Maria Magdalena: Zwischen Heiliger und Sünderin
Apostelin, Sünderin, Heilige: Kaum eine Gestalt wurde so oft neu erfunden wie Maria Magdalena. Die Ausstellung „Maria Magdalena – Sin.Pray.Lowe.“ zeigt, wie jede Epoche eigene Vorstellungen von Glauben, Körper und weiblichen Rollen auf sie projizierte. Von heute an bis 17. Januar 2027 zeichnen das Städel Museum und die Liebieghaus Skulpturensammlung diesen Wandel erstmals umfassend im deutschsprachigen Raum nach.
Die Ausstellung vereint mehr als 100 Gemälde, Skulpturen und Grafiken vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Bedeutende Leihgaben stammen unter anderem aus der National Gallery in London, der Berliner Gemäldegalerie, dem Metropolitan Museum of Art, dem Louvre, den Vatikanischen Museen und der National Gallery of Art in Washington. Gemeinsam veranschaulichen sie die Vielfalt der Magdalenenbilder und ihrer epochenspezifischen Deutungen. Vertreten sind unter anderem Lavinia Fontana, Elisabetta Sirani, Luisa Roldán, Ottilie W. Roederstein, Lotte Laserstein, Kiki Smith, Marlene Dumas, Nieves González, Albrecht Dürer, Pedro de Mena, Guercino, Georges de La Tour, Claude Lorrain, Arnold Böcklin, Max Beckmann und David LaChapelle.
Ermöglicht wird die Ausstellung durch den Kulturfonds Frankfurt RheinMain, die Dagmar-Westberg-Stiftung und den Städelverein; die Ernst von Siemens Kunststiftung unterstützt das Projekt zusätzlich.
Der Direktor des Städel Museums und der Liebieghaus Skulpturensammlung Philipp Demendt betonte bei der Vorstellung der Ausstellung „Maria Magdalena. Sin. Pray. Love“, dass sich an „An Maria Magdalena wandelnde Vorstellungen von Frauen, Glauben und Gesellschaft ablesen lassen. Der Dialog zwischen den eigenen Sammlungen und bedeutenden Leihgaben zeigt, wie jede Epoche die Figur neu deutet.“ Susanne Völker, Geschäftsführerin des Kulturfonds Frankfurt RheinMain, erklärte: „Maria Magdalena ist eine Figur, die seit Jahrhunderten immer wieder neu gedeutet wird. Wir fördern daher eine Ausstellung, die starke Frankfurter Sammlungen mit bedeutenden Leihgaben aus Europa und den USA verbindet“. Der Vorstandsvorsitzender der Dagmar-Westberg-Stiftung Daniel Hoster sprach als Unterstützer davon, dass die Ausstellung „Maria Magdalena in ihrer historischen Vieldeutigkeit zeigte und vertraute Vorstellungen hinterfragt“. Die Leiterin der Sammlung Gegenwartskunst im Städel erinnerte daran, dass der Städelverein Pierre Puvis de Chavannes’ Maria Magdalena in der Wüste (1869) 1910 erwarb, das heute zu den zentralen Werken der Ausstellung zählt. Das Engagement des Städelvereins ermöglichte zudem Leihgaben aus rund 60 Institutionen und Sammlungen.“
Die Kuratoren Bastian Eclercy und Stefan Roller: „Seit fast einem Jahrtausend wird Maria Magdalena in unterschiedlichsten Medien neu dargestellt. Der Vergleich der Werke macht Kontinuitäten und Veränderungen ihres Bildes sichtbar.“
Eine Figur, viele Deutungen
Die Ausstellung setzt bei heutigen Vorstellungen von Maria Magdalena an und verfolgt ihre Deutungen von den biblischen Ursprüngen bis zur Moderne.
Magdalena als moderne Projektionsfigur
Literatur, Film und Musik interpretieren Maria Magdalena bis heute neu: Dan Brown macht sie in Sakrileg (2004) zur Ehefrau Christi, Sandra in (I’ll Never Be) Maria Magdalena (1985) zum Symbol weiblicher Selbstbestimmung. Die Gegenwartskunst untersucht Weiblichkeit und Geschlechterrollen jenseits männlich geprägter religiöser Deutungen. Marlene Dumas hinterfragt tradierte Vorstellungen von Weiblichkeit, Sexualität und Identität. Nieves González zeigt Magdalena in La sfida (2025) in einer Daunenjacke und mit einem selbstbewusst präsentierten Totenschädel.
Von der biblischen Zeugin zur Heiligenlegende
Die Bibel nennt Maria aus Magdala als eine von Jesus geheilte Frau und als Zeugin seiner Kreuzigung und Auferstehung. Spätere Legenden erweiterten ihre Lebensgeschichte. Ein Turiner Altaraufsatz (um 1295–1300) schildert, wie sie nach Südfrankreich gelangt, die Provence missioniert, Wunder wirkt und 30 Jahre als Büßerin lebt.
Im Mittelalter gewann Maria Magdalena auch in der Passionsgeschichte an Bedeutung. Girolamo di Benvenutos Passionstriptychon (Anfang 16. Jahrhundert) zeigt sie von der Kreuztragung bis zur Beweinung. Am Kreuzesstamm verkörpert sie Buße, Vergebung und Erlösung; im Humbracht-Triptychon (um 1504–1508) weist ihre höfische Kleidung sie dagegen als vornehme Sünderin aus.
Als erste Zeugin der Auferstehung steht Maria Magdalena im Zentrum der Ostergeschichte. Savoldo deutet diese Rolle in den 1530er-Jahren jenseits des klassischen Motivs „Noli me tangere“. Lavinia Fontana zeigt 1581, wie Magdalena Christus zunächst mit dem Gärtner verwechselt und ihn nach dem Erkennen berühren möchte. Laurent de La Hyre verweist 1656 mit der Berührung ihrer Stirn auf eine Reliquienlegende.
Frühe Bibelauslegungen verschmolzen Maria Magdalena mit der anonymen Sünderin und Maria von Bethanien. In Simon Vouets Martha tadelt Maria Magdalena wegen ihrer Eitelkeit (um 1621) bewegt Martha ihre Schwester zur Buße. Auch Maria von Ägypten prägte das Magdalenenbild. Oft lassen sich beide Figuren nur anhand ihrer Attribute unterscheiden, etwa durch die Brote in Luis Salvador Carmonas Skulptur.
Wie aus der Jüngerin eine Sünderin wurde
Um 600 deutete Papst Gregor der Große Magdalenas sieben Dämonen als sieben Todsünden. Dadurch wurde sie zunehmend mit Wollust und fälschlich mit Prostitution verbunden. In der Gegenreformation avancierte die durch Buße geheiligte Magdalena zum katholischen Vorbild. Johann Liss verbindet Sündhaftigkeit und Umkehr, Guido Cagnacci Ekstase und Erotik, Elisabetta Sirani andächtige Kontemplation und Georges de La Tour innere Einkehr.
Der Legende nach lebte Maria Magdalena 30 Jahre als Einsiedlerin in Sainte-Baume. Giovanni Lanfranco zeigt um 1616/17 ihre Erhebung durch Engel; zwei Tafeln der Sammlung Würth (um 1500) stellen ihre letzte Kommunion und Bestattung dar. Saint-Maximin und Sainte-Baume sind bis heute Orte der Verehrung und Wallfahrt. Reliquiare aus dem Metropolitan Museum of Art und von Michel Erhart zeugen von dieser anhaltenden Verehrung.
Zwischen Frömmigkeit und Selbstinszenierung
Seit dem Spätmittelalter ließen sich vor allem hochgestellte Frauen als Maria Magdalena porträtieren. Barent van Orleys Margarete von Österreich als Maria Magdalena (um 1520–1530) steht für fromme Identifikation, Jean Rancs Madame de Montespan als büßende Maria Magdalena (um 1700) hingegen für barocke Selbstinszenierung.
Warum Maria Magdalena bis heute aktuell ist
Mit der Säkularisierung des 19. Jahrhunderts löste sich Maria Magdalena zunehmend vom religiösen Bildthema und wurde zur Projektionsfigur moderner Erfahrungen. Salonmalerei und Symbolismus inszenierten sie als Femme fatale, Max Beckmann deutete ihre Ikonografie 1917 profan, Lovis Corinth existenziell. Bis heute bleibt sie aktuell, weil sich in ihr Fragen nach Schuld und Vergebung, weiblicher Selbstbestimmung und gesellschaftlichen Zuschreibungen verdichten.
Eine Ausstellung des Städel Museums und der Liebieghaus Skulpturensammlung
Maria Magdalena. Sin. Pray.Love.
Kuratoren: Dr. Bastian Eclercy (Sammlungsleiter italienische, französische und spanische Malerei vor 1800, Städel Museum), Dr. Stefan Roller (Sammlungsleiter Mittelalter, Liebieghaus Skulpturensammlung)
Ausstellungsdauer: 17. September 2026 bis 17. Januar 2027
Ort: Städel Museum, Schaumainkai 63, 60596 Frankfurt am Main
Information: staedelmuseum.de
Besucherservice und Führungen: +49 (0)69 605098-200, info@staedelmuseum.de
Weitere Artikel aus der Kategorie: