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Letzte Aktualisierung: 22.09.2021

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Rigoletto kehrt nach einem Jahr Pause zurück

Erneut erfolgreiche Inszenierung

von Karl-Heinz Stier und Ingeborg Fischer

(27.07.2021) Es ist nicht nur eine besondere Saison, in der der 75. Geburtstag der Bregenzer Festspiele gefeiert wird. Bedingt durch die Corona-Zwangspause konnte erst jetzt -2021- die zweite Spielzeit für Rigoletto auf der Seebühne beginnen.

Bildergalerie
Seebühne von Rigoletto mit Publikum
Foto: Karl-Heinz Stier
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Buntes höfisches Treiben des Zirkus-Volkes und der Artisten beim Herzog von Mantua
Foto: Festspiele
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Gilda mit ihrer Arie „Caro Nome“ im 16 Meter hohen Korb des Fesselballons unter freundlicher Beobachtung des Narrenkopfes
Foto: Festspiele
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Gilda wird aus dem Korb entführt. Der Narrenkopf schaut interessiert zu.
Foto: Festspiele
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Rigoletto, der bösartige Hofnarr und Titelheld, bei einer seiner hervorragend dargebotenen Arien
Foto: Festspiele
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Die Oper, 1815 von Guiseppe Verdi in drei Akten verfasst, gehört zu den erfolgreichsten Inszenierungen auf der Seebühne und – wie es  scheint - wird sie auch in diesem Jahr erneut mit diesmal  27 weiteren Aufführungen eine Erfolgsgeschichte schreiben. Jedenfalls verspricht das die Premiere mit 7 000 Besuchern und ausverkauftem Haus. Rund um eine technisch hervorragende Bühnentechnik und Elektronik, mit ihren spektakulären und intimen Szenen, die bisweilen bis in eine zarte Poesie reichen, eröffnete sich wieder ein ausgefeiltes, beeindruckendes  Meisterwerk. „Für ein paar Wochen im Sommer ist die Seebühne in Bregenz eben immer auch ein bisschen Hollywood“, wie das ZDF einmal treffend bemerkte.

Das liegt vor allem an dem riesigen Clownskopf, der 35 Tonnen wiegt und dessen Augenaufschlag 2,7 Meter breit, die gestreckte Hand 11,1 Meter lang und die Flughöhe des leuchtenden Fessel-Ballons für Gilda 15 Meter hoch ist.

Um diesen Kopf dreht sich das tragische Geschehen um den Hofnarr Rigoletto und seiner Tochter Gilda. Er soll die Gefühle des Narren spiegeln: Häme, Bosheit, Lüsternheit, aber auch Liebe zu der Tochter, dann Verzweiflung und schließlich Hass. Er kann die Augen rollen, den Kopf neigen und erheben, den Mund öffnen und schließen und sogar liebevoll wirken. All das ist ja auch Rigoletto: ein bösartiger Hofnarr, der dem Treiben seines Herrn, der Frauen entehrt, benutzt und fallenlässt, nicht nur zusieht, sondern ihn dabei auch unterstützt und dann die Betroffenen verspottet und verletzt. Aber auch der liebevolle Vater, der die Tochter beschützt und verbirgt vor dem skrupellosen Verführer. Als die unschuldige Gilda in die Fänge des Frauenschänders gelangt, spiegelt sich die Verzweiflung des Narren auch in dem überdimensionalen Kopf des Bühnenbildes. Der Clownskopf verfällt, erst verliert er die Augen, dann die Nase und auch die Zähne. Er gleicht am Ende einem Totenschädel. Zerstört, so wie die Figur Rigoletto ist, als er bemerkt, dass seine Rache und sein Hass die eigene Tochter getötet hat. 

Die aufreizenden Bilder von Philipp Stölzle, dem Regisseur und Bühnenbilder und seiner Mitarbeiterin Heike Vollmer gingen seit der ersten Premiere rund um die Welt. Dass er aus dem Herzog von Mantua einen Zirkusdirektor macht und die Höflinge Zirkusvolk, Artisten und sogar Zirkusaffen sind, bringt viel Wirbel auf die Seebühne und ist gewöhnungsbedürftig. Auch der überdimensionale Kopf, von vielen Kritikern hochgelobt, erinnerte uns zu sehr an ein Kindchen-Schema. Rigoletto ist eigentlich ein bösartiger, zynischer Mensch, nicht nur Clown.    

Rund ein Drittel aller vor und hinter den Kulissen Beteiligten sind in der Inszenierung 2021 neu. Vladimir Stonjanov sang den Titelhelden bei der Premiere wie vor 2 Jahren mit seinem raumfüllenden Bariton beeindruckend. Seine flehentliche Arie „Cortigiani, vil razza dannata“ war großartig. Ekaterina als Gilda mit ihrem reinen Sopran kann man nur bewundern, nicht nur für ihre schöne Stimme, sondern auch, was ihr abverlangt wird an Schwindelfreiheit und Mut auf – oder über der Seebühne -  wenn sie im Fesselballon hochschwebt. „Caro Nome“, zu Herzen gehend! Long Lang als Herzog/ Zirkusdirektor hätten wir uns stimmlich schmettender und auch als Figur leichtsinniger, gewissenloser, vorstellen können bei „Questa o quella“ und „La donna  e mobile“.

Jedoch – das gesamte Ensemble in Bregenz war überzeugend. Es ist ja immer noch beeindruckend, wie gut der Einklang mit dem Orchester, das ja nicht auf der Bühne, sondern im Festsaal sitzt, harmoniert. Und Stölzls bombastische Einfälle für die Seebühne sind ein Spektakel, das auch einmal am Kitsch vorbeischrammt. Oder ist es eine liebevolle Inspiration? Als Gilda in den Armen ihres Vaters auf der Bühne stirbt, fliegt der Ballon mit einem Double im hellblauen Kleid in den Himmel und lässt ein langes blaues Seidenband herunter flattern. Bei der Premiere leuchteten die Sterne über der Szene, während am anderen Ufer des Bodensees dunkle Gewitterwolken mit Wetterleuchten drohten. Die 7.000 Zuschauer blieben aber verschont von einem Unwetter.  Das Gewitter während der Ermordung Gildas war nur inszeniert.

Begleitet werden die Sänger von den Wiener Symphonikern, deren Teilnahme an den Bregenzer Festspielen genauso alt ist wie die Festspiele in diesem Jahr. Und sie werden erstmals von einer Frau dirigiert - von der Britin Julia Jones, eine Expertin für Mozart und Verdi. Ihr besonderes Geschick liegt darin, die vielen Elemente bei einer Oper zusammenzusetzen: Orchester, Chor und die Solisten auf der Bühne. Monitore helfen dabei zu einem passgenauen Einsatz. Neu ist, dass an manchen Stellen nicht Solisten, sondern Instrumente wie Kontrabass und Cello als Duett auftreten und die Melodie spielen. Die Sänger bleiben in solchen Szenen im Hintergrund, kommentieren nur mit kürzeren Phasen – wie  die Chefdirigentin erläuterte.

Was die Oper Rigoletto neben der Musik, der Inszenierung und den Sängern auch auszeichnet, sind die bunten Farben der Kostüme, die Fantasieuniformen, das Geglitzer. So eine Zirkuswelt bedarf einer Abstimmung mit Regie und Bühnenbild. „Dass ich ganze Figuren erfinden darf und nicht nur die Kleidung, so als würde ich Kunstblumen erschaffen, also etwas zum Leben zu erwecken. Dass es das noch gibt, macht mir eine große Freude“, sagt Kostümbildnerin Katja Maurer, die 2019 das erste Mal für die Seebühne gearbeitet hat. Schließlich seien die Figuren für den Zuschauer von seinem Platz aus gesehen sehr klein. Deshalb hat sie ein Farbkonzept entwickelt: die Welt des Herzogs ist Rot als Farbe der Macht, Gilda trägt das einzige Blau, die Farbe der Sehnsucht und Rigoletto als  Einziger Gelb, die Farbe der Narren.

Bis zum 28. August, der letzten Rigoletto-Aufführung auf der Seebühne ist es noch eine Weile hin. 202 000 Karten sind aufgelegt. Über 170 000 Tickets sind bereits gebucht. Danach ist das Kapitel Rigoletto abgeschlossen. Aber es gibt schon die neue Planung für 2022 und 2023. Die ursprünglich für dieses Jahr vorgesehene Oper „Madame Butterfly“ von Giacomo Puccini musste wegen der Corona-Epidemie verschoben werden (Premiere 20. Juli 2022 und 22 weitere Vorstellungen). Dann weht ein Hauch von Japan am Bodensee. Und  das Drama, eine oft gespielte Oper, ist erstmals auf der Seebühne zu erleben. Man wird gespannt sein, was sich diesmal Regie und Bühnenbildner als Kulisse alles einfallen lassen!