RKI-Chef Schaade: “Über das Wort Erkältung kann man streiten”
Der neue Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), Lars Schaade, beurteilt die Coronalage in Deutschland in einem Interview mit ZEIT ONLINE optimistisch. Zwar sehe man seit den Sommermonaten wieder mehr Ansteckungen. Doch steige die Zahl der Personen, die wegen Covid im Krankenhaus liegen, nicht in gleichem Maße. “Das liegt an der guten Immunität in der Bevölkerung, und das ist auch der Grund, warum wir entspannter als in den Vorjahren in den Herbst gehen können”, sagte Schaade. Er erwarte “eher nicht”, dass noch einmal Maßnahmen von staatlicher Seite erforderlich sein werden.
Auf die Frage, ob Covid für die meisten Menschen mittlerweile eine Erkältung sei, wie der Virologe Christian Drosten kürzlich in einem ZEIT-Interview sagte, antwortete Schaade: “Über das Wort Erkältung kann man streiten.” Grundsätzlich stimme er Drosten zwar zu, da die pandemische Phase in eine endemische übergegangen sei. Doch besitze Sars-CoV-2 Eigenschaften, die das Virus von normalen Erkältungsviren unterschieden, etwa die Fähigkeit, Long Covid auszulösen. Menschen mit Risikofaktoren, also älteren Personen oder Menschen mit eingeschränktem Immunsystem, rät Schaade: “Sie sollten ihren Impfschutz aktuell halten und sich weiterhin vor Infektionen schützen, so gut es geht. Etwa, indem sie Veranstaltungen mit vielen Menschen in den Wintermonaten meiden oder in der Bahn eine Maske tragen.”
Unter anderem auch zur Vorbereitung auf eine mögliche künftige Pandemie baut das RKI derzeit ein großes sogenanntes Panel auf, zu dem 30.000 Personen gehören werden, die repräsentativ für die Bevölkerung ausgewählt sind. “Das sind Menschen, die sich dauerhaft bereiterklärt haben, an Befragungen teilzunehmen und auch zum Beispiel Abstrichproben abzugeben.” Das Panel soll in den kommenden Monaten starten und auch in Nichtpandemiezeiten wertvolle Erkenntnisse zur Gesundheit der Bevölkerung liefern, die so nicht aus anderen Datenquellen verfügbar sind, etwa zu Bewegungs- und Ernährungsverhalten. Großbritannien hatte ein solches Panel bereits vor Jahren etabliert und konnte es während der Pandemie für verschiedene Fragestellungen nutzen.
Außerdem warnte Schaade vor den gesundheitlichen Folgen des Klimawandels: ”Der Klimawandel ist auch in Deutschland eine der größten Gefahren für die Gesundheit.” Neben den zunehmenden Hitzewellen steige auch das Risiko für Infektionskrankheiten, weil bestimmte Überträger weiter nach Norden wanderten. So seien etwa Fälle des Denguevirus möglich, die in Deutschland ihren Ursprung haben. Außerdem könne das West-Nil-Virus, das von heimischen Mücken übertragen wird, nun hier überwintern. "Es ist nicht auszuschließen, dass wir eine größere Westnil-Epidemie in Deutschland bekommen”, sagte Schaade. Das Virus mache zwar nur wenige Personen schwer krank, könne im Einzelfall aber Gehirnentzündungen auslösen, von denen sich Betroffene teils nie richtig erholen. “Und wenn sich sehr viele Menschen infizieren, dann gibt es auch viele schwere Fälle.”
Eine Bedrohung sieht Schaade auch im Bioterrorismus: “Die Gefahr ist da, und sie hat in den vergangenen Jahren zugenommen, wie wir von den Sicherheitsbehörden hören.” Als Beispiel nannte Schaade den vereitelten Anschlag mit dem Pflanzengift Rizin in Köln-Chorweiler 2018, warnte aber auch vor anderen Gefahrenstoffen: „Es gibt in der Literatur seit langem das berühmte “dreckige Dutzend“, sagte Schaade. Dazu zählten etwa der Milzbranderreger, Bacillus anthracis sowie der Erreger der Pest und das Pockenvirus, aber auch Botulinumtoxin. „Viele von diesen Erregern muss man weiterhin auf dem Zettel haben.“
Der Mikrobiologe Lars Schaade ist seit Oktober neuer Präsident des RKI. Seit 2011 war er Vizepräsident des Instituts und leitete während der Coronapandemie den internen Krisenstab. Zudem leitet Schaade am RKI das Zentrum für Biologische Gefahren und Spezielle Pathogene, das unter anderem die Aufgabe, die Bevölkerung vor Bioterrorismus zu schützen.
ZEIT ONLINE.
Weitere Artikel aus der Kategorie: