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Letzte Aktualisierung: 05.03.2021

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`Mythos Kanada in der Malerei` in der Kunsthalle Schirn

von Ilse Romahn

(08.02.2021) Die Schirn Kunsthalle Frankfurt präsentiert Ikonen der modernen Malerei aus Kanada in Deutschland und beleuchtet sie aus aktueller Peerspektive.

Lawrens.Harris (1885-1970)
Foto: Family of Lawrens S. Harris / Schirn Kunsthalle Frankfurt
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­Uralte Wälder in entlegenen Regionen, majestätische Ansichten der Arktis, die Magie der Nordlichter: Die Malerei der kanadischen Moderne entwirft ein mythisches, ein imaginäres Kanada. Voller bildnerischer Experimentierfreude reisten Anfang des 20. Jahrhunderts Künstlerinnen und Künstler wie Franklin Carmichael, Emily Carr, J. E. H. MacDonald, Lawren Harris, Edwin Holgate, Arthur Lismer, Tom Thomson oder F. H. Varley aus den Städten tief hinein in die Natur, auf der Suche nach einem neuen malerischen Vokabular für die kulturelle Identität der jungen Nation.

Die Schirn Kunsthalle Frankfurt präsentiert in der Ausstellung „Magnetic North. Mythos Kanada in der Malerei 1910–1940“ die Malerei der kanadischen Moderne aus aktueller Perspektive. Die umfassende Präsentation beleuchtet mit rund 90 Gemälden und Skizzen sowie Videoarbeiten und dokumentarischem Material die in Kanada überaus populären Werke der Künstlerinnen und Künstler rund um die sogenannte Group of Seven aus Toronto. Erstmals in Deutschland sind Hauptwerke aus den großen Sammlungen Kanadas zu sehen, darunter Mt. Lefroy (1930) von Lawren Harris, Terre Sauvage (1913) von A. Y. Jackson oder The West Wind (Winter 1916/17) von Tom Thomson. Gleichzeitig unterzieht die Ausstellung die Malerei der kanadischen Moderne einer kritischen Revision. Von etwa 1910 bis in die späten 1930er-Jahre malte die Group of Seven Landschaftsbilder, die für viele bis heute den Inbegriff Kanadas darstellen. Das erst 1867 zu einem mehr oder weniger unabhängigen Staat gewordene Land gründet auf einer langen Kolonialgeschichte. Bevor die ersten Siedler aus Europa kamen, war es bereits über Jahrtausende das Territorium Indigener Völker. Mit Bildern von erhabenen Gebirgen und einer unversehrten Natur schuf die Group of Seven die romantische Vision eines vorindustriellen Rückzugsortes und stilisierte das Land zur terra nullius, einer vermeintlich unbewohnten Wildnis. Ihre Werke zeichnen eine überwältigende Landschaft jenseits der Realität der Indigenen Bevölkerung und des modernen Stadtlebens sowie der expandierenden industriellen Nutzung der Natur. Die Malerei der Group of Seven ist also nicht zuletzt Produkt und zugleich Zeugnis kultureller Hegemonie sowie des Ausschlusses der First Nations. In der Ausstellung eröffnen filmische Werke, u. a. der Algonquin-französischen Künstlerin Caroline Monnet und der Anishinaabe-Filmemacherin Lisa Jackson, eine Gegenerzählung. Indigene Kritik wird einbezogen und Fragen zur nationalen Identitätsbildung sowie zu einem bewussten Umgang mit dem Land gestellt.

Dr. Philipp Demandt, Direktor der Schirn Kunsthalle Frankfurt: „Die Ausstellung ‚Magnetic North‘ ist das Ergebnis einer besonderen internationalen Partnerschaft dreier großer Kulturinstitutionen. Unseren Besucherinnen und Besuchern zeigen wir – sobald wir die Schirn wieder öffnen können – die Ikonen der kanadischen Moderne schlechthin, und das erstmals in Deutschland. Es sind Gemälde, die vielfach reproduziert wurden und bis heute das Bild prägen, das man sich von Kanada macht. Diese großartige Malerei weist aber eine Leerstelle auf: die der First Nations. Es war uns daher wichtig, die aktuelle Auseinandersetzung mit der populären Group of Seven sichtbar zu machen und Indigene Perspektiven in die Präsentation zu integrieren.“

„Die Künstlerinnen und Künstler aus dem Umfeld der Group of Seven schufen eine Bildsprache, die für die weitere Entwicklung der kanadischen Malerei wegweisend war. Durch kühne Kompositionen, eine expressive Pinselführung und kraftvolle Farben hoben sich ihre Werke vom damals in Toronto beliebten akademischen Stil ab. Mit der Idee, eine genuin kanadische Kunst zu schaffen, fanden sie ein neues Künstlerbild, ein neues malerisches Vokabular. Doch fehlte ihnen das Bewusstsein für den kolonialen Blick, der ihren Bildern eingeschrieben ist. Ihre künstlerische Suche nach einer visuellen Repräsentation Kanadas schloss zugleich die First Nations aus. Dieses Wechselverhältnis beleuchtet die Ausstellung, indem sie filmische Arbeiten ins Zentrum stellt, die diesen Prozess kritisch befragen und eine aktuelle Perspektive geben“, erläutern die Kuratorinnen der Ausstellung, Dr. Martina Weinhart, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Georgiana Uhlyarik, Art Gallery of Ontario, Toronto, und Katerina Atanassova, National Gallery of Canada, Ottawa.

Themen und Werke der Ausstellung
Die Künstlerinnen und Künstler der kanadischen Moderne vereinte das Ziel, die Schönheit, die Erhabenheit und auch das Pittoreske des Landes ins Bild zu setzen, um die junge Nation in der Ausformung einer verbindenden Identität zu bestärken. Mit ihrer Malerei wollten sie die künstlerische Unabhängigkeit von Europa erklären und eine eigene nationale Schule der Landschaftsmalerei begründen. Sie strebten nach Authentizität und malerischen Experimenten, um ein neues, spezifisch kanadisches Bildvokabular zu entwickeln. Maßgeblichen Einfluss hatten auch der Philosoph Ralph Waldo Emerson sowie Henry David Thoreau, welcher in der Publikation Walden seine Ideen formulierte, das Leben fern der Hektik und Geschäftigkeit des Industriezeitalters in der Natur zu verbringen. Im Mai 1920 schlossen sich in Toronto Künstler wie Lawren Harris, Franklin Carmichael, F. H. Varley und J. E. H. MacDonald zur Group of Seven zusammen. Sie unternahmen Reisen in die Region Algoma in Northern Ontario, später auch am Nordufer des Lake Superior entlang oder auch bis in die Arktis. Mit dem Zug oder dem Kanu erreichten sie entlegene Orte, malten unter freiem Himmel, zelteten oder lebten in einem umgebauten Güterwagen. Als Vorreiter dieses neuen, kanadischen Künstlertypus und der unkonventionellen Art von Landschaftsmalerei gilt der Maler Tom Thomson, der auch als Fire Ranger und Guide im Algonquin Park nordöstlich von Toronto arbeitete und seine Künstlerfreunde zum Malen in der Natur anregte. Die Schirn zeigt u. a. eine Auswahl seiner virtuosen Ölskizzen.

Die ausgedehnten Wälder Ontarios mit ihrem charakteristischen Spiel von Licht und Schatten und den Färbungen der Jahreszeiten boten vielfältige Inspiration. In vereinfachten Formen und kraftvollen Farben schilderten die Künstler die Vielfalt der Bäume in der Tiefe des dichten Waldes, etwa in Franklin Carmichaels Autumn Hillside (1920), A. Y. Jacksons Lake Superior Country (1924) oder Tom Thomsons Autumn’s Garland (Winter 1915/16). Auch die Künstlerin Emily Carr, die 1927 mit der Gruppe in Kontakt trat, schuf zahlreiche Walddarstellungen wie Wood Interior (1929/30), die von tiefer Spiritualität und Verbundenheit mit der Natur geprägt sind. Der einsam aus dem Fels wachsende Baum ist ein weiteres, zentrales Motiv dieser Künstler. Die Schirn zeigt mit The West Wind (1916/17) ein bedeutendes Spätwerk von Tom Thomson sowie ähnliche Darstellungen von Arthur Lismer oder Franklin Carmichael. Die romantische Vorstellung des einsamen Baumes wurzelt in einer langen europäischen Tradition und wurde im Kanada der 1910er- und 1920er-Jahre zum Sinnbild einer jungen Nation, die im Begriff war, ihre eigene kulturelle Identität zu finden. Thomsons stilisierte Darstellung einer Kiefer, die sich robust und standfest im Wind neigt, ohne zu brechen, wurde vielfach reproduziert. Die Group of Seven wollte mit ihren Bildern ein größtmögliches Publikum erreichen und veranstaltete zu diesem Zweck auch gemeinsame Ausstellungen in Kanada sowie in den Vereinigten Staaten, in Großbritannien und Frankreich. Die Ästhetik der Künstlergruppe kennzeichnet Plakativität und eine unmittelbare Wirkung. Ansonsten sind ihre Werke eher durch Ziele, Ideale, Themen und Motive verbunden als durch einen einheitlichen Stil. Auch wenn sie sich von der europäischen Moderne absetzen wollten, weisen ihren Werke Bezüge zum Postimpressionismus, Jugendstil oder Expressionismus aber auch zur Romantik auf.

Zentral für eine Vorstellung von kanadischer Identität ist die Idee des Nordens, die analog zu der des „Wilden Westens“ in den USA entwickelt wurde. Historisch fußt sie auf der Faszination für die entlegenen Regionen des Landes, motivisch wird sie vor allem durch die Wildnis und die Arktis bestimmt. Lawren Harris, der als führendes Mitglied der Group of Seven die kanadische Landschaftsmalerei maßgeblich prägte, hob in seinen Schriften wiederholt die Kraft des Nordens und seine Inspiration für die kanadischen Künstler hervor. Sein Werk ist von einer mystischen Naturverbundenheit geprägt; seine Gemälde kennzeichnet eine radikale Malweise mit reduzierten Formen und flächigem Farbauftrag, wie etwa in Above Lake Superior (um 1922) und Lake Superior (um 1924). Etwa 1930 entstanden eindrucksvolle Ansichten der Arktis wie Icebergs, Davis Strait (1930). Anderen Künstlern der Gruppe boten die Nordlichter Inspiration für künstlerische Experimente, die Schirn zeigt etwa A. Y. Jacksons Aurora (1927) oder J. E. H. MacDonald Northern Lights (1915/16). In der Ideenwelt der Group of Seven wird dem Norden die Wildnis als Möglichkeitsraum und künstlerischer Erfahrungsraum an die Seite gestellt. Erst unter dem Einfluss der Industrialisierung wurde die Wildnis, welche in der westlichen Vorstellung zuvor als unheilbringend und gefährlich galt, zu einem Sehnsuchts- und Rückzugsort stilisiert. Die Idee der Wildnis als Gegenbild zur Zivilisation findet sich auch in den menschenleeren und stimmungsvollen Landschaftsdarstellungen der Group of Seven. Eines der bekanntesten Bilder, welches bereits in seinem Titel eine Wildnis reklamiert, ist A. Y. Jacksons Terre sauvage (1913). Die ästhetisch geordnete „Landschaft“, die erhaben, pittoresk oder romantisch sein kann, ist im Kern ein europäischer Begriff. Das gilt ebenso für die Vorstellungen, Land zu besitzen oder zu beherrschen. Dem entgegen stehen Indigene Weltanschauungen von einer untrennbaren Verbundenheit mit dem Land sowie einer Verwandtschaft mit ihm und allen nichtmenschlichen Wesen.

Seit den 1960er-Jahren werden die Gemälde der Group of Seven zunehmend kritisch gesehen. Im Zuge der Dekolonisation lehnen die First Nations die Darstellung von Kanada als unberührtem Land und die Aneignung ihrer Kultur durch nichtindigene Künstler ab. Auch die Geschichte Indigener Völker in den Gebieten, die heute Kanada heißen, wurde lange überwiegend aus einem kolonialen Blickwinkel erzählt, was sich zunehmend ändert. Die Ausstellung vollzieht diese Entwicklung der Verschiebung der Erzählperspektive nach. Am Beispiel der Hafensiedlung Ba’as in British Columbia, auch Blunden Harbour genannt, wird in der Schirn der Wandel von Darstellung und Repräsentation der First Nations anhand unterschiedlicher filmischer Werke von 1914 bis 2013 verdeutlicht. Ba’as war Heimat einer Kwakwaka’wakw-Gemeinschaft, welche 1964 zwangsumgesiedelt wurde. In ihren frühen Werken hatte sich Emily Carr als Einzige im künstlerischen Umfeld der Group of Seven der Indigenen Kunst und Kultur gewidmet. Die Schirn zeigt ihr Gemälde Blunden Harbour (um 1930), eine berühmte, stilisierte Darstellung der hölzernen Totemfiguren der Gemeinschaft. Auch der Stummfilm In the Land of the Head Hunters (In the Land of the War Canoes, 1914) wurde hier gedreht. Er wird heute kritisch betrachtet, da er die Kultur der Kwakwaka’wakw einem stereotypisierenden Drehbuch unterordnete. Doch gilt das Projekt des weißen Fotografen und Filmemachers Edward S. Curtis unter Beratung des Indigenen George Hunt als erster Film, der ausschließlich mit Indigenen Schauspielerinnen und Schauspielern besetzt wurde. In der fiktiven Handlung werden zudem kulturelle Sitten und rituelle Bräuche der Gemeinschaft, die zur Entstehungszeit des Films durch die restriktiven Gesetze des Indian Act verboten waren, inszeniert und somit festgehalten. Der dokumentarische Film Blunden Harbour (1951) des Anthropologen und Filmemachers Robert Gardner schildert den Alltag der Kwakwaka’wakw. Eine aktuelle Perspektive gibt How a People Live (2013), für den die Gwa’sala-‘Nakwaxda’xw First Nations die Anishinaabe-Filmemacherin Lisa Jackson beauftragten. Anhand von Interviews und historischem Filmmaterial dokumentiert und begleitet Jackson die Geschichte und die Folgen der traumatischen Umsiedelung der Gemeinschaft. Die Schirn zeigt zudem auch die Filmcollage Mobilize (2015) der Algonquin-französischen Künstlerin Caroline Monnet, welche mit Archivmaterial des National Film Board arbeitet und Fragen von Identität und Indigener Repräsentation aufwirft.

Auch die Ausbeutung der Natur Kanadas als wirtschaftliche Ressource fand eher selten Eingang in die Werke der Group of Seven, die vor allem die Schönheit der Natur darstellten. Bereits in den 1920er- und 1930er-Jahren wurden weite Teile Kanadas forstwirtschaftlich genutzt, und die Papier- und Zelluloseproduktion boomte, wie der 1935 von der kanadischen Regierung in Auftrag gegebene Promotionsfilm Big Timber verdeutlicht. In diesem Kontext zeigt die Schirn Skizzen von Tom Thomson sowie Gemälde von Arthur Lismer oder Mary Wrinch, die Sägewerke, Stämme gefällter Bäume und deren Flößen schildern. Emily Carr widmete sich mit Reforestation (1936) auch der Wiederaufforstung. Zudem leitete der Bergbau Anfang des 20. Jahrhunderts in Kanada den Wandel von einer Agrar- zu einer Industrienation ein. Der Abbau der Bodenschätze ging mit mit Profitgier, Konflikten und Umweltzerstörung einher und führte zur weiteren Verdrängung und Umsiedelung Indigener Gemeinschaften von ihrem angestammten Land. Einige Künstler wie Yvonne McKague Housser, Franklin Carmichael oder Lawren Harris unternahmen Reisen in die Bergbaustädte in Northern Ontario und malten dort. Doch wie die Bilder der Natur, der Berge und der Wälder sind auch die industrialisierten Landschaften der Group of Seven meist menschenleer.

Eine Ausstellung der Schirn Kunsthalle Frankfurt, der Art Gallery of Ontario und der National Gallery of Canada.

CAROLINE MONNET. TRANSATLANTIC
Parallel zur Ausstellung „Magnetic North“ präsentiert die Schirn in ihrer öffentlich zugänglichen Rotunde die Ausstellung „Caroline Monnet. Transatlantic“ (10. Februar – 16. Mai 2021), welche die 22-tägige Reise der Künstlerin auf einem Frachtschiff von Europa nach Kanada dokumentiert. Die immersive Installation beleuchtet auch Auswirkungen der kolonialen Geschichte zwischen Europa und Nordamerika sowie von Handel und Migration. 
Die Ausstellung „Caroline Monnet. Transatlantic“ wird unterstützt durch die Botschaft von Kanada als Teil von Kanadas Kulturprogramm als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2020/21 und die Schirn Zeitgenossen.

Katalog herausgegeben von Martina Weinhart mit Georgiana Uhlyarik, mit Beiträgen von Renée van der Avoird, Rebecca Herlemann, Ruth Phillips, Carmen Robertson, Jeff Thomas, Georgiana Uhlyarik und Martina Weinhart, Interviews mit Lisa Jackson, Colleen Hemphill und Caroline Monnet sowie einem Vorwort der Direktoren der Art Gallery of Ontario, National Gallery of Canada und Schirn Kunsthalle Frankfurt. Deutsche und englische Ausgaben je 240 Seiten, 140 Abb., 27,5 × 23,5 cm, Hardcover, Prestel Verlag, ISBN 978-3-7913-5993-9, 35 € (SCHIRN), 49 € (Buchhandel).

Zur Ausstellung bietet die Schirn ein Digitorial® an. Das kostenfreie digitale Vermittlungsangebot ist in deutscher und englischer Sprache abrufbar unter www.schirn.de/digitorial

Magnetic North. Eine Einführung in die Ausstellung, herausgegeben von der Schirn Kunsthalle Frankfurt. Auf ca. 40 Seiten werden die wichtigsten Arbeiten der Ausstellung vorgestellt und die kulturhistorischen Zusammenhänge dargelegt. Ab 12 Jahren, 7,50 € einzeln, im Klassensatz 1 € pro Heft (ab 15 Stück).
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Schirn Kunsthalle Frankfurt, Römerberg, 60311 Frankfurt www.schirn.de