Archiv-Kultur

Preisverleihung und Ausstellung im Haus der Stadtgeschichte Offenbach

„Magie und Ritual“ 13. Kunstpreis der Bernd und Gisela Rosenheim-Stiftung

Der Kunstwettbewerb hatte das Motto „Magie und Ritual“, ein Thema, das unser alltägliches Leben durchwirkt. Sage und schreibe 2383 Einsendungen von 903 Künstlern aus 48 Nationen waren eingegangen. Eine Mammutaufgabe für den Künstler Bernd Rosenheim und seine Mitjuroren.

Einladungskarte des Stadtarchivs Offenbach am Main
Einladungskarte des Stadtarchivs Offenbach am Main
Foto: Stadtarchiv Offenbach am Main / Bernd Rosenheim
Bernd Rosenheim
Bernd Rosenheim
Foto: Renate Feyerbacher
Bernd Rosenheim, Gemälde, Künstler Andreas Weißgerber
Bernd Rosenheim, Gemälde, Künstler Andreas Weißgerber
Foto: Renate Feyerbacher

Bernd Rosenheim, 1931 in Offenbach geboren, Bildhauer, Maler, Dokumentarfilmer, Autor studierte an der Werkkunsthochschule Offenbach - heute Hochschule für Gestaltung, an der Werkakademie Kassel und an der Städelschule Frankfurt.

An der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main und danach an der Justus-Liebig-Universität Gießen belegte er bis 1962 die Fächer Kunstgeschichte, Geschichte, Archäologie und Philosophie. 1956 bis 1957 war Bernd Rosenheim mit einem Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes in Rom, weitere Reisen führten ihn durch Europa, Asien und Südamerika. 

Großartige Skulpturen stehen in der Nähe von Frankfurt, zum Beispiel: Flamme (1971) vor dem Offenbacher Rathaus und Phoenix (1975) vor der DBV-Winterthur, Wiesbaden.

Bernd Rosenheim, körperlich angeschlagen, hat aber nach wie vor ein phänomenales Gedächtnis und sein großes Wissen bringt er als Hauptjuror bei diesem Wettbewerb ein. 

Nun sind 41 Kunstwerke, vor allem Gemälde auf Leinwänden, im Offenbacher Stadtarchiv ausgestellt. Bei der Eröffnung verkündete Rosenheim den Gewinner des Wettbewerbs, würdigte aber auch die Werke der teilweise angereisten Künstlerinnen und Künstler „erfindungsreich die phantastischsten Rituale, die realistisch, surreal oder märchenhaft beschrieben werden. Alle erscheinen sie geheimnisvoll und rätselhaft ... alles ist vorstellbar in diesen Werken.“ Vor allem lobte er die malerische Qualität der Kunstwerke.

Den Wettbewerb gewonnen hat der Leipziger Künstler Andreas Weißgerber mit seinem Werk „Stillleben mit Flügel“ von 2017, Öl auf Leinwand, 100 x 60 cm. Zu sehen sind ein Büschel Federn, eine Dornenrute, eine spitze Papiertüte und eine Postkarte sowie ein Zettelchen, die „als Illusionen an einem Brett befestigt sind, mit Harzölfarben auf einen Raum aus Leinwand gemalt“ (Katalog). Ein Werk, das tief in europäischer Kunst verwurzelt ist, aber auch Liebe und Hass dokumentiert. Als Betrachter braucht man Hilfestellung, die der Künstler im Katalog gibt: „Ein Büschel Federn – mein imaginäres Museum versetzt mich nach Florenz zum Verkündigungsengel des Renaissancemalers Fra Angelico.“ Andreas Weißgerber bringt diesen einmaligen italienischen Maler, der schon zu Lebzeiten als ausgezeichneter Künstler gefeiert wurde, aber in Vergessenheit geriet, in unser Gedächtnis. Viele Engel hat er gemalt. Palazzo Strozzi und Museo di San Marco in Florenz widmen Fra Angelico (um 1395-1455) derzeit große Ausstellungen (bis 25. Januar 2026). 

Mit der Dornenrute erinnert Weißgerber an das Gemälde „Dornenkrönung“ (1570) des achtzigjährigen venezianischen Künstlers Tizian in der Münchner Pinakothek. 

Spitze Papiertüten sind auf mehreren Gemälden des spanischen Malers Francisco de Goya (1746-1828) zum Thema Inquisition in der Königlichen Akademie der Schönen Künste von San Fernando in Madrid zu sehen. 

Die kleine Postkarte erinnert an „das Magdeburger Grauen - katholische und protestantische Christen schlachten sich ab“. Es ist erst nach 30 Jahren Krieg beendet, als Magdeburg seinen Widerstand aufgeben musste. „Erst jetzt begann das wirkliche Grauen: die Söldner, von der kräftezehrenden Belagerung abgestumpft, plünderten alles, was möglich war, und nahmen dabei keine Rücksicht auf die dort lebenden Bürger. Ausgezehrt und vom Erfolg getragen, zogen sie brutal durch Magdeburgs Straßen – Frauen und junge Mädchen wurden vergewaltigt, Säuglinge aufgespießt und beinahe repräsentativ durch die Stadt getragen. Auf den nun rot gefärbten Straßen türmten sich die Leichen.“ (zitiert aus „Magdeburg Kompakt“ am 23.4.2018). Blutbefleckt ist die Geschichte des Christentums: Inquisition, Dreißigjähriger Krieg, Machtmissbrauch bis in die Gegenwart.  

Religiöse Feste sind immer wiederkehrende Rituale, aber auch Kriege und Krisen der Geschichte. Das macht das Gemälde von Andreas Weißgerber, das sich von den meisten ausgestellten Bildern in seiner Darstellung unterscheidet, deutlich. Ein würdiger Gewinner des Wettbewerbs der Bernd und Gisela Rosenheim-Stiftung, der verlangt, dass die Betrachterin, der Betrachter sich Zeit nehmen und sich der Deutung öffnen. 

Der Künstler Andreas Weißgerber, 1950 in Leipzig geboren, stammt aus einer protestantischen Familie, die sich mit jüdischer Herkunft, Christentum und Nationalismus auseinandersetzen musste. Seine eigene Sozialisierung geschah „in einer antichristlichen Diktatur, in der Kirche auch Schutzraum war, intensiv erlebt bei den Vorwende-Ereignissen auf dem Nikolaikirchhof in Leipzig. Dort ist die Botschaft der Liebe und des Gewaltverzichts nicht weit gewesen.“ 

Weißgerber absolvierte eine Berufsausbildung zum Reproduktionsfotografen, studierte an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig bei Rolf Kuhrt, bei Arno Rink, Rektor der Hochschule, Wegbereiter und Lehrer der sogenannten Neuen Leipziger Schule. Weißgerber schloss mit dem Diplom als Maler und Grafiker ab. Er war Meisterschüler von Bernhard Heisig (1925-2025), auch einst Rektor der Hochschule, zu dessen hundertstem Geburtstag es mehrere Ausstellungen in diesem Jahr gab. Sein Sohn Johannes Heisig (*1953) stellte im September seine drei Porträts ehemaliger Frankfurter Stadtoberhäupter vor (https://www.frankfurt-live.com/johannes-heisig-der-maler-der-drei-ehemaligen-stadtoberhaeupter). 

Ein Blick ins Internet, in dem buchstäblich fantastische, subtile, naturverbundene, künstlerisch ausgefallene Werke von Andreas Weißgerber zu sehen sind, macht klar, dass in Offenbach ein bedeutender Künstler ausgezeichnet wurde.  

www.andreas-weissgerber.de     www.rosenheim-kunstpreis.de

Die Ausstellung im Haus der Stadtgeschichte Offenbach wird bis zum 8.Januar 2026 gezeigt. Der Katalog kostet 15 Euro.