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„Mazeppa“ von Tschaikowski in der Oper Frankfurt

Blutige Machtkämpfe

Was für eine musikalische Wucht, die in der Inszenierung ihre Entsprechung findet! Ein gelungener Premierenabend am 13.9.2026 – begeistert gefeiert vom Publikum. Die Oper Frankfurt übernahm eine Produktion der Tiroler Festspiele Erl von 2024.

Petr Sokolov (Mazeppa) und Nombulelo Yende (Maria)
Petr Sokolov (Mazeppa) und Nombulelo Yende (Maria)
Foto: Xiomara Bender/0per Frankfurt
 Karsten Januschke am 13.9.2026
Karsten Januschke am 13.9.2026
Foto: Renate Feyerbacher

Der in Südafrika geborene Regisseur Matthew Wild, der 2024 an der Oper Frankfurt mit Tannhäuser (Aufführung des Jahres – Opernwelt) sein Debüt gab, hat sich bereits seit 2021 mit Mazeppa von Peter I. Tschaikowski (1840-1893) beschäftigt. Das war vor der russischen Invasion in die Ukraine. Seine Inszenierung gleiche einer Parabel „über politische Prozesse, die in Südafrika stattgefunden haben, zugleich aber viele Parallelen zu den Entwicklungen in Russland seit den 1990er Jahren aufweisen: Nach dem Ende der Sowjetunion … massive Korruption, blutige Machtkämpfe zwischen rivalisierenden politischen Gruppen“ (Zitat: Gespräch mit Dramaturg Maximilian Enderle, Programmheft S. 7). „Was geschieht mit einer Gesellschaft, die einem autoritären Herrscher die Macht überlässt?“ (S.8). Enderles  Anmerkungen zu Tschaikowskis Oper „Deutungskämpfe“ im Programmheft (S. 14-19) geben Einblick in das schwierige Verhältnis zwischen Russland und der Ukraine seit langer Zeit.

Tschaikowski verlor kein Wort über den Kosakenführer Iwan Masepa (um 1640 -1709). Zunächst begeisterte ihn das Mazeppa-Libretto nicht, das der St. Petersburger Dichter, Kritiker und Übersetzer Viktor P.Burenin (1841-1926) ihm angeboten hatte. Darin war Alexander Puschkins (1799-1837) Poem „Poltawa“ verarbeitet. Es erzählt vom Großen Nordischen Krieg und der Schlacht bei Poltawa im Jahr 1709. Im Mittelpunkt der Handlung steht das Schicksal des Hetmans Mazepa, der Peter I. verriet und sich auf die Seite des schwedischen Königs Karl XII. schlug. Dieses Puschkin-Gedicht faszinierte Tschaikowski, der bis dahin die Arbeit an der Oper immer wieder unterbrochen hatte. Vor allem die Streitszene zwischen Maria und Mazeppa übernahm er fast wortgleich in den 2. Akt und konzipierte das gesamte Werk neu (S.14). Nach der Oper Eugen Onegin und dem Ballett Schwanensee schuf der Komponist mit Mazeppa sein düsterstes, bedrückendstes Werk. 

„Man muss seine Feinde entweder verwöhnen oder vernichten“ (nach Niccolo Machiavelli). 

Der von der Polizei angeschossene Bandenchef Mazeppa sucht Zuflucht im Haus seines Freundes Kotschubej und wird dort gesund gepflegt. Er lernt die Tochter Maria kennen. Zehn Jahre später ist er zu einem erfolgreichen Politiker aufgestiegen. Die Familie Kotschubej profitiert davon, indem sie ihren Wohlstand vermehrt. Was aber die Eltern nicht wissen: ihre Tochter Maria hat eine innige Liebesbeziehung zu dem wesentlich älteren Patenonkel Mazeppa und könnte sogar schwanger von ihm sein. Bei einem feierlichen Empfang für Mazeppa und seine Bandenmitglieder offenbart er Vater Kotschubej, dass er Maria heiraten will. Der Vater lehnt wütend ab. Trotz heftiger Gewissenbisse entscheidet sich Maria für ein Leben mit Mazeppa und folgt ihm. Kotschubej schwört Rache. Auf Anraten seiner Frau lässt er Andrej, der Maria seit Kindheit liebt, beim Zaren Mazeppa wegen Hochverrat beschuldigen. Aber der Zar glaubt nicht an die Anschuldigungen, die gegen Hetman Mazeppa vorgebracht werden, und lässt Kotschubej an Mazeppas Bande ausliefern.  Ihre Schargen foltern ihn, um herauszufinden, wo seine Schätze sind. Die Hinrichtung steht bevor. Ljubow, Marias Mutter, fleht ihre Tochter an, die Hinrichtung ihres Vaters zu verhindern, muss aber erkennen, dass Maria davon nichts weiß. Zu spät – vor den Augen des Volkes werden Kotschubej und sein Gefolgsmann Iskra hingerichtet. Maria bricht zusammen.

Im mittlerweile tobenden Krieg irrt Maria in einem Flüchtlingstreck und erkennt, welche Folgen ihre Verbindung mit Mazeppa hatte.  Zunehmend verliert sie ihren Verstand. Ihren Geliebten Mazeppa, der auf er Flucht ist, erkennt sie nicht. Im Wahn erscheint ihr der erschossene Andrej, dem sie mit einem Wiegenlied in den Schlaf singt. Kein versöhnliches Ende. 

Die Handlung spielt auf zwei Eben: oben das Haus der Familie Kotschubej mit mehreren Räumen, auf das sich das Geschehen konzentriert, in denen gefoltert wird. Unten das Volk, das zum Augenzeugen wird. Dort zeigen Eleonora Ricci und Gabriel Capizzi einen Ballett-Tanz – von Christiana Stefanou choreografiert. Die Choregrafie des Kampfes besorgte Stephen Louis. 

Herbert Murauer hat sich dieses überzeugende Bühnenbild und die Kostüme ausgedacht. Lichtdesigner Jan Hartmann begeistert durch eindringliche Schattenfiguren und Bibi Abel vertieft die Handlung durch Videos. 

Sechs Sänger und zwei Sängerinnen agieren in Mazeppa.

Der Bariton Petr Sokolov, aus Russland stammend, international unterwegs, in Frankfurt sein Debüt gebend, singt Mazeppa. Der Bassist Alexander Roslavets, gebürtig in Weißrussland, Studium in St. Petersburg, heute Ensemblemitglied der Hamburgischen Staatsoper, aber weltweit an den großen Opernbühnen präsent und erstmals an der Oper Frankfurt, verkörpert Kotschubej. Großartig das sängerische Duell der Beiden, auch spielerisch überzeugend. Auch Alex Birkus wird alternativ die Rolle darbieten. 

Die zum Ensemble der Frankfurter Oper gehörende Sopranistin Nombulelo Yende als Maria ist eine Wucht. Herrlich wie sie ihren Sopran immer wieder steigert, aber die stillen Liebesmomente zart herüberbringt. 

Der britische Tenor John Findon, 2025 Gewinner des Critics’Circle Award, debütiert an der Oper Frankfurt als Andrej. Eine schöne, ausgewogene Stimme.

Seit einem Jahr gehört die polnische Mezzosopranistin Karolina Makuła zum hiesigen Ensemble. Stark ist sie in der Rolle als Ljubow, Mutter von Maria. Dreist und blutrünstig gibt der amerikanische Bariton Jarrett Porter der Rolle von Mazeppas Gefolgsmann Orlik seine Stimme. Wie er wurde auch der junge südkoreanische Tenor Jihun Hong, neues Mitglied des Opernstudios, gefeiert. Kudaibergen Abildin lallt  gekonnt den betrunkenen Kosak. Der große Chor unter Chordirektor Manuel Pujol reißt buchstäblich vom Hocker. 

Last not Least das Frankfurter Opern- und Museumsorchester unter Karsten Januschke! Er hat Mazeppa bereits in Erl dirigiert und kennt die Feinheiten der Musik. Stark sind die Bläser vertreten: vier Trompeten, vier Hörner, drei Posaunen, zwei Klarinetten, drei Oboen, Tuba. Drei Schlagzeuge und fünf Kontrabässe, sie alle geben dem Werk eine fulminante, dramatische Prägung. Auch viele Violinen I und II, Viola und Violoncello sind dabei, nicht zu vergessen Flöten und eine Harfe. Ein großer, fantastischer Klangkörper, den Karsten Januschke differenziert - meist dramatisch, aber auch äußerst einfühlsam - zu einem Höhepunkt führt. 

Weitere Aufführungen in russischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln gibt es am 18., 20., 26. September, am 1.,4.(mit Kinderbetreuung), am 10. (danach Oper im Dialog), 15. Oktober in der Oper Frankfurt. 3 Stunden und 45 Minuten bei 2 Pausen) dauert die Vorstellung.

Information und Karten: www.oper-frankfurt.de 

Telefonischer Kartenverkauf: 069- 212-49494