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Letzte Aktualisierung: 07.02.2023

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NS-Vergangenheit: Experten stellen sich gegen ein „Bedürfnis nach Versöhnung“

Aktuelle Vorabmeldung der ZEIT Nr. 04 vom 19. Januar 2023

von Ilse Romahn

(19.01.2023) Die Diskussion um den Stand der deutschen Erinnerungskultur geht weiter. Vor dem 90. Jahrestag der Machtübertragung an Hitler am 30. Januar haben die Historikerin Stefanie Schüler-Springorum und der Soziologe Natan Sznaider im Gespräch in der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung DIE ZEIT scharfe Kritik geübt:

„Das Bedürfnis nach Versöhnung ist Quatsch“, erklärt Schüler-Springorum angesichts des Auschwitz-Gedenktags am 27. Januar. „Die Vergangenheit kann nicht mehr wiedergutgemacht werden“, so Sznaider.

Zu den heftigen Debatten der vergangenen Jahre um das Holocaust-Gedenken sagt die Leiterin des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU Berlin: „Ich wünsche mir mehr Raum für Reflexion und Selbstkritik, und das funktioniert nur, wenn man nicht gleich aufeinander losgeht.“ Gerade für die Schulen und Gedenkstätten sei das wichtig: „Viele haben Angst, in die falsche Ecke gestellt zu werden.“ Überrascht habe sie die Vehemenz, mit der neue postkoloniale Fragen an die NS-Forschung von Historikern abgeschmettert wurden, denn: „Die Gesellschaft verändert sich, andere Generationen haben andere Themen.“

Der in Tel Aviv lehrende Soziologe Sznaider äußert sich hingegen bestürzt über den „progressiven“ linken Antisemitismus nach der Documenta-Debatte, der in Teilen an den reaktionären rechten andocke: „Die Lehre daraus ist für mich, dass sich Juden in Deutschland nicht mehr auf den guten Willen der Deutschen verlassen können.“ Die Debatten verliefen dabei notwendigerweise anders als in anderen Ländern: „Hier liegt immer der Schatten der Schoah über der Diskussion“. Man sollte nicht vergessen, „dass das jüdische Leben in Deutschland das vielleicht Unselbstverständlichste ist, was man sich vorstellen kann.“

Stefanie Schüler-Springorum und Natan Sznaider werden am 26. Januar in Berlin mit ihren Thesen bei der Konferenz „Wissen Erinnern Fragen“ des S. Fischer Verlags auftreten.

ZEIT Verlagsgruppe