„Rock meets Classic“ in Frankfurt
Rock trifft Pathos – und nimmt Abschied
Wenn Gitarrenriffs auf sinfonische Wucht treffen, entsteht seit Jahren ein Erfolgsformat, das Generationen verbindet. Am 7. April 26 machte die „Rock meets Classic – Farewell Tour“ in der Jahrhunderthalle Station – und verwandelte den Saal in ein emotionales Finale einer Ära. Unterstützt von großem Orchester und Rockband präsentierten internationale Größen ihre Hits in opulenten Arrangements. Die Abschiedstour markiert das letzte Kapitel eines Formats, das Rockgeschichte neu erzählt hat.
Im Mittelpunkt des Abends standen die Gaststars – allesamt prägende Stimmen und Musiker der Rockgeschichte, deren Karrieren unterschiedlicher kaum sein könnten, die aber gemeinsam diesen Abend zu einem unvergesslichen Gesamtkunstwerk machten.
Ronnie Atkins – Melodic Metal mit Haltung
Als Sänger der dänischen Band Pretty Maids steht Ronnie Atkins seit den 1980er-Jahren für melodischen Hard Rock mit Metal-Einflüssen. Songs wie „Future World“ oder „Red, Hot and Heavy“ verbinden Eingängigkeit mit Energie und haben der Band eine treue Fangemeinde eingebracht. In Frankfurt überzeugte Atkins vor allem durch Präsenz. Seine Stimme setzte sich mühelos gegen das Orchester durch und brachte eine willkommene Schärfe in den ansonsten oft sehr harmonischen Gesamtklang. Dabei wirkte sein Auftritt nie routiniert, sondern engagiert und unmittelbar – ein Künstler, der auch nach Jahrzehnten auf der Bühne nichts von seiner Intensität verloren hat.
Robert Hart – Klassischer Rock mit britischer Note
Der ehemalige Sänger von Manfred Mann’s Earth Band, Robert Hart, repräsentierte die klassische britische Rocktradition. Die Band feierte Erfolge mit Songs wie „Mighty Quinn“ oder „Davy’s On The Road Again“. Hart ist ein erfahrener Performer, der seine Songs weniger inszeniert als erzählt. Statt großer Gesten setzte er auf Nuancen und Timing. Im Zusammenspiel mit dem Orchester entstand eine warme, beinahe nostalgische Atmosphäre, die sich deutlich von den dramatischeren Beiträgen des Abends abhob. Robert Hart zeigte, dass Rock nicht immer laut sein muss, um Wirkung zu entfalten.
Eric Martin – Gefühlvolle Rockballaden
Eric Martin brachte eine andere Facette auf die Bühne: die emotionale Direktheit der Ballade. Als Frontmann von Mr. Big feierte er Anfang der 1990er-Jahre weltweiten Erfolg, vor allem mit „To Be With You“, einer der bekanntesten Akustikballaden der Rockgeschichte. Doch auch darüber hinaus steht Martin für eine Mischung aus Melodik, Soul-Einflüssen und klassischem Hard Rock. Sein Auftritt war geprägt von Zurücknahme und Präzision. Das Orchester verlieh seinen Songs zusätzliche Tiefe, ohne sie zu überladen.
Tarja Turunen – Zwischen Oper und Metal
Mit Tarja Turunen erhielt der Abend eine deutlich andere Klangfarbe. Die klassisch ausgebildete Sopranistin wurde als Frontfrau der finnischen Band Nightwish weltbekannt und gilt als Wegbereiterin des Symphonic Metal. Mit Songs wie „Nemo“ oder „Wish I Had an Angel“ verband sie Metal-Elemente mit opernhaftem Gesang – ein Stil, der ganze Generationen von Bands beeinflusst hat. In der Jahrhunderthalle mit ihrer guten Akustik zeigte sich, wie selbstverständlich sie sich im orchestralen Rahmen bewegt. Ihre Stimme fügte sich nicht nur ein, sie dominierte den Raum – klar, kraftvoll und technisch makellos. Besonders in ruhigeren Passagen entwickelte ihr Gesang eine fast sakrale Wirkung, während die dramatischen Höhepunkte an Operninszenierungen erinnerten. Tarja Turunen war damit nicht nur Teil des Konzepts, sondern dessen konsequenteste Verkörperung.
Michael Schenker – Das „German Wunderkind“ an der Gitarre
Ein Kontrastprogramm dazu bot Gitarrenlegende Michael Schenker. Bekannt geworden bei den Scorpions und später bei UFO, prägte er mit seinem markanten Stil den Hard Rock der 1970er-Jahre. Klassiker wie „Doctor Doctor“ oder „Lights Out“ gehören zu seinem Vermächtnis. Hier ließ seine ikonische Flying-V-Gitarre sprechen und demonstrierte, warum er bis heute als einer der einflussreichsten Gitarristen seines Genres gilt. Gerade im orchestralen Kontext entstand eine interessante Spannung zwischen der Direktheit seiner Gitarre und der opulenten Klangfläche des Orchesters. Seine Soli wirkten wie erzählerische Höhepunkte. Unterstützt wurde er kongenial von Sänger Roberto Dimitri Liapakis, der ihn auch schon auf Tourneen begleitet hatte.
Joey Tempest – Die Stimme von Europe
Mit Joey Tempest stand einer der großen Frontmänner des europäischen Stadionrocks auf der Bühne. Als Sänger und Songwriter von Europe wurde er in den 1980er-Jahren weltberühmt. Der Durchbruch gelang mit dem Album The Final Countdown, dessen Titelsong zu einer globalen Hymne avancierte. Auch Balladen wie „Carrie“ oder kraftvolle Tracks wie „Rock the Night“ zeigten früh Tempests Gespür für Melodie und Dramaturgie. In Frankfurt zeigte Tempest, dass seine Stimme nichts an Strahlkraft verloren hat. Gerade in den orchestralen Passagen gewann seine Musik eine zusätzliche, fast hymnische Dimension, als wären die Songs von Anfang an für diese symphonische Wucht geschrieben worden. Die ikonische Synthesizer-Fanfare „The Final Countdown“ bildete den optimalen Schluss-Song.
Ein würdiger Abschied
„Rock meets Classic“ war immer mehr als ein Nostalgieprojekt. Die Idee, Rockklassiker durch orchestrale Arrangements neu erfahrbar zu machen, erwies sich über Jahre als erstaunlich zeitlos. Der Abend in Frankfurt zeigte noch einmal die ganze Bandbreite dieses Konzepts: von bombastisch bis intim, von Gitarren-Exzess bis Opernpathos. Dass diese Tour als Abschied angekündigt ist, verlieh dem Konzert eine zusätzliche emotionale Ebene. Am Ende blieb der Eindruck eines musikalischen Brückenschlags, der nun zu Ende geht – aber in den Erinnerungen eines begeisterten Publikums weiterklingen wird.
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