Archiv-Kultur

Römisches Höchst neu bewertet

Höchst ist der älteste bekannte römische Fundplatz auf dem heutigen Frankfurter Stadtgebiet. Bereits vor mehr als 2030 Jahren bestand hier eine Anlage, deren Bedeutung weit über die lokale Geschichte hinausreicht. Sie gehört in die Zeit der Germanenkriege unter Augustus (27 v. Chr. bis 14 n. Chr.) und Tiberius (42 v. Chr. bis 37 n. Chr.), die sich über fast drei Jahrzehnte erstreckten. 

Vor den Fundstücken in ein archäologisches Gespräch verwickelt von lks Ina Hartwig, Dezernentin für Kultur und Wissenschaft, die Autorin Pia Eschbaumer und Wolfgang David, leitender Direktor Archäologisches Museum Frankfurt.
Vor den Fundstücken in ein archäologisches Gespräch verwickelt von lks Ina Hartwig, Dezernentin für Kultur und Wissenschaft, die Autorin Pia Eschbaumer und Wolfgang David, leitender Direktor Archäologisches Museum Frankfurt.
Foto: Ralph Delhees
Stellten das Buchprojekt zum römischen Höchst im Bolongaropalast vor: Felix Weiland, Geschäftsführer des Verlags Schnell & Steiner, Andrea Hampel, Leiterin des Denkmalamts, Peter Fasold, ehemaliger Kustos für Provinzialrömische Archäologie am Archäologischen Museum Frankfurt, Ina Hartwig, Dezernentin für Kultur und Wissenschaft, und Pia Eschbaumer, Autorin
Stellten das Buchprojekt zum römischen Höchst im Bolongaropalast vor: Felix Weiland, Geschäftsführer des Verlags Schnell & Steiner, Andrea Hampel, Leiterin des Denkmalamts, Peter Fasold, ehemaliger Kustos für Provinzialrömische Archäologie am Archäologischen Museum Frankfurt, Ina Hartwig, Dezernentin für Kultur und Wissenschaft, und Pia Eschbaumer, Autorin
Foto: Stadt Frankfurt am Main / Maik Reuß

Weil die Berichte antiker Autoren lückenhaft sind, lässt sich diese Epoche – ebenso wie andere Abschnitte der römischen Geschichte in den westlichen und südlichen Teilen des heutigen Deutschlands – vor allem anhand archäologischer Bodenfunde erschließen. Die gestern im Brunnensaal des Bolongaropalast vorgestellte zweibändige Publikation „Forschungen zum römischen Höchst, Stadt Frankfurt am Main“ macht einen der frühesten Abschnitte römischer Geschichte auf dem heutigen Stadtgebiet für Wissenschaft und Öffentlichkeit zugänglich.

Seit 1892 im Blick der Forschung
Der leitende Direktor des Archäologischen Museums Frankfurt, Dr. Wolfgang David, erklärte bei der Buchpräsentation, die Forschung vermute bereits seit 1892 ein römisches Kastell aus der Zeit des Kaisers Augustus in der Höchster Altstadt. An diesen Untersuchungen beteiligte sich auch der Verein für Geschichte und Altertumskunde Höchst. 

„Eine genauere Bewertung des frühkaiserlichen Höchst“, so Dr. David, „war jedoch lange Zeit dadurch beeinträchtigt, dass im dicht bebauten Stadtgebiet nur kleine Sondagen möglich waren oder lediglich Streufunde ohne aussagekräftige Befunde vorlagen.“ Dies änderte sich 2001/2002, als das Denkmalamt der Stadt Frankfurt auf dem Gelände des ehemaligen Kreishauses des Kreises Höchst, ab 1928 Sitz des Main-Taunus-Kreises, an der Bolongarostraße 101 erstmals größere Flächen archäologisch untersuchen konnte. Eine weitere größere Untersuchung folgte 2014 auf dem nahe gelegenen Baugrundstück Bolongarostraße 102.

Von den Grabungen zum Forschungsprojekt
Aus den Grabungen entstand ein gemeinsames Forschungsprojekt des städtischen Denkmalamts und des Archäologischen Museums. Als erster Teilband der nun vollständig vorliegenden Publikation erschien 2011 ein von Rolf Kubon zusammengestellter und von Andrea Faber wissenschaftlich bearbeiteter Katalog der zwischen 1808 und 2006 bekannt gewordenen römischen Fundstellen in Frankfurt-Höchst und Umgebung. Die jetzt vorliegende Analyse der Funde und Befunde führte zu einer Neubewertung des römischen Höchst. Dr. David dankte den Autorinnen und Autoren für ihre Beiträge, besonders Pia Eschbaumer und Andrea Faber. Ihre umfangreichen Studien beruhen auf großer Materialkenntnis und beziehen Vergleichsmaterial aus allen Teilen des Römischen Reiches ein. Die Ergebnisse sind für die Archäologie der augusteisch-tiberischen Periode von allgemeiner Relevanz und dürften künftig mit großem Gewinn in der provinzialrömischen Forschung rezipiert werden.

Zwei Bände erschließen die früheste Römerzeit
Die zweibändige Publikation „Forschungen zum römischen Höchst“, erschienen im Verlag Schnell & Steiner in der Schriftenreihe des Archäologischen Museums Frankfurt (AMF), legt erstmals die Ergebnisse der archäologischen Ausgrabungen von 2001/2002 vor und wertet das umfangreiche Fundmaterial aus. Als gemeinsames Projekt von AMF und Denkmalamt erschließt sie die früheste Präsenz der Römer auf Frankfurter Stadtgebiet – Jahrzehnte vor der Gründung des römischen Nida zwischen Heddernheim und Praunheim und vor der später hinzugekommenen Ziegelei in Nied.

„Höchst ist ein herausragender Ort der Frankfurter Geschichte, dessen Bedeutung weit über die Stadt hinausreicht. Die Publikation zeigt eindrucksvoll, was durch die gute und langfristige Zusammenarbeit zwischen Denkmalamt, Museum und Wissenschaft möglich ist und wie wichtig dafür eine verlässliche städtische Kultur- und Wissenschaftsförderung ist“, sagt Dr. Ina Hartwig, Dezernentin für Kultur und Wissenschaft. Sie dankte allen Beteiligten des Buchprojekts, besonders dem Geschäftsführer des Verlags Schnell & Steiner, Felix Weiland M.A., der das Projekt mit großem Enthusiasmus begleitete.

Mehr als ein kurzfristiges Militärlager
„Die Untersuchungen führen zu einer neuen Einschätzung des römischen Höchsts. Anders als lange angenommen, handelte es sich vermutlich nicht lediglich um ein kurzfristig genutztes Militärlager mit überwiegend logistischen Aufgaben. Die Forschungen weisen mehrere Nutzungsphasen nach und sprechen für einen militärisch-zivilen Charakter des Platzes in der Regierungszeit des Kaisers Augustus (27 vor Christus bis 14 nach Christus). Damit kommt Höchst eine besondere Bedeutung im Zusammenhang mit der römischen Expansion rechts des Rheins und der damals geplanten Einrichtung einer römischen Provinz Germanien östlich des Rheins zu“, erklärten bei der Buchvorstellung die Herausgeberin Dr. Andrea Hampel, Leiterin des Denkmalamts der Stadt Frankfurt, und Dr. Peter Fasold, ehemaliger Kustos für Provinzialrömische Archäologie am Archäologischen Museum Frankfurt.

Strategische Lage und weitreichende Kontakte
Übereinstimmend erläuterten sie: „Die Lage des Fundplatzes war strategisch günstig: Höchst lag auf einem hochwasserfreien Plateau oberhalb des Mains, an der Mündung der Nidda und damit an wichtigen Wasser- und Landwegen. Von Mainz kommende Schiffe konnten Höchst mit allem versorgen, was eine Siedlung benötigte. Über die mit flachen Schiffen befahrbare Nidda ließ sich auch das Umland erreichen. Das Fundmaterial belegt weitreichende Versorgungsbeziehungen. Transportkeramik und Geschirr aus dem Mittelmeerraum und Gallien zeigen Verbindungen in den Süden und Westen des Römischen Reiches. Das gemeinsame Auftreten römischer und handgeformter nicht römischer Keramik belegt zugleich Kontakte zwischen der römischen Besatzungsmacht und der einheimischen Bevölkerung. Auch die Untersuchung der Tierknochen liefert Hinweise auf Versorgung und Ernährung.“

Ein langfristiges Gemeinschaftsprojekt
Die Publikation ist das Ergebnis eines langfristigen Forschungsprojekts von Denkmalamt und AMF, das mit den Grabungen 2001/2002 begann. Beteiligt waren zahlreiche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen und Institutionen, darunter die Römisch-Germanische Kommission, hessenARCHÄOLOGIE und die Goethe-Universität Frankfurt. Naturwissenschaftliche Analysen ergänzten die Untersuchungen. Auch eine weitere Grabung des Denkmalamts an der Bolongarostraße 102 im Jahr 2014 floss in die Auswertung ein. 

Das Museum als Ort der Forschung
Das Projekt steht zugleich für das Selbstverständnis des AMF als forschendes Museum. Die bei archäologischen Grabungen durch das Denkmalamt geborgenen Funde werden nicht nur bewahrt, sondern auch gesichert, dokumentiert, wissenschaftlich untersucht und ausgewertet. So entsteht aus archäologischen Hinterlassenschaften neues Wissen über die Geschichte Frankfurts und der Region, das das Museum der Öffentlichkeit präsentiert und vermittelt. 

Grundlage für die weitere Forschung 

Mit den beiden Bänden wird das mehr als zwei Jahrzehnte währende Forschungsprojekt abgeschlossen. Die Ergebnisse sind für die Erforschung der römischen Okkupationsgeschichte weit über Frankfurt und das Rhein-Main-Gebiet hinaus von Bedeutung. Sie schaffen eine wichtige Grundlage für die weitere Forschung zur Zeit der Germanenkriege unter Augustus und Tiberius. 

Bibliografische Angaben

Peter Fasold und Andrea Hampel, Archäologisches Museum Frankfurt (Hrsg.): Forschungen zum römischen Höchst, Stadt Frankfurt am Main. Schriften des Archäologischen Museums Frankfurt am Main, Bände 23/2 und 23/3. 1. Auflage 2026, 616 Seiten, 21 × 28 cm, 200 Abbildungen, faden geheftet. ISBN 978-3-7954-3440-3, 50 Euro.