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Reform ohne Finanzierung

Kritik an Honorarkürzungen in der Psychotherapie

In einem gemeinsamen offenen Brief warnen die Psychologische Hochschule Berlin (PHB) und die International Psychoanalytic University (IPU) Berlin anlässlich der angekündigten Honorarkürzungen für Psychotherapeuten vor einer weiteren Verschärfung der Versorgungslage in Deutschland. Die Kürzungen treffen auf ein System, dessen zentrale Reformbausteine bis heute unvollständig umgesetzt sind – insbesondere, weil die Finanzierung der Weiterbildung weiterhin ungeklärt ist. Diese Entwicklung gefährdet langfristig die Qualität und Verfügbarkeit psychotherapeutischer Versorgung.

Mit der angekündigten Kürzung der Psychotherapeuten-Honorare um 4,5 Prozent wird eine Entwicklung weiter verschärft, die sich seit Jahren abzeichnet: die schleichende Erosion der psychotherapeutischen Gesundheitsversorgung in Deutschland. Diese Entscheidung ist kein isolierter Eingriff – sie ist ein Signal. Und dieses Signal ist fatal. "Unsere Stellungnahme schreiben wir aus der Mitte der akademischen Praxis, in der die Psychotherapeuten von morgen ausgebildet werden", heißt es in dem Schreiben. Und weiter: "Als private Universitäten mit psychologischen Studiengängen und einem Fokus auf die klinisch-psychotherapeutische Ausbildung beobachten wir die stattfindende Entwicklung seit Jahren. 
Seit der Gesetzesnovellierung im Jahr 2019 ist die Psychotherapieausbildung in das universitäre Studium integriert. 

Während wir als Universitäten mit erheblichem Aufwand neue Psychotherapiestudiengänge geschaffen und die gesetzlichen Anforderungen umgesetzt haben, verharrt die Politik in einer gefährlichen Untätigkeit. Die Finanzierung der an das Approbationsstudium anschließenden Weiterbildung ist bis heute, auch im sechsten Jahr nach der Gesetzesnovellierung, ungeklärt. Wir entlassen hochqualifizierte Absolventen in ein System, das keine tragfähigen finanziellen Strukturen für ihre gesetzlich vorgeschriebene Weiterbildungszeit bietet. Deshalb sind entsprechende Stellen aktuell nicht finanzierbar.

Stetig schlechter werdende Versorgungsstrukturen

An unseren Universitäten erleben wir täglich das Potenzial und die Motivation der nachrückenden Psychotherapeuten-Generation. Diese Menschen entscheiden sich bewusst für einen Berufsweg, der dem Gemeinwohl dient. Was wir ihnen derzeit bieten müssen, ist ein Parcours aus Hürden. Sie gehen in Vorleistung, investieren Zeit, Geld und Arbeit in eine berufliche Zukunft, die ungewiss ist, im Ungewissen belassen wird. Wenn jetzt noch Honorare auf das bundesgerichtlich vorgeschriebene Minimum zurückgekürzt werden - welches Signal senden wir an künftige Studenten? Wir vermitteln den für die psychische Gesundheitsversorgung entscheidenden Mitgliedern der Gesellschaft, dass ihr Einsatz von der Politik und den Krankenkassenverbänden immer öfter relativiert und in Frage gestellt wird.

Als Universitäten sind wir nah an allen Betroffenen – den Studenten als Psychotherapeuten der Zukunft, den Lehrenden und Wissenschaftlern sowie den Patienten in unseren Hochschulambulanzen. Wir sehen den wachsenden Bedarf an psychotherapeutischer Versorgung und den Einsatz derer, die sich dieser Aufgabe beruflich annehmen wollen. Gleichzeitig beobachten wir eine zunehmende Unattraktivität des Berufsfeldes sowie eine wachsende Frustration darüber, dass ihr Einsatz politisch nicht unterstützt wird.

Wer Versorgung sichern will, muss die Menschen stärken, die sie leisten

Stattdessen entsteht der Eindruck, dass der wachsende Versorgungsbedarf auf ein System trifft, das weder den bestehenden Strukturen ausreichend Stabilität bietet noch den Nachwuchs verlässlich integriert und unterstützt. Diese Entwicklung gefährdet langfristig die Qualität und Verfügbarkeit psychotherapeutischer Versorgung in Deutschland." 

„In einer Zeit, in der die Nachfrage nach Therapieplätzen rapide gewachsen ist und Patienten monatelang auf Hilfe warten, ist diese Honorarkürzung nicht zu verantworten. Sie macht eine Niederlassung als Psychotherapeut unattraktiver, zumal sie diejenigen trifft, die ohnehin schon am unteren Rand der Verdienstskala im vertragsärztlichen System stehen. Es ist ein völlig falsches Signal, bei steigendem Bedarf die Honorare abzusenken, anstatt Prävention und Behandlung zu stärken. So wird an der falschen Stelle gespart“, betont Prof. Dr. Jan-Hendrik Olbertz, Präsident der IPU Berlin.

Und Prof. Dr. Siegfried Preiser, Rektor der PHB, gibt zu bedenken: „Wir qualifizieren mit großem Engagement eine neue Generation von Psychotherapeuten – und müssen sie gleichzeitig in ein System entlassen, das ihnen keine verlässliche Perspektive bietet. Solange die Finanzierung der Weiterbildung ungeklärt bleibt und gleichzeitig die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen weiter verschlechtert werden, entsteht ein fatales strukturelles Ungleichgewicht. Das gefährdet nicht nur die Attraktivität des Berufs, sondern langfristig auch die Versorgung. Wer Versorgung sichern will, muss die Menschen stärken, die sie leisten.“ - idw.