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Letzte Aktualisierung: 21.06.2024

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Nach der Pandemie ist vor der Pandemie

Die Bilanz von drei Jahren Corona-Forschung

von Stefan Weller

(10.10.2023) Das COVID-19 Forschungsnetzwerk Niedersachsen (COFONI) unter Koordination der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) hat ein erstes Resumee nach drei Jahren Corona-Forschung gezgen. Hochkarätige Experten aus Wissenschaft, Gesundheit, Politik und Presse berichten und diskutieren über neueste Forschungsergebnisse und Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie-Langzeitfolgen. Niedersachsens Wissenschaftsminister Falko Mohrs mahnte: „Wir brauchen noch mehr Wissen, denn zu befürchten ist, dass nach der Pandemie vor der Pandemie ist.“

Vorne von links: Prof. Tobias Welte (MHH), Prof. Maren von Köckritz-Blickwede (TiHo), Niedersachsens Wissenschaftsminister Falko Mohrs (MWK) und Prof. Michael Manns (MHH). Hintere Reihe von links: Prof. Berthold Vogel (SOFI), Prof. Jürgen Wienands (UMG) und Prof. Wolfgang Brück (UMG).
Foto: umg/Nooruldeen AL-Jammali
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Das Land Niedersachsen hat sehr früh in der Corona-Pandemie einen beispielhaften Weg eingeschlagen und mit dem COVID-19 Forschungsnetzwerk Niedersachsen (COFONI) Strukturen geschaffen, die dazu beitragen, die Langzeitfolgen der Pandemie zu bekämpfen, aber auch besser auf künftige Pandemien vorbereitet zu sein. Eine wichtige Rolle spielt dabei die bisher bundesweit einzigartige Kooperation zwischen biomedizinischer Forschung und den Gesellschafts- und Sozialwissenschaften sowie Praktikern aus dem Gesundheitswesen. Diese enge Verzahnung verschiedener Fachdiziplinen stand nun auch im Vordergrund des COFONI-Netzwerktreffens in der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) am 5. Oktober. Rund 170 Teilnehmer tauschten sich über neue Erkenntnisse aus mehr als drei Jahren gemeinsamer Corona-Forschung aus und gaben einen Ausblick auf die in diesem Sommer gestarteten Projekte zur Bekämpfung der Pandemie-Langzeitfolgen.

Falko Mohrs, Niedersächsischer Minister für Wissenschaft und Kultur, sagte zu Beginn des Netzwerktreffens: „Wir brauchen noch mehr Wissen über Long COVID und – insbesondere mit Blick auf die Gesellschaft – die langfristigen Folgen der Corona-Pandemie. Denn zu befürchten ist, dass nach der Pandemie vor der Pandemie ist. In Niedersachsen haben Forschung, Versorgung und Verwaltung ressort- und disziplinübergreifend schnell zueinander gefunden, gemeinsam relevante Fragestellungen identifiziert und Erkenntnisse zügig untereinander ausgetauscht. Als Land haben wir dafür rund 19 Millionen Euro bereitgestellt. Der interdisziplinäre Forschungsansatz ist ein besonderes Leistungsmerkmal des COFONI-Netzwerks. So erkannten die über COFONI vernetzten Wissenschaftler nicht nur sehr früh die Relevanz von Langfristwirkungen der Pandemie, sondern sorgten durch die Einbeziehung der Gesellschafts- und Sozialwissenschaften dafür, dass den Langzeitfolgen in all ihren Facetten begegnet werden kann.“

Prof. Dr. Michael P. Manns, Präsident der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), und Prof. Dr. Wolfgang Brück, Sprecher des Vorstands und Vorstand Forschung und Lehre der Universitätsmedizin Göttingen (UMG), begrüßten die Anwesenden mit einem gemeinsamen Grußwort.

„COFONI at a Glance"

Prof. Dr. Jürgen Wienands, Sprecher des COFONI-Netzwerkes und Forschungsdekan der UMG, und Prof. Dr. Maren von Köckritz-Blickwede, stellvertretende COFONI-Sprecherin von der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover, gaben einen Überblick über die Entwicklung und Strukturen des Netzwerkes mit den verschiedenen Forschungsbereichen und der zentralen Technologieplattform. „Wir decken von der Wirkstoffforschung über digitale Formate einer individuellen Patientversorgung bis hin zur Erforschung der Krankheitsmechanismen alle relevanten Bereiche ab, um die vielfältigen Symptomatiken der COVID-19-Erkrankung in ihrer Ganzheit zu verstehen“, sagte Prof. Wienands. „Durch die neuen Projekte zur Erforschung der Pandemie-Langzeitfolgen, die im Sommer 2023 gestartet sind, werden wir jetzt auch Erkenntnisse zu den Langzeitfolgen Long- und Post COVID gewinnen und somit zu einer besseren Versorgung der Betroffenen beitragen können. Zudem wird die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen als Folge der Corona-Pandemie untersucht und Maßnahmen entwickelt, um die Versorgung auch auf diesem Gebiet zu verbessern. Unternehmen und Arbeitnehmende sollen durch die neuen Forschungsvorhaben zudem Instrumente an die Hand bekommen, um den Umgang mit der Pandemie im Berufsalltag zu erleichtern.“

Prof. von Köckritz-Blickwede ergänzte: „Die erhobenen Daten und Ergebnisse, aber auch biologische Proben von Patienten und aus experimentellen Versuchen werden in einrichtungsübergreifenden zentralen Technologieplattformen gesammelt und stehen allen Kooperationspartnern für weitere Forschungs- und Analysezwecke zur Verfügung.“

Prof. Dr. Tobias Welte, Direktor der Klinik für Pneumologie und Infektiologie der MHH, gab in seinem anschließenden Impulsvortrag einen Überblick über die Long- und Post COVID-Forschung auf nationaler und internationaler Ebene: „Wir müssen ganzheitlich denken und über den Tellerrand schauen. Nur durch die enge Verzahnung verschiedener Fachdiziplinen und die Einbindung internationaler Forschung können wir neue Erkenntnisse gewinnen und eine zufriedenstellende Versorgungssituation für alle schaffen.“

Prof. Dr. Berthold Vogel, Geschäftsführender Direktor des Soziologischen Forschungsinstituts Göttingen (SOFI), fokussierte in einem weiteren Impulsvortrag auf die Nachwirkungen der Pandemie auf die Gesellschaft: „Die Langzeitfolgen der Pandemie können nicht alleine in Krankheitsbildern beschrieben werden, die spezifische Therapien erfordern. Die gesellschaftlichen Effekte werden erst allmählich sichtbar – in den Schulen beim Leistungsstand der Schüler, in den Betrieben bei der Arbeitsorganisation und der Gesundheitsprävention, in den Erwerbsbiographien bei der Wahl von Beruf und Arbeitsort, aber auch bezüglich der Frage, ob der gesellschaftspolitische Wille bleibt, unsere öffentlichen Infrastrukturen und unsere Daseinsvorsorge resilienter und zukunftssicher zu machen.“

In einer Keynote legte Dr. Christina Berndt, Wissenschaftsredakteurin der Süddeutschen Zeitung, die mediale Sicht auf die vergangene und aktuelle Situation der Pandemie dar: „Krisenzeiten sind immer Zeiten großen medialen Interesses. Bürger konsumieren dann deutlich mehr Medieninhalte als in ruhigen Zeiten, der Bedarf an Einordnung ist groß. Diese Einordnung zu bieten, ist für seriöse Medien in Zeiten von Unwissenheit allerdings besonders schwer. Es ist eine Herausforderung, in der Uneinigkeit der verschiedenen Stimmen, Sichtweisen und Interessen, die es nicht nur auf seiten der Politik, sondern auch in der Wissenschaft gibt, die validen herauzufiltern. Das ist uns Medien in der Pandemie oft, aber nicht immer gelungen. Für die Zukunft gilt es, seriöse Wissenschaftler mit mehr Medienkompetenz auszustatten und, natürlich, das Wissen um die Pandemie, ihre Folgen und die Möglichkeiten zur Prävention künftiger Pandemien und ihrer Auswirkungen mit Hilfe validierter Forschung zu mehren. Das Corona-Forschungsnetzwerk Niedersachsen leistet dazu einen wertvollen Beitrag.“

In Vorträgen und Posterpräsentationen stellten die Forscher ihre Ergebnisse der vergangen drei Jahre vor und gaben einen Ausblick auf die zukünftigen Projektziele. Das Forschungsnetzwerk umfasst insgesamt 38 Projekte, die bis Ende 2025 abgeschlossen sein werden.

In einer Podiumsdiskussion wurde abschließend die Frage diskutiert: „Was brauchen wir für den Umgang mit den Langzeitfolgen der Corona-Pandemie?“ In der einstündigen Gesprächsrunde diskutierten auf dem Podium Dr. Martina Wenker, Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen, Dr. Jürgen Peter, Vorstandsvorsitzender der AOK Niedersachsen, Dr. Thela Wernstedt, ehemalige gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Niedersächsischen Landtag, Prof. Berthold Vogel, Prof. Tobias Welte und Dr. Christina Berndt. Das gemeinsame Fazit lautete: Nur gemeinsam und mit politischer Unterstützung kann die Versorgungssituation in Niedersachsen und bundesweit effektiv und nachhaltig verbessert und können neue Therapien auf den Weg gebracht werden.

COVID-19 Forschungsnetzwerk Niedersachsen

Das Netzwerk wurde im Oktober 2020 auf Initiative von Universitätsmedizin Göttingen, Georg-August-Universität Göttingen, Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung, Medizinischer Hochschule Hannover und Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover gegründet. Darüber hinaus gehören dem Netzwerk das TWINCORE, Zentrum für Experimentelle und Klinische Infektionsforschung und das Deutsche Primatenzentrum – Leibniz-Institut für Primatenforschung an. Die besondere Strategie des Forschungsverbundes ist es, die niedersächsischen Kompetenzen in der Pandemie-Forschung zusammenzuführen, um die vorhandenen interdisziplinären und komplementären Expertisen optimal nutzen zu können.

Die nötigen technischen Kompetenzen werden mit einer zentralen Technologieplattform gebündelt. Sie stellt allen Netzwerk-Beteiligten Daten und Biobanken sowie übergreifende Methoden und Tiermodelle zur Verfügung. Mit der aktuellen Förderrunde hat das Forschungsnetzwerk durch das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur bisher rund 19 Millionen Euro zur Erforschung der SARS-CoV-2-Pandemie und seiner Langzeitfolgen erhalten. -idw.