Rückblick auf eine spannende Epoche
Ein Buch beleuchtet die Revolutionen von 1848/49
Unruhen gab es in der Geschichte Europas zur Genüge. Christopher Clark beleuchtet in seine, 1161-seitigen Werk „Frühling der Revolution – Europa 1848/49 speziell zwei Jahre, die er als einzigartig in Bezug auf Konflikte des Kontinent bezeichnet. Politische Bewegungen bewirkten in vielen Ländern einen Wandel. Auch in deutschen Landen wie Hessen.
Foto: DVA
Es war im Jahr 1848, als politische Unruhen auf dem ganzen Kontinent massiv ausbrachen, blickt Clark zurück. Von der Schweiz bis Moldau, von Skandinavien bis Italien. Es war die einzig wahrhafte europäische Revolution der Geschichte, schreibt der australische Historiker. Das vermeintliche Scheitern der deutschen Revolution wurde als Sonderweg aufgesogen, so der der Professor für Neuere Europäische Geschichte. Doch die Revolutionen von 1848 seien nicht gescheitert, sondern bewirkten in vielen Ländern zügige und dauerhafte Veränderungen, schreibt Christopher Clark. Es ging um politische Veränderungen, Menschenrechte oder die Freiheit der Presse.
Durch den großen Umfang des Werkes kann sich der Fokus vor allem auf die deutschen Länder richten. So kam es etwa im Rheinland schon im Vorfeld zu Spannungen, als die preußische Regierung ein neues Gesetz einführte, welches Strafen für Diebstahl von Holz aus den Wäldern vorsah. Von 1824 bis 1829 gab es allein im Bezirk Trier 37 328 Urteile in Prozessen wegen Holzdiebstahls und in 14 000 Prozessen wegen „sonstigen Forstfrevels“. So ergaben sich Konflikte zwischen habgierigen Grundbesitzern und heldenhaften Bauern, die um ihre Rechte kämpften.
1847 verzeichnete Preußen über 200 Hungerkrawalle, an denen rund 100 000 Bürger teilnahmen. In Alpentälern und Oberschlesien wimmelte es von kleinen Spinnereien und Webereien. Steigende Kosten für Brot und andere Nahrungsmittel betrafen die meisten armen Haushalte. Der schlesische Textilbetrieb in Peterswaldau und Langenbielau wurde zum Schauplatz des blutigsten Aufstands in Preußen vor der Revolution von 1848. Wütende Weber griffen am 4. Juli 1844 das Hauptquartier einer bedeutenden Textilfabrik in Peterswaldau an. Die Firma galt als Ort skrupelloser Arbeitgeber.
In rheinischen Städten der Textilindustrie wurden Spenden für die Schlesier gesammelt. Die Nachricht vom Aufstand und seiner Niederschlagung verbreitete sich von Königsberg über Berlin bis Köln oder Trier. In der Folge kam es zu radikalen Gedichten, darunter Heinrich Heines Beschwörung von 1848 „Die schlesischen Weber“, in welcher der Dichter das Elend und Leben mit endloser Arbeit zum Hungerlohn schildert. Später, 1892, folgte Gerhard Hauptmanns Drama „Die Weber“. Nicht zu vergessen: Käthe Kollwitz mit ihren Drucken „Ein Weberaufstand“.
In Hessen veröffentlichte der junge Bühnenautor Georg Büchner bereits 1834 ein Pamphlet mit dem Titel „Der hessische Landbote“. Büchner und sein Mitstreiter, der Pfarrer Friedrich Ludwig Weidig, zeichneten dabei ein finsteres Bild von der Beziehung zwischen den Bauern von Hessen-Darmstadt und den wohlhabenden Grundbesitzern, die zusammen mit Funktionären das Land kontrollierten. Das Pamphlet endete mit einem Aufruf zum gewaltsamen Widerstand: „Wer das Schwert erhebt gegen das Volk, der wird durch das Schwert des Volkes umkommen“. Nicht nur nur in Hessen-Darmstadt, auch in Kurhessen kam es in dieser Zeit zu größeren Bürgerunruhen. Auch in anderen deutschen Regionen gärte es, so in Sachsen oder Braunschweig.
Oppositionelle Organisationen hatten sich schon nach 1830 gebildet. Die wichtigste war der „Deutsche Vaterlandsverein zur kurz der freien Presse“, kurz „Preßverein“ genannt. Er war 1832 zur Koordination der Proteste gegen die reaktionären Maßnahmen der bayrischen Regierung gegründet worden. Der Höhepunkt der Agitation des Vereins bildete ein politisches Fest auf der Burgruine von Hambach nahe dem heutigen Neustadt an der Weinstraße. Als „Hambacher Fest“ ging es in die deutsche Gesichte ein, als „Wiege der deutschen Demokratie“. Forderungen waren neben der Pressefreiheit auch die nationale Einheit und die Bürgerrechte. Mindestens 20 000 Teilnehmer wanderten ab dem 27.Mai 1832, hoch zur Burg, meist aus der Pfalz, aber auch aus Hessen, Bayern und dem Elsass. Aber auch Delegationen aus Frankreich und Polen nahmen teil.
In Hessen kam es 1830 zu Unruhen. Zunftvorsteher formulierten eine Petition mit einer Aufzählung ihrer zahlreichen Beschwerden. Danach weigerten sich die Bäcker in Kassel zu backen, sofern die Brotsteuer nicht sofort ausgesetzt würde.
Der österreichische Kanzler Clemens von Metternich setzte über die Institutionen des Deutschen Bundes Erlasse durch, die unter anderem die Kontrolle der Zensur verschärften. Er kontrollierte auch die Einführung politischer Maßnahmen zur Unterdrückung oppositioneller politischer Netzwerke. In Frankfurt wurde eine „Zentraluntersuchungsbehörde“ eingerichtet. Mettenich baute ein Netz von Spitzeln, Agenten und Informanten auf, das sich über das gesamte Gebiet des Deutschen Bundes erstreckte. Im Kurfürstentum Hessen geriet die Regierung wegen der Forderung nach einem neuen Pressegesetz mit der liberalen Parlamentsmehrheit aneinander. Und in Hessen-Darmstadt gab es Mitte der 1930er Jahren einen langwierigen Streit zwischen der Opposition und dem reaktionären Großherzog Ludwig II.
1848 entstanden dann Parlamente, in Preußen, der Habsburger Monarchie, aber ebenso im Piemont oder Dänemark. Und schließlich tagte auch das deutsche Nationalparlament in Frankfurt. Es war zusammengetreten um eine politische Union der deutschen Staaten zu erreichen. Seinen Ursprung hatte diese Zusammenkunft in einem Treffen von 51 politischen Aktivisten in Heidelberg, die eine gemeinsame deutsche Versammlung gefordert hatten.
Unruhen und große Demonstrationen gab es noch in Mannheim, Heidelberg und Köln. Es ging dabei um die Gewährung politischer Reformen und bürgerlicher Freiheiten durch König Ludwig I. von Bayern sowie die Entlassung konservativer Minister in Hessen, Baden, Württemberg oder Sachsen.
Christopher Clark richtet seinen Rückblick jedoch nicht nur auf deutsche Regionen. In seinem umfangreichen Werk beschreibt er ebenfalls die Situationen zu jener Zeit in Frankreich, Italien, England oder Polen. Auch dort hatten die Revolutionen von 1848/49 Auswirkungen auf die kommenden Epochen.
Christopher Clark: Frühling der Revolution - Europa 1848/49 und der Kampf für eine neue Welz. DVA, ISBN 978-3-421-04829-S; 48 €.
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