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„Punch and Judy“ Oper im Bockenheimer Depot

Mörderisches, makabres Spektakel

Die Oper in einem Akt Punch and Judy des englischen Komponisten Harrison Birtwistle (1934-2022) ist ein Mordsspektakel, ein Puppenspiel, das an die derbe Tradition des englischen Jahrmarkts erinnert und sich auf Figuren der Commedia dell’arte bezieht. Und das in einer maßlos überzogenen Weise. Gewalt, schwarzer Humor, surrealistische Momente prasseln auf die Zuschauer ein, die am Ende der Frankfurter Erstaufführung die buchstäblich irre zweistündige Inszenierung bejubelten.

Die fünf Hauptdarsteller beim Schlussapplaus
Die fünf Hauptdarsteller beim Schlussapplaus
Foto: Renate Feyerbacher
Das gesamte Team
Das gesamte Team
Foto: Renate Feyerbacher

Punch and Judy ist die erste Oper des in der Nähe von Manchester geborenen Komponisten, eine Auftragsarbeit der Londoner New Opera Company. Sie ist die Abschlussarbeit im Rahmen seines Studiums an der amerikanischen Princeton Universität. Den rätselhaften Text schrieb der amerikanische Pianist und Librettist Stephen Pruslin (1940-2022), der dem Libretto den Untertitel „tragische Komödie oder komische Komödie“ gab. Beide Künstler suchten nach extremen, neuen Formen des Musiktheaters – weg vom traditionellen, tonalen Stil, hin zu experimentellen Formen. Mit der Oper Punch and Judy, die 1968 beim Aldeburgh Festival uraufgeführt wurde, ist das gelungen. Komponistenkollege Benjamin Britten (1913-1976), der das Aldeburgh Festival gegründet hatte, soll die Premiere damals verlassen haben. Sein Werk Peter Grimes, uraufgeführt 1945, erfuhr im September eine Wiederaufnahme an der Oper Frankfurt. Musikalische Welten liegen zwischen den beiden Werken. 

Mit einem Prolog begrüßt Puppenspieler Choregos das Publikum, dann geht es gleich zur Sache, zu Punch und seinem mörderischen Spiel. Der englische Punch entspricht dem deutschen Kasperl, der brutal sein kann. Punch aber ist nicht nur brutal, sondern ein Mordskerl im wahrsten Sinne. Gleich zu Beginn bringt er sein Baby, dem er zunächst ein Wiegenlied singt, im Fleischwolf um und serviert es seiner Frau Judy. Auch Judy stirbt und wird von Anwalt und Arzt, sie hängen zunächst als Puppen am Haken, betrauert. Als sie Punch wegen des Verbrechens anklagen, werden auch sie ermordet. Und immer wieder sucht Punch nach Pretty Polly, seiner Angebeteten. Sein Ständchen und seine Blume und später sein Ring-Geschenk lehnt sie aber ab. Punch tötet letztendlich auch den Puppenspieler. Die holzschnittartigen fünf Puppen sind archaische Urformen. Sie kehren immer wieder. Gewalt und Mord ziehen keine Konsequenzen nach sich. 

Regisseur Wolfgang Nägele nennt die Oper eine Zumutung, eine Herausforderung von Hör- und Sehgewohnheiten. Bühnenbildner Thilo Ullrich hat ein großes Rad, das an ein Riesenrad erinnert, entwickelt, in dem zentral, wie er es nennt, eine „Art Blickfenster“, die verschiedenen Szenenbereiche, liegen. Joachim Kleins Lichtdesign schafft tolle Effekte.

Kostüme aus abwaschbarem Lack, passend zum immer wieder kehrenden Kreislauf, hat sich Marlen Duken ausgedacht. 

Die Musik ist atonal, expressiv und verlangt von Sängerinnen und Sängern höchste Kraft, auch spielerisch. Und wie sie diese aufbringen, ist enorm. Gruselig, mit starkem Stimmvolumen präsentiert Bariton Jarrett Porter die Puppe Punch. Expressiv gestaltet Mezzosopranistin Cecilia Hall die Figur der Judy. Wie Liviu Holender als Puppenspieler Choregos stimmlich wie schauspielerisch die Rolle meistert, reißt vom Hocker. Alle drei gehören, wie Alfred Reiter, der als Arzt gefällt, zum Ensemble. Sein Kompagnon ist der Anwalt, den der isländische Tenor Sven Hjörleifsson spitzfindig interpretiert. Danae Kontora, die junge griechische Koloratursopranistin, früher Mitglied des Frankfurter Opernstudios, jetzt international unterwegs, zog als kecke Pretty Polly alle Koloraturregister. An der Oper Frankfurt begeisterte sie bereits als Königin der Nacht (Die Zauberflöte). 

Last not Least die kleine Truppe des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters. Sie sitzt direkt links an der Bühne. Alle 15 Musikerinnen und Musiker sind Solisten. Von ihnen ist unter Leitung von Dirigent Alden Gatt höchste Konzentration verlangt. Im Monitor konnte Alden Gatts präzise Führung beobachtet werden. Mal sind die Klänge schrill, mal melodiös, mal rhythmisch. 

Es ist schwer davon zu sprechen, dass die Musik gefällt. Sie ist interessant und passt zu diesem mörderischen Spektakel. 

Wenig bekannt sind die Werke von Komponist Harrison Birtwistle. 1995 wurde er für sein Lebenswerk mit dem Ernst von Siemens Musikpreis, der von der Bayerischen Akademie der Schönen Künste vergeben wird und als „Nobelpreis“ der Musik gilt, ausgezeichnet. Es bedarf immer jemanden, der sieht, dass ein Potential in einem schlummert. Bei ihm war es die Mutter, eine Bäckersfrau, die schon früh das Interesse des Kindes an der Musik erkannte und ihn fördern ließ. 

Gesungen wird in Englisch, deutsche Obertitel. Verrückt im wahrsten Sinne des Wortes. Nichts für humorlose, schwache Nerven, aber es braucht Zeit, um das Werk zu verstehen. Nur ein Herr verließ den Zuschauerraum im Bockenheimer Depot während der Aufführung. 

Weitere Vorstellungen am 22., 28. und 30. Dezember 2025. 

www.oper-frankfurt.de 

Online-Tickets:   oper-frankfurt.de/tickets 

Telefonisch:  (069)21249494