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Letzte Aktualisierung: 15.10.2021

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Mousonturm-Intendant Matthias Pees verlässt Frankfurt

von Ilse Romahn

(24.09.2021) Der Intendant und Geschäftsführer Matthias Pees verlässt das Künstlerhaus Mousonturm zum 31. August 2022 nach dem Ende der laufenden Spielzeit, teilt Kultur- und Wissenschaftsdezernentin Dr. Ina Hartwig mit. Er wird ab 1. September 2022 die Intendanz der Berliner Festspiele übernehmen. Pees leitet die Geschicke des Künstlerhaus Mousonturm als Intendant und Geschäftsführer seit August 2013. Sein Vertrag war erst Anfang vergangenen Jahres bis 2024 verlängert worden.

„Der Weggang von Matthias Pees ist für Frankfurt und das Künstlerhaus Mousonturm ein herber Verlust, auch wenn ich mich persönlich für ihn über den Ruf nach Berlin sehr freue“, erklärt Kulturdezernentin Dr. Ina Hartwig. „Matthias Pees hat in seiner Zeit als Leiter des Mousonturms mit richtungsweisenden Projekten inhaltlich und programmatisch Zeichen gesetzt. Selbst unter pandemischen Bedingungen hat er neue Wege gefunden, Künstlerinnen und Künstlern eine Bühne und damit auch eine Perspektive zu bieten. Internationale Regisseure und Dramaturgen sind gerne seiner Einladung nach Frankfurt gefolgt und haben mit ihm zusammengearbeitet. Matthias Pees lebt und denkt in Kooperationen als offene und kollektive Prozesse und hat dabei nie die Bedürfnisse der Freien Szene aus den Augen verloren. Ihm gelangen gewinnbringende Kooperationen nicht nur mit Kulturinstitutionen in der Stadt, sondern darüber hinaus auch als Mitinitiator des Bündnisses Internationaler Produktionshäuser mit sieben großen Häusern der Freien Szene bundesweit. Matthias Pees hinterlässt ein Haus, das nicht nur finanziell stabil aufgestellt ist, sondern deutschlandweit Maßstäbe gesetzt und den Blick nach Frankfurt gelenkt hat.“

Während seiner Amtszeit realisierte der 51-jährige für das Haus im Bereich Theater, Tanz und Performance richtungsweisende Projekte in Frankfurt Rhein-Main wie die „Tanzplattform Deutschland 2016“ und das seit 2016 jährlich stattfindende Tanzfestival Rhein-Main im Verbund der von ihm mitinitiierten Tanzplattform Rhein-Main. Matthias Pees holte internationale Theaterschaffende mit ihren Inszenierungen und Projekten nach Frankfurt wie Milo Rau mit „Five Easy Pieces“ und „Family“ oder das sich 2014 von Wiesbaden bis Hanau erstreckende Projekt „Evakuieren“ und die „McDonald‘s Radio University“ (2017) des japanischen Künstlers Akira Takayama. Takayama ist neben der philippinischen Choreografin Eisa Jocson, dem kongolesischen Theaterautor Dieudonné Niangouna, dem holländischen Jugendtheatermacher Jetse Batelaan und dem Schweizer Videokünstler Mats Staub einer von derzeit fünf assoziierten internationalen Künstlerinnen und Künstler des Mousonturms.

Mit den Festivals „Politik im freien Theater 2022“ und „Theater der Welt 2023“ sowie dem durch die Kulturstiftung des Bundes geförderten „METAhub Frankfurt“ beteiligt sich sein Haus überaus erfolgreich an wichtigen Frankfurter Projektvorhaben. Während seiner Tätigkeit stärkte Matthias Pees in hohem Maße die Sichtbarkeit, Produktionsbedingungen und überregionale Vernetzung der lokalen freien Szene zeitgenössischer Tanz- und Performancekunst in Frankfurt, etwa in kontinuierlicher Zusammenarbeit mit Künstlern und Gruppen wie Billinger & Schulz, MAMAZA, zaungäste, YRD.Works, Paula Rosolen, Tony Rizzi oder Joana Tischkau. Auch wurde unter seiner Intendanz die Kinder- und Jugendarbeit im Tanz- und Performancebereich systematisch ausgebaut, etwa mit dem vom Land Hessen geförderten „next generation workspace“. Als Mitinitiator des Bündnisses Internationaler Produktionshäuser gelang es ihm, seit 2015 auch eine regelmäßige Förderung gemeinschaftlicher Projekte der sieben größten Produktionshäuser der freien Szene in Deutschland durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien zu erwirken.

Erfolgreich initiierte Matthias Pees viele weitere interdisziplinäre Partnerschaften mit Kulturinstitutionen, Netzwerken und Förderern wie die Tanzplattform Rhein-Main mit dem Hessischen Staatsballett oder jüngst die erfolgreiche gemeinsame Bewerbung von Mousonturm, Schauspiel Frankfurt und Museum Angewandte Kunst für das Festival Theater der Welt 2023 in Frankfurt und Offenbach. In einer seit drei Jahren bestehenden Kooperation bringt der Mousonturm gemeinsam mit dem Schauspiel Frankfurt jährlich eine Neuproduktion aus dem Bereich internationales Theater, Performance und Tanz im Bockenheimer Depot heraus. Neben der vor zwei Jahren in diesem Rahmen entstandenen Inszenierung „Chinchilla Arschloch waswas“ von Rimini Protokoll (Haug) sind seit 2019 noch fünf weitere vom Mousonturm koproduzierte Aufführungen zum Berliner Theatertreffen eingeladen worden.

Zuletzt initiierte Pees mit dem Architektenkollektiv raumlaborberlin während der Coronapandemie zwei temporäre Logentheaterbauten, 2020 den Holz-Lehm-BAU im Mousonturm und 2021 die große Open-Air-Bühnenskulptur SOMMERBAU im Kaiserleiviertel auf der Stadtgrenze zwischen Frankfurt und Offenbach, in der auch große Teile des von Mousonturm im Auftrag des Kulturdezernats koordinierten „Kultursommers Frankfurt Rhein-Main“ sowie die „Frankfurter Dionysien in Offenbach“ u.a. mit der spektakulären Inszenierung „Dionysos Stadt Open Air“ von Christopher Rüping ausgetragen wurden.

„Ich bin in Frankfurt und der Rhein-Main-Region auf so viele am gegenseitigen Austausch und an Kooperationen ‚auf Augenhöhe‘ interessierte Kolleginnen und Kollegen gestoßen, auf so viele spannende und herausfordernde Künstlerinnen und Künstler, auf so ein kontinuierlich begeisterungsfähiges, offenes, teilhabendes, kompetentes Publikum und nicht zuletzt auch so eine engagierte Kulturpolitik, dass mir der vorzeitige Abschied vom Mousonturm tatsächlich sehr schwerfällt“, so Matthias Pees. „Ich danke vor allem dem phantastischen, hoch motivierten und das Haus tragenden Mousonturm-Team – insbesondere Anna Wagner und Marcus Dross, die als Dramaturgen seit langem mit mir in der künstlerischen Leitung arbeiten. Unter sich ständig verändernden gesellschaftlichen Voraussetzungen und mit immer wieder neuen ästhetischen Formaten, Fragestellungen und kollaborativen Arbeitsweisen versuchen wir alle, gemeinsam mit den freien Künstlerinnen und Künstlern, den Mousonturm als ‚Welt-Stadt-Labor‘ zu betreiben, an dem Zusammenleben und Akzeptanz, Konfliktbewältigung und Kooperation, Resilienz und Ausnahmezustand, Zukunft und Übergang immer wieder modellhaft, spielerisch und künstlerisch erforscht und ausprobiert werden können. Damit es uns dabei nicht zu gemütlich wird, haben wir kooperative Praktiken und durchlässige Strategien für permanente Perspektivwechsel entwickelt, die institutionsübergreifend, interdisziplinär und transnational sind. Solche Verfahren nun bei den Berliner Festspielen anwenden und weiterentwickeln zu können, in einer zugleich so repräsentativen und geschichtsträchtigen wie künstlerisch immer wieder auch innovativen, besonders zeitgenössischen Institution des Bundes, bedeutet für mich einen wichtigen weiteren Schritt und eine große neue Herausforderung.“