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Letzte Aktualisierung: 17.06.2021

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Pflegereform doch noch vor der Sommerpause?

Experte übt Kritik an versäumten Möglichkeiten

von Ilse Romahn

(04.06.2021) Flächendeckende Tarifsteigerungen, mehr Pflegegeld und deutlich höhere Zuschüsse bei der Unterbringung im Altenheim – die Pflegereform verspricht eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen von Pflegekräften und eine finanzielle Entlastung der Betroffenen. Nach langer Stille soll der Entwurf voraussichtlich noch vor Juli beschlossen werden.

Auch wenn es sich um eine wichtige Maßnahme handelt, sind nicht alle von der Umsetzung überzeugt. Aus der Opposition gibt es Vorwürfe, dass die Pflegereform halbherzig und ein Schnellschuss sei. Markus Küffel, Gesundheitswissenschaftler, examinierte Pflegefachkraft und Geschäftsführer der Pflege zu Hause Küffel GmbH, weiß genau um die Probleme des Berufsfelds und wünscht sich konkretere und vor allem individuellere Maßnahmen:

„Selbstverständlich ist eine Tarifsteigerung wichtig und richtig, aber auf gar keinen Fall ausreichend. Durch die circa 300 Euro mehr Bruttogehalt, die Pflegekräfte zukünftig erhalten sollen, werden weder grundlegende Probleme noch der Pflegenotstand gelöst. Um auf Dauer mehr junge Menschen für den Beruf zu begeistern, braucht es einen Imagewechsel. Das bedeutet zum einen mehr gesellschaftliche Anerkennung für die Pflege und für die, die sie leisten, und zum anderen bessere Rahmenbedingungen, beispielsweise Alternativen zu belastenden Schichtdiensten und Wochenendarbeit, da dieses Arbeitsmodell kaum noch Menschen anspricht. Bei Maßnahmen wie der Pflegereform sollte die Politik grundsätzlich praxisorientiert arbeiten – also direkt in den Dialog mit Pflegeeinrichtungen, Krankenhäusern und Vermittlungsagenturen treten. Sie kennen die Probleme am besten und wissen, wo es Verbesserungsbedarf gibt. Auch hätte ich mir gewünscht, dass mehr individuelle Lösungen für Angehörige und Pflegebedürftige geschaffen worden wären, denn fast 75 Prozent der pflegebedürftigen Deutschen werden zu Hause gepflegt. Laut Pflegereform soll es künftig eine Art Vollkaskoversicherung geben, die an die Verweildauer einer stationären Versorgung geknüpft ist. Dadurch werden Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind und sich keine häusliche Pflege leisten können, praktisch dazu gedrängt, in ein Altenheim zu ziehen – weil eine Unterbringung dort auf Dauer finanziell am wenigsten belastet. An dieser Stelle hätte die gleiche finanzielle Entlastung auch für die häusliche Pflege kommen müssen. Erstmals werden in dieser Reform auch Leistungen für die sogenannte 24-Stunden-Pflege gewährt – allerdings ist dieser Mehrbetrag zum Pflegegeld eher von symbolischem Charakter. Ein individueller Geldbetrag je nach Pflegegrad würde eigentlich allen gerecht werden. Die Selbstbestimmung und die individuellen Wünsche der bereits gebeutelten Pflegebedürftigen würden so erhalten bleiben und eine Assoziation von Heim und Armut würde sich so vermeiden lassen. Auch die dringend politisch zu regulierende ‚24-Stunden-Pflege‘ wird in der Reform wieder einmal nicht gesetzlich anerkannt, obwohl diese Betreuungsform seit Jahren zum festen Bestandteil der Versorgung von alten und pflegebedürftigen Menschen gehört. Angehörige und Pflegebedürftige werden an dieser Stelle weiterhin im Stich gelassen. Pflege und Betreuung ist nicht nur Thema der professionellen Pflege, sondern insbesondere auch ein gesellschaftliches Thema, bei dem vor allem die Pflege durch Angehörige und Laienpflegekräfte zum Beispiel aus Osteuropa nicht außer Acht gelassen werden darf.“  

Weitere Informationen unter www.pflegezuhause.info