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Letzte Aktualisierung: 22.10.2021

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Randbemerkung: Herbsttag

Gedanken über Rilke

von Ingeborg Fischer

(19.10.2021) Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß. Leg Deinen Schatten auf die Sonnenuhren und auf den Fluren lass die Winde los.

Foto: Frankfurt-Live
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Befiehl den letzten Früchten voll zu sein. Gib ihnen noch zwei südlichere Tage, dränge sie zur Vollendung hin und jage die letzte Süße in den schweren Wein.
Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben und wird in den Alleen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben. „Herr, es ist Zeit, der Sommer war sehr groß...“.

So beginnt mein Lieblingsgedicht von Rainer Maria Rilke. Und jetzt, wo der Herbst begonnen hat, sich die Blätter färben, es unfreundlich und windig ist und die Tage  kürzer werden, denke ich immer wieder über das wunderschöne Gedicht nach, das so viel Aussagekraft hat.

Es heißt darin auch … “und jage die letzte Süße in den schweren Wein.“

Das sollte mir Hoffnung geben auf einige noch sonnige Herbsttage. Und weil ich dem Weinjahrgang 2021 wünsche, dass er gut sein wird, deshalb werden  noch goldene Oktobertage kommen.  

„Wer jetzt allein ist wird es lange bleiben…“ das klingt so traurig. Wenn ich an den Herbst im vergangenen Jahr zurückdenke, an die Corona-Pandemie auf ihrem Höhepunkt, den Lockdown, der das öffentliche Leben fast völlig lahmgelegt hat, an die einsamen Abende zu Hause ohne Theater, Kino, Restaurantbesuche, Freunde, kenne ich Einsamkeit. Und zu den Menschen, die ihre letzten Stunden allein durchleben mussten in den Kliniken, die ohne ihre Angehörigen gestorben sind, zu ihnen wandern meine Gedanken auch.

„... und wird in den Alleen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.“ Das klingt trostlos, ich aber habe schöne Erinnerungen an Spaziergänge auf Wegen mit raschelnden Blättern, die vom Wind hochgewirbelt werden.

Der Herbst kann kommen! Die Trauben sind fast reif, ein paar sonnige Tage verspricht der Wetterbericht auch, die ganz strengen Corona-Regeln sind aufgehoben, die Blätter fallen schon von den Bäumen und werden dann rascheln.

Rilke, der das Gedicht vor 120 Jahren geschrieben hat, würde sich sicher sehr wundern, wie ich es mit meinem Leben in Verbindung bringe, wie ich es für mich auslege. Es könnte aber auch sein, dass er sich trotzdem „e bissi freue deht?

Jedenfalls, ich finde es berührend schön!