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Letzte Aktualisierung: 30.09.2020

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Radfahren neu entdeckt: E-Lastenräder kommen gut an

von Ilse Romahn

(14.09.2020) Die Stadt Frankfurt hatte sich an der vom Land Hessen geförderten Aktion „Radfahren neu entdecken“ beteiligt, so konnten Frankfurter Bürger für zwei Wochen kostenlos ein Pedelec oder ein elektrisch verstärktes Lastenrad ausleihen.

Rückgabe von E-Bikes am Rossmarkt
Foto: Stadt Frankfurt
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Das Radfahrbüro hat Nutzer bei einem der Rückgabe-Termine am Roßmarkt nach ihren Erfahrungen gefragt. Verkehrsdezernent Klaus Oesterling zog eine positive Bilanz: „Der vorherrschende Gesamteindruck ist ausgesprochen gut – die neuen Fahrzeuge wecken aber auch neue Ansprüche an die Radverkehrsinfrastruktur. Wir brauchen künftig breitere Radwege, damit auch Lastenräder gut durch die Stadt kommen.“

Überwiegend positives Stimmungsbild der Teilnehmer
„Das ist doch ein Scherz“, dachte Oliver Patzwald zuerst, als er von der Aktion „Radfahren neu entdecken“ hörte. Ein hochwertiges Pedelec, das man 14 Tage lang kostenlos leihen kann? Unglaublich! Aber nachdem sich der Frankfurter online angemeldet hatte, waren die letzten Zweifel verflogen: „Reservierung und Abholung haben reibungslos geklappt“, lobt Patzwald. Auch das elektrisch unterstützte Radeln gefiel ihm so gut, dass er bereits über den Kauf eines eigenen Pedelecs nachdenkt. Besonderes Augenmerk wird er dabei auf den Sattel legen: „Beim Leih-Pedelec war der Sitz so unbequem, dass er getauscht werden musste, aber auch das ging ganz unproblematisch.“

Auch Mara Herbstritt und Max Flad aus dem Gutleutviertel haben sich Pedelecs geliehen. Nach kurzer Eingewöhnung fühlten sich die beiden jungen Leute vertraut und sicher auf ihren Fahrzeugen. „Eigentlich fahre ich mit dem ÖPNV zur Arbeit, doch wegen Corona habe ich wieder den Pkw genommen. Dafür war das Pedelec eine gute Alternative“, berichtet Mara Herbstritt. Aber auch in der Freizeit nutzten die beiden das Elektrofahrrad gerne. Einziger Kritikpunkt: Während es bergauf mit elektrischer Unterstützung schneller geht, stellte sich bergab ein ungewohnter Bremseffekt ein.

Der Pkw blieb öfter stehen
„Die Autos haben plötzlich Respekt vor einem“, ist eine besondere Erfahrung, die Kaja Breinig aus Frankfurt-Sachsenhausen nach 14 Tagen Lastenrad-Fahren mitnimmt. Aufgrund der größeren Masse und besseren Sichtbarkeit des Transportfahrrads im Straßenverkehr entsteht ein besseres Sicherheitsgefühl. „An den viel größeren Wendekreis muss man sich allerdings erst einmal gewöhnen“, hat Kaja Breinig festgestellt. Trotz der größeren Abmessungen fand sich aber sowohl bei Einkaufsfahrten als auch beim Parken zu Hause immer ein Abstellplatz.

Auch Joachim Teichert aus dem Westend war 14 Tage lang mit einem geliehenen Lastenrad unterwegs. Er ist damit zum Einkaufen und zur Arbeit gefahren und hat seinen Sohn zur Kita gebracht, „denn mit dem Rad geht das einfach am schnellsten in der Stadt.“ Auch Teichert fühlt sich im Straßenverkehr mit einem Lastenrad gut wahrgenommen, wünscht aber sich eine bessere Infrastruktur: „Wo Radwege existieren, sind sie okay – aber es gibt zu wenig durchgängige Verbindungen in Frankfurt.“ Auch sichere Abstellmöglichkeiten müssten noch weiter ausgebaut werden, findet der Familienvater.

Eine ideale Abstellmöglichkeit für ihr geliehenes Lastenrad fand Christine Römpp im Hinterhof des Hauses im Ostend, wo sie wohnt. Für den Transport der Kinder und Einkaufsfahrten erwies sich das Transportrad als überaus praktisch: „Während der beiden Testwochen haben wir das Auto komplett stehen gelassen“. Den Pkw gegen das Transportfahrrad zu tauschen, kann sich die Frankfurterin aber nicht vorstellen. Und als zusätzliche Anschaffung sei so ein Fahrzeug recht teuer.

Gute Abstellplätze sind rar
Anstelle eines Zweitwagens käme ein Lastenrad für Susanne Händler aus Goldstein in Betracht. Auch sie ließ den Pkw oft stehen, um stattdessen mit dem Lastenrad zur Arbeit und zum Einkaufen zu fahren. „Mit Abstellmöglichkeiten sah es unterwegs oft schlecht aus, und die Radwege sind meist zu eng, um entspannt zu fahren“, bemängelt die Frankfurterin. Auch mehr Rücksichtnahme durch den Autoverkehr wünscht sie sich.

Sara Schmitt aus Bornheim hat ebenfalls festgestellt, wie knapp der öffentliche Raum ist, wenn man mit einem Lastenrad unterwegs ist. Besonders leicht fiel ihr die Umstellung aufs schwerere Rad auf den neuen breiten Radwegen an der Friedberger Landstraße. „Dort zu fahren ist toll“, beschreibt sie ihren Eindruck. Doch der Kauf eines eigenen Lastenrads ist vor allem wegen der hohen Anschaffungskosten nicht geplant. Dafür sollte es aber mehr dezentrale Leihstationen für Lastenräder geben, was für viele auch das Problem der fehlenden Abstellmöglichkeit zu Hause lösen könnte, meint Sara Schmitt.

Breitere Radwege wären eine Verbesserung
Die Erfahrung, wie schwierig es sein kann, ein Lastenrad zu Hause sicher abzustellen, hat auch Meriem Selmer-Spreier aus Harheim gemacht: „Wir haben nur einen kleinen Garten, meistens stand das Lastenrad dann am Zaun“. Der Aktionsradius in der Testzeit war beträchtlich: „Mein Mann und ich haben das Rad auch für Fahrten zur Arbeit genutzt, das sind jeweils 12 beziehungsweise 15 Kilometer.“ Mehr breite Radwege Richtung Innenstadt wünscht sich die Mutter zweier Töchter, findet aber: „Zum Kindertransport war es einfach super“. Trotzdem steht ein Lastenradkauf derzeit nicht an, auch weil gerade ein E-Bike angeschafft wurde. Mit etwas Wehmut verabschiedete sich die Familie daher bei der Rückgabe vom geliehenen E-Lastenrad.

Zwischen dem 29. Februar und dem 12. September liehen sich insgesamt 366 Frankfurter für jeweils 14 Tage entweder ein Pedelec oder ein elektrisch verstärktes Lastenrad aus. Bis zum Ende des Projektes wurden 241 mal E-Lastenräder und 125 mal Pedelecs verliehen. Allerdings lag die Zahl der Interessierten wesentlich höher. Dass nicht alle, die es wollten, ein Rad leihen konnten, lag zum Teil auch an der sechswöchigen Zwangspause von „Radfahren neu entdecken“ aufgrund der Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie. (ffm)