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Letzte Aktualisierung: 12.07.2024

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Mit Goethe und Feininger durchs Weimarer Land

von Ilse Romahn

(24.06.2024) Idylle mit Tiefgang: Das Weimarer Land, die Region rings um die Goethestadt Weimar, ist ein Eldorado für kulturinteressierte Naturgenießer. Schon Goethe und Schiller fanden hier, abseits der Stadt, Inspiration und Ruhe zum Arbeiten. Der Bauhaus-Künstler Lyonel Feininger liebte es, die Dörfer mit dem Sportrad zu erkunden und zu zeichnen.

Unterwegs auf dem Goethe-Erlebnisweg
Foto: Mario Hochhaus
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Zahlreiche weitere große Geister haben den hügeligen Landstrich im Herzen Thüringens geliebt und hier in den Jahrhunderten ihre Spuren hinterlassen – so wie die Region in ihren Werken. Das macht das Unterwegssein hier so besonders.

„Das Land hier ist wunderbar atmosphärisch abwechselnd“, schreibt ein begeisterter Lyonel Feininger an seine Frau Julia in Berlin. Der Künstler mit US-amerikanischen Wurzeln bringt die Zeilen im Juni 1913 zu Papier. Es ist eine von zahlreichen Liebeserklärungen an eine Region, die er erst wenige Jahre zuvor entdeckt hatte und die einen Ehrenplatz in seinem Lebenswerk bekommen soll: das Weimarer Land.

Zufallsfund, Entdeckung – und manchmal Offenbarung
Es ist das Schicksal der Region, immer etwas im Schatten der berühmten Klassikmetropole in ihrem Herzen zu stehen. Weimar ist als Goethestadt selbst in Japan bekannt, auch Erfurt und Jena, welche den Landstrich westlich und östlich begrenzen, haben internationales Renommee. Aber wer außerhalb Thüringens kann schon Blankenhain, Nohra, Mellingen oder Oßmannstedt lokalisieren? Das macht den Landkreis Weimarer Land für viele Besucher zu einem Zufallsfund, zu einer Entdeckung – und manchmal zu einer Offenbarung. All das war sie auch für Feininger, wie 150 Jahre zuvor für das „klassische Viergestirn“ Wieland, Goethe, Herder und Schiller.

Das Weimarer Land ist ausgesprochen dünn besiedelt. Auf 800 Quadratkilometern leben nur etwa 80 000 Einwohner. Berlin hat eine vierzigmal höhere Bevölkerungsdichte! Die Ruhe, die Weite, der Frieden und das Glück, das die Künstler hier erleben: Das findet immer wieder Erwähnung in den Briefen, die Feininger an seine Frau oder Goethe an Charlotte von Stein schreiben.

„Es kamen mir die Tränen in die Augen“
„Gestern, als wir nachts von Apolda zurückritten“, schreibt der 26-Jährige Goethe im Juli 1776. „Da fiel mir’s auf, wir mir die Gegend so lieb ist, das Land! Der Ettersberg! Die unbedeutenden Hügel! Und mir fuhr’s durch die Seele – wenn du nun auch das einmal verlassen musst! Das Land, wo du so viel gefunden hast, alle Glückseligkeit gefunden hast, die ein Sterblicher träumen darf … Es kamen mir die Tränen in die Augen …“

Oder Feininger im September 1913: „Als ich oben auf dem Mühlenberg stand und vor mir rechts in der Tiefe Weimar und gegenüber im Nordwesten der Ettersberg so dunstig und schön lagen, war mir die Brust nicht weit genug für die Liebe, die ich zu diesem Ort trage!“ Im Juni 1914 schreibt er: „Ich habe in diesen Tagen wieder enge Fühlung gewonnen, draußen, mit dem Weltall der großen Formen, der großen Rhythmen […]“.

„Eine neue Welt, eine grenzenlos weite, unerschöpflich reiche“
Was fasziniert die großen Geister am Weimarer Land? Für Goethe liefert der Literaturwissenschaftler Wolfgang Vulpius in seinem Werk „Goethe in Thüringen“ einen Hinweis: „Alle Biografien schildern ausführlich den höfischen und literarischen Kreis und die kleinstädtische Welt, die Goethe betrat, als er nach Weimar kam, aber keiner hebt hervor, dass sich für den Ankommenden noch eine neue Welt auftat, eine grenzenlos weite, unerschöpflich reiche: die Natur.“

Der Dichter und Denker hatte seine Kindheit und Jugend in Städten verbracht. Und er liebt sein neues Leben im Weimarer Land! Schon kurz nach seiner Ankunft entdeckt er die Jagd für sich. Die Wege aus Weimar in die Umgebung legt er am liebsten auf dem Pferderücken zurück. „Aus der Straßen quetschender Enge …“: Der berühmte „Osterspaziergang“ aus Goethes „Faust“ ist auch eine Liebeserklärung an seine neue Heimat.

Und Feininger? Für den Maler, Grafiker und Karikaturist mit US-amerikanischen Wurzeln ist nicht allein die Natur interessant, sondern vor allem die Spuren, die die Menschen hier über die Jahrhunderte hinterlassen hatten. Alte Architektur in ländlicher Umgebung: Das wird sein wichtigstes Motiv. „Feininger hatte eine Sehnsucht nach dem Urtümlichen – und das fand er im Überfluss im Weimarer Land“, sagt die Architektin und Feininger-Expertin Renate Böttcher, die den Feininger-Radweg durch das Weimarer Land konzipiert hat und Führungen zu Feininger anbietet.

„Alte Brücken, alte Dorfkirchen, alte Gebäude in erdfarbenem Gewand“
Wie für Goethe eröffnete sich auch für Feininger eine neue Welt. Für ihn ist es ebenfalls der Schritt vom urbanen ins pastorale Leben. In Berlin war er 15 Jahre lang als gefragter Karikaturist tätig gewesen, eingebunden in regelmäßige Redaktionssitzungen und die Hektik der Metropole. Doch „irgendwo war, tief in ihm verborgen, die Sehnsucht, sich davon zu verabschieden und Maler zu werden“, so Böttcher. „Im November 1905 äußert er in einem Brief den Wunsch, alte deutsche Städte zu besuchen und zu zeichnen.“

Im Februar 1906 kommt er nach Weimar. Gleich am Morgen nach seiner Ankunft, es liegt Schnee, zieht er los und zeichnet das erste Dorf südlich der Stadt: Oberweimar. „Es sind genau diese Szenen, die er den Rest seines Lebens beibehalten wird: alte Brücken, alte Dorfkirchen, alte Gebäude in ‚erdfarbenem Gewand‘, wie er es nennt.“

Immer wieder ist Feininger mit Zeichenblock in der Umgebung von Weimar unterwegs – anfangs zu Fuß, später mit dem Fahrrad. Es entstehen tausende Skizzen. Fast 60 verschiedene Dörfer hat der Künstler im 30-Kilometer-Radius um Weimar entdeckt und gezeichnet. Einige Skizzen wurden später, im Atelier, zu Gemälden. Fast 80 hat er dem Weimarer Land gewidmet! Lieblingsorte waren Gelmeroda (13 Gemälde), Oberweimar (10), Mellingen (6) und Gaberndorf (5). Danach folgen Possendorf, Vollersroda und Niedergrunstedt mit jeweils vier Bildern.

„Resonanzboden seiner Empfindungen“
Zu den Orten, die außerhalb der Stadt Weimar für Goethe von besonderer Bedeutung werden, zählen die drei fürstlichen Lustschlösser Ettersburg, Belvedere und Tiefurt mit ihren wunderschönen Parkanlagen. Hier ist der Dichter immer wieder Teil und oft Mittelpunkt interessierter höfischer Gesellschaften. Auch den Ettersberg, den markanten Höhenzug im Norden der Stadt, zwölf Kilometer lang, vier Kilometer breit, besucht der Universalgelehrte gern. Für Wolfgang Vulpius ist der Berg sogar „ein gutes Beispiel dafür, wie das Thüringer Land für Goethe zum Lebensraum wurde, zum Resonanzboden seiner Empfindungen, zum Gegenstand seiner staatsmännischen Fürsorge, zum Feld naturwissenschaftlicher Forschung und zum Bereich geruhsamer Rückschau des Greises.“

Auch Berka (später Bad Berka) spielt für Goethe eine wichtige Rolle. Immer wieder und aus verschiedenen Gründen kommt der Dichterfürst hierher. Und immer wieder erwähnt er die Ruhe des Ortes, die ihn inspiriert. „Die Tage in Berka fand Goethe herrlich lang, sie dehnten sich in ganz ungewohnter Weise und kamen seiner literarischen Verpflichtung zugute“, schreibt Vulpius.

All das zeigt, wie wichtig das Weimarer Land für Biografie und Schaffen Johann Wolfgang von Goethes und Lyonel Feiningers ist. Doch wo fangen die Besucher an, die auf ihren Spuren wandeln, die Region mit ihren Augen sehen möchten? Zwei kulturtouristische Angebote bieten einen einfachen Einstieg:

Goethe-Erlebnisweg: Liebesbriefe aus dem Waldbadezimmer
Der Goethe-Erlebnisweg zwischen Weimar und Großkochberg, mit Zwischenstationen in Bad Berka und Blankenhain, basiert auf einer historischen Route, die Johann Wolfgang von Goethe selbst regelmäßig nutzte, um seine Vertraute Charlotte von Stein zu besuchen.

Doch die Route ist kein trockener Goethe-Lehrpfad. Die 12 Erlebnisstationen entlang des knapp 30 Kilometer langen Etappenwanderweges haben zwar mal mehr mal weniger mit Goethe und seiner komplexen, intellektuellen Beziehung zu Charlotte von Stein zu tun, laden an Stationen mit Titeln wie „Herzsprung“, „Waldbadezimmer“ oder „Liebesbriefe“ aber auch spielerisch und oft humorvoll dazu ein, vor allem die Natur, die Landschaft, sich selbst und die eigenen Verbindungen im Leben neu wahrzunehmen.

Goethe-Erlebnisweg
Länge: 29 Kilometer, ca. 8 Stunden, 3 Tagesetappen, Erlebnisstationen: 12
Route: Weimar – Bad Berka – Blankenhain – Großkochberg – Weimar, höchste Erhebung: 511 Meter
www.goethe-erlebnisweg.de

Feininger-Radweg:  Die Mystik im Schlichten
Hoher Sattel, niedriger Lenker, null Federung: Unbequem sieht es aus, Feiningers minimalistisches Sportrad der Marke „Cleveland-Ohio“. Doch der Künstler liebte es. Und er liebte es, damit auf langen Touren das Weimarer Land zu erkunden – unbeeindruckt von den damals oft rustikalen Straßenverhältnissen.

Anhand seiner Skizzenbücher und Gemälde ist vor 25 Jahren, als Weimar Kulturhauptstadt Europas wurde, eine etwa 30 Kilometer lange, beschilderte Radtour durch das Weimarer Land zu seinen Hauptmotiven entstanden. Glasaufsteller mit Reproduktionen erlauben den Vergleich von Original und Feiningers Umsetzung. In Feiningers „Lieblingskirche“ in Gelmeroda ist sogar eine kleine Dauerausstellung zum Künstler zu sehen. Feiningerfans aus aller Welt tragen sich hier ins Gästebuch ein.

Feininger-Radweg: Länge: 28 Kilometer. Route: Weimar – Taubach – Mellingen – Vollersroda – Possendorf – Gelmeroda – Niedergrunstedt – Weimar
Infos: https://www.weimarer-land.travel/feininger-radweg

Weitere lohnende Ziele für individuelle Erkundungen des Weimarer Landes auf den Spuren der großen Geister sind Bad Berka mit seinem historischen, vom Goethefreund Clemens Wenzeslaus Coudray im klassizistischen Stil gestalteten Badegesellschaftshaus oder das Wielandgut in Oßmannstedt, wo sich der Schriftsteller Christoph Martin Wieland eine „Insel des Glücks und des Friedens“ schaffen wollte und eine Zeit lang als Landwirt versuchte.

Hier und an zahlreichen weiteren Orten der Region spüren Besucher vielleicht etwas von dem Feinen, Unaussprechlichen, das den Landstrich im Herzen Thüringens für viele große Geister zum Sehnsuchtsort machte, oder wie Feininger 1913 schreibt: „Ich habe erst hier richtig das Ganze von Erdball und Himmel zugleich begreifen lernen, es ist nicht zu umgehen, und doch sieht’s keiner von allen.“ ■

Landratsamt Weimarer Land, Bahnhofstraße 28, 99510 Apolda