlers „Das weite Land“ ist ein Porträt einer Gesellschaft, die ihren moralischen Kompass verloren hat, ist ein Fest für Schauspielerinnen und Schauspieler! In der Jahrhunderthalle Bochum zur Premiere gebracht sowie in vier weiteren durchweg ausverkauften Aufführungen zu erleben, zeichnet Barbara Frey darin eine Gegenwartsbeschreibung unseres Zusammenlebens.

Die raumgreifende Film-Installation „Euphoria“ von Julian Rosefeldt versteht sich als eine Tour de Force durch die Geschichte der Gier. In der ab dem 25. August auf Zollverein in Essen erstmals präsentierten, rund zweistündigen Arbeit entfalten sich „sowohl die Positionen der neoliberalen Marktwirtschaft, ihre Verführung und Überzeugungskraft als auch die ihrer Kritiker“, so Rosefeldt. Der Videokünstler und Filmemacher begeisterte bereits 2016 das Publikum der Ruhrtriennale mit „Manifesto“.

Ligia Lewis – die bereits mehrfach mit Preisen gewürdigte Choreografin und Tänzerin hat ihren Lebens- und Arbeitsschwerpunkt sowohl in Berlin als auch L.A. – präsentiert ihre neue Arbeit „A Plot / A Scandal“ ab dem 12. August bei der Ruhrtriennale. Ausgangspunkt ihres in der Bochumer Turbinenhalle beheimateten Solos ist die eigene Familiengeschichte zurück bis zu ihrer Großmutter, die als Schwarze Frau und Widerstandskämpferin in der Nähe von Santa Domingo lebte. Indem sie historische, politische und persönliche Erzählungen ineinander verwebt, sucht sie eine Poetik der Verweigerung im Grenzbereich des Darstellbaren.

Ab dem 18. August ist die brasilianischen Choreografin Lia Rodrigues an vier, bereits ausverkauften Abenden mit „Encantado“ für elf Tänzerinnen und Tänzern auf PACT Zollverein zu sehen. Ihre langjährige, in Europa hoch angesehene künstlerische Arbeit verschränkt sich überzeugend mit sozialen Fragen. Das Gastspiel ist der Beitrag von PACT Zollverein für die Ruhrtriennale wie das ab 2. September mit Vorfreude erwartete Solo „I am 60“ der chinesischen Choreografin und Tänzerin Wen Hui.

Mit der Fortsetzung der Literatur- und Dialogreihe nähert sich der Schweizer Autor Lukas Bärfuss ab 21. August gemeinsam mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie den renommierten Schauspielerinnen Sandra Hüller, Angela Winkler und Sarah Sandeh Fragen nach der Natur des Menschen. Die Lesungen werden jeweils mit dem Auftritt verschiedener Musiker komplettiert, darunter Malakoff Kowalski – der „Tausendsassa am Klavier“.

Vier installative Arbeiten setzen gleich zu Beginn Akzente: „The Huddle“ lässt drei bewegliche Bagger, die durch die Künstlerin Katja Aufleger funktionsentfremdet und neu definiert werden, in einen konspirativen Dialog treten. Der Beitrag von Urbane Künste Ruhr für die Ruhrtriennale ist ab 11. August auf dem Vorplatz der Jahrhunderthalle Bochum platziert. Anna Papst und Mats Staub – sie bezeichnen sich selber als „Gesprächskünstlerinnen und Gesprächskünstler“ – haben sich auf die Suche nach Menschen gemacht, die im Laufe ihres Lebens Sexualität neu gelernt haben. Im Bochumer Café STÜH33 ab dem 12. August zuhause, erwartet die Besucher bei „Intime Revolution“ ein kollektives und gleichzeitig intimes Hörerlebnis als Audio-Vinothek.

Kostenfrei, rund um die Uhr, per Straßenbahn, Fahrrad oder zu Fuß, allein oder gemeinschaftlich: Die Ruhrtriennale setzt die in 2021 begonnene Erkundung von Wegen außerhalb der Welt der Spielorte fort. Bestehende Angebote lokaler Künstlerinnen und Künstler – erweitert durch drei neue internationale Perspektiven auf die Region – laden bei „Wege“ ab dem 12. August dazu ein, den Raum des Dazwischen zu entdecken. Einzig Kopfhörer und ein aufgeladenes Smartphone sind dafür notwendig. In der Video-Installation „4. Halbzeit“ beschäftigt sich das Künstlerduo Wermke/Leinkauf mit dem Phänomen organisierter Fußballfans und Ultras im Zusammenhang gesellschaftspolitischer Aufstände. Matthias Wermke und Mischa Leinkauf setzen das Mobilisierungspotenzial dieser Gruppierungen bildmächtig zwischen Faszination und Schrecken in Szene, zu sehen ab dem 17. August im Schalthaus Ost im Landschaftspark Duisburg-Ost.

Utopische Neukonstruktionen sind auch für die zweite Musiktheater-Produktion – ab 31. August in der Bochumer Turbinenhalle – zentral: der inszenierte Instrumentalzyklus „Haus“ der Komponistin Sarah Nemtsov. Solominiaturen und Ensemblestücke für Harfe, Flöte, Klarinette, Schlagzeug und elektroakustisches Instrumentarium verhandeln komplexe Zustände von Gemeinschaft, Vereinzelung und Kontaktlosigkeit. Die Regie- und Videoarbeit von Heinrich Horwitz und Rosa Wernecke der installativ angelegten Szenerie sucht queere Transformationsprozesse von Körper und Raum zu fassen.

Mit der deutschen Erstaufführung von „Moos“ ist eine zusätzliche Arbeit von Sarah Nemtsov am 14. August in dem Konzertabend „Organicum“ zu erleben. Neben naturinspirierten Werken weiterer Komponistinnen und Komponisten, wird hier die archaische Wucht der Werke von Iannis Xenakis eindrucksvoll spürbar, durch das Klangforum Wien unter der musikalischen Leitung von Patrick Hahn interpretiert. Anlässlich des diesjährigen 100. Geburtstages des griechisch-französischen Komponisten, Ingenieurs und Architekten präsentiert Michael Pelzel die Uraufführung „Pavlopetri (in memorian Iannis Xenakis)“ für 17 Musikerinnen und Musiker.

Das weitere Konzertprogramm präsentiert neben aus aller Welt stammenden Kunstschaffenden eine Vielzahl von regional verwurzelten Musikerinnen und Musiker: Die Gladbecker Maschinenhalle Zweckel beheimatet mit „Schwerkraft und Gnade“ ab dem 26. August Kompositionen von Lili Boulanger, Francis Poulenc und Igor Strawinsky, interpretiert von Chorwerk Ruhr und den Bochumer Symphonikern unter der musikalischen Leitung von Florian Helgath. Das Konzert ist der Beitrag von Chorwerk Ruhr zur Ruhrtriennale. Der in der Bochumer Jahrhunderthalle stattfindende sinfonische Abend „Vergessene Opfer“ lässt ab 11. September mit Werken von Galina Ustwolskaja, Franz Liszt, Olivier Messiaen und Luigi Nono Schmerz zu Klang werden, intoniert durch die Duisburger Philharmoniker unter der musikalischen Leitung von Elena Schwarz. Mit Spannung erwartet wird die Bandpremiere von Broken Spirit xx des aus Wuppertal stammenden E-Gitarristen Caspar Brötzmann am 7. September in Essen. Das Konzert ist eines von vier ganz unterschiedlichen Abenden der Reihe MaschinenHausMusik.

Anfang und Abschluss setzt die Musik: Die Ruhrtriennale eröffnet am 11. August, um 19 Uhr mit den „Mysteriensonaten“ von Heinrich Ignaz Franz Biber zeitgleich an drei Spielorten und verbindet die Städte Duisburg, Bochum und Essen zu einem dezentralen Resonanzraum. Den Schlussakkord stimmt – nach einem die Nacht andauernden Rave – am Sonntagmorgen des 18. Septembers der Akkordeonist Thomas Hojsa in der Pappelwaldkantine an der Jahrhunderthalle Bochum an.

Als einer der zentralen Orte der Begegnung und des Verweilens lädt ab 11. August die Pappelwaldkantine an der Jahrhunderthalle Bochum ein – das Erfolgsformat des vergangenen Jahres, das sich auch dieses Jahr als Treffpunkt mit der Möglichkeit des nachhaltigen und fairen kulinarischen Genusses in Zusammenarbeit mit dem Bochumer Gastronomiebetrieb Neuland versteht. Der Künstler Dexter Red hat die Gestaltung nochmals weiterentwickelt, neben der Festivalbibliothek laden diverse DJs zum Chillen ein.

„Viele der Veranstaltungen sind bereits gut gebucht.“ Kurz vor Beginn der 20. Ausgabe des Festivals ist Dr. Vera Battis-Reese, Geschäftsführerin der Kultur Ruhr GmbH, zufrieden mit dem Vorverkauf. Eine besonders hohe Nachfrage gibt es für ‚Das weite Land‘, die neue Arbeit der Intendantin und Regisseurin Barbara Frey. Es herrscht ein großes Interesse unseres Publikums an den beiden Musiktheater-Produktionen, ‚Ich geh unter lauter Schatten‘ sowie ‚Haus‘. Die Konzerte, insbesondere ‚Schwerkraft und Gnade‘ mit Chorwerk Ruhr und den Bochumer Symphonikern unter der musikalischen Leitung von Florian Helgath, erfreuen sich großer Beliebtheit, genauso wie die Uraufführung der Film-Installation ‚Euphoria‘ von Julian Rosefeldt. Auch „Respublika“ des Litauischen Nationaltheaters am Ende des Festivals macht unser Publikum sehr neugierig. Ich bin zudem sehr dankbar für die solidarische Geste des Vereins der Freunde und Förderer der Ruhrtriennale, der die Ticketpatenschaft für geflüchtete Menschen übernimmt und ihnen ermöglicht, Veranstaltungen des diesjährigen Festivals bei freiem Eintritt zu besuchen.“

Der Festivalkatalog der Ruhrtriennale 2022 lädt auf mehr als 240 Seiten zu einer bild- und textstarken ergänzenden Erkundung des diesjährigen Festivalprogramms ein. Als PDF unter www.ruhrtriennale.de/festivalkatalog sowie als Print-Version während des Festivals kostenfrei erhältlich.