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Letzte Aktualisierung: 27.02.2021

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,Man muss seinem Alltag auch in der Pandemie einen Sinn geben‘

von Mirco Overländer

(17.02.2021) Pfarrer Werner Portugall (58) steht der Großpfarrei St. Jakobus vor, die für 11.000 Katholiken an drei Standorten in Goldstein, Niederrad und Schwanheim eine spirituelle Heimat ist. Im Interview erklärt der Theologe, wie Gottesdienste und seelsorgerische Arbeit trotz Corona möglich sind – und spricht darüber, wie er privat mit den Herausforderungen der Pandemie umgeht.

Pfarrer Werner Portugall
Foto: Stadt Frankfurt / Salome Roessler
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Herr Portugall, wie kommt Ihre Gemeinde mit dem bisherigen Verlauf der Pandemie zurecht?
WERNER PORTUGALL: Unsere Kirchengemeinde ist als Pfarrei mit drei Kirchorten ein ziemlich komplexes Gebilde, was viele individuelle Lösungen erfordert. Für unsere Gottesdienste haben wir inzwischen ein sehr gutes Procedere gefunden: Voranmeldungen, Hygienepläne und Abstände machen auch während Corona vieles möglich. Das Gemeindeleben mit Kindergruppen, Partys und sonstigen Veranstaltungen ist hingegen komplett ausgesetzt, mit Ausnahme kleiner Unterbrechungen im Sommer. Das empfinde ich als eine sehr traurige Entwicklung. Eine Frau sagte mir neulich, sie habe das Gefühl, ihr würde Lebenszeit genommen. Das beschreibt die Lage ziemlich gut. Es gibt aber auch positive Facetten und neue Konzepte wie Outdoor-Andachten. An Weihnachten haben wir uns nachts um 22 Uhr vor der Kirche unter den beleuchteten Christbäumen getroffen. Diese Feier unter dem Motto „Weihnachten hängt hoch“ ist in Zusammenarbeit mit der Künstlerin Sabine Fischmann entstanden. Solche experimentellen Formate kommen gut an und sind ein Beleg, dass sich durchaus etwas bewegen lässt, wenn man mit Kreativität und positiver Grundhaltung mit dieser Situation umgeht.

Ihre Gemeinde hat viele Angebote ins Internet verlegt. Wie werden diese angenommen?
PORTUGALL: Das letzte Jahr hat der Digitalisierung unserer Gemeinde einen ungemeinen Schub gegeben. Im ersten Lockdown haben wir sehr konsequent damit begonnen. Inzwischen sind diese Formate und Möglichkeiten im alltäglichen Betrieb unserer Gremien angekommen. Ich finde es schön, dass jetzt gebraucht und angenommen wird, was unsere jüngeren Gemeindemitglieder an digitaler Expertise mitbringen.

Doch nicht alles kann ins Internet verlegt werden. Wie reagieren die Menschen darauf, dass etwa die Teilnehmerzahl bei Beisetzungen stark limitiert ist oder Hochzeiten nur noch in sehr abgespeckter Form gefeiert werden können?
PORTUGALL: Wir müssen als Kirche den Menschen oft gar nichts erklären. Viele sind von sich aus sehr vorsichtig geworden und fragen uns beispielsweise nach einer Telefonkonferenz statt eines persönlichen Treffens. Bei Hochzeiten erlebe ich, dass die jungen Leute bewusst sehr offen und flexibel planen. Die ganze Lage ist für jeden so unüberschaubar, dass langfristige Planungen einfach nicht möglich sind. Ich erinnere mich an ein sehr großes Hochzeitsfest, das mit der Zeit immer kleiner geworden ist, weil viele ausländische Gäste gar nicht mehr einreisen durften.

Und wie läuft es bei der Vorbereitung auf die Firmung?
PORTUGALL: Im letzten Jahr ist der Kurs einfach entfallen und um ein Jahr verschoben worden. Da die Firmung im Alter zwischen 14 und 17 Jahren möglich ist, lässt sich das gut verschieben. Für dieses Jahr hat sich unser Katecheten-Team dazu entschlossen, die Vorbereitung im Sommer und mit Blick auf Draußen zu organisieren. Auch bei der gemeinsamen Firmfreizeit in Herbstein lässt sich sehr gut auf größerem Raum arbeiten und leben. Wir planen zudem, mehrere Firmgottesdienste in kleineren Gruppen zu veranstalten. Bei der Erstkommunion haben wir die Zahl der Teilnehmer ebenfalls stark entzerrt und auf viele kleinere Gottesdienste verteilt.

Zu Ihrer Gemeinde zählt auch ein Seniorenheim. Wie gestaltet sich die Situation dort?
PORTUGALL: Alle, die das wollten, Mitarbeiter sowie Bewohner, haben seit Kurzem beide Impfungen erhalten. Gottlob hat sich im letzten Jahr kein Bewohner infiziert, auch wenn es bei drei Pflegern Infektionen mit leichten Verläufen gab. Da die Heimleitung sehr strenge Hygienepläne ausgearbeitet hat, sind wir an dieser Stelle vergleichsweise komfortabel durch die Krise gekommen. Wir haben viele seelsorgerische Angebote bereitgehalten, die überraschenderweise nicht so stark abgerufen wurden. Wir haben dadurch gemerkt: Es gab und offenbar bereits viele private Kontakte und Initiativen, die nun zum Tragen gekommen sind.

Sind Ihre Qualitäten als Seelsorger nun mehr gefragt als vor der Pandemie?
PORTUGALL: Gerade in jüngster Zeit berichten mir viel mehr Menschen in Trauergesprächen von Angehörigen, die an Corona gestorben sind. Auch erlebe ich mehr Einsamkeit. Besonders schwierig ist es für Gläubige mit ausländischen Wurzeln, die mir vom Verlust ihrer Angehörigen in ihrer Heimat berichten und bereuen, dass sie diese vor ihrem Tod nicht mehr sehen oder besuchen konnten. Ich glaube, dass wir gegen Ende der Pandemie darüber nachdenken müssen, auf welche Weise wir die Ereignisse der vergangenen Monate als Gesellschaft reflektieren und thematisieren sollten.

Hat sich die Haltung der Menschen gegenüber Corona während der vergangenen Monate geändert?
PORTUGALL: Ich habe längere Zeit eine Art Stigmatisierung empfunden. Mir wurde eher hinter vorgehaltener Hand berichtet: Diese oder jener ist an Corona erkrankt und verstorben. Die Leute neigten auch dazu, ihre eigene Quarantäne zu verheimlichen. Das erinnert ein wenig an die ganz dunklen Zeiten während der Pest-Epidemien, wenn Menschen das Gefühl entwickeln, sie geraten unter die Aussätzigen. Vielleicht wird all das inzwischen offener thematisiert. Quantitativ ist die aufsuchende Seelsorge allerdings nicht häufiger geworden. Ich vermute, dass die Leute bereits genug private Kontakte haben oder eben des Themas überdrüssig sind.

Sie sind mit vielen Menschen im Gespräch und auch sehr stark in den sozialen Medien aktiv. Haben Sie dort und in Ihrer Gemeinde Erfahrungen mit Corona-Leugnern gemacht?
PORTUGALL: Ja, das habe ich. In der Regel sind diese Menschen zwischen Ende 30 und Anfang 50 und verhalten sich sehr aggressiv und wenig empathisch. Vor allem in den sozialen Medien, aber auch bei einigen Gemeindemitgliedern stoße ich auf diese typische Vermengung von tumbem Populismus und rechtslastigen Argumenten. Dann gibt es noch eine andere Dimension der Angst, die nun zum Vorschein kommt. Beim Kontakt mit solchen Menschen sehe ich mich meiner eigenen Haltung verpflichtet und denke, dass jeder Mensch eine von Gott geschenkte Würde in sich trägt. Ich möchte solche Menschen daher nicht entwürdigen. Mich hat anderseits sehr überrascht, dass Bekannte, die man zum Teil sehr lange kennt, ganz neue Aspekte ihrer Persönlichkeit zeigen. Corona wird Spuren im zwischenmenschlichen Bereich hinterlassen und unser Miteinander nachhaltig verändern.

Wie sehen Sie die Rolle der Kirche als moralische Instanz in dieser Pandemie?
PORTUGALL: Ich würde ein Bild von zwei Straßengräben bemühen, zwischen denen wir versuchen, den Karren auf dem Weg zu halten. Ich sehe es als Rolle der Kirche, Menschen Räume zu eröffnen, um zu beten, ihre Angst abzulegen und über ihre Probleme und Trauer zu sprechen. Wir haben die Kirchen unserer Pfarrei jeden Tag geöffnet. Viele melden uns, dass ihnen der Besuch im Gotteshaus guttut, sie eine Kerze anzuzünden und Einkehr finden können. Wir bespielen unsere Kirche zudem regelmäßig mit Orgelmusik oder Musik vom Band. Mir geht es um solche kleinen Zeichen, die wichtig sind und wahrgenommen werden. Für säkulare Menschen scheint das befremdlich zu sein, für Gläubige ist das jedoch ein sehr wichtiger Punkt.

Empfinden Sie als Katholik und professioneller Single bisweilen Einsamkeit und Hilflosigkeit?
PORTUGALL: Einsamkeit empfinde ich nicht. Was mich allmählich zu nerven beginnt, ist dieses permanent kontrollierte Leben und die Tatsache, dass sich alles um Gesundheit als oberstes Ziel dreht. Normalerweise besuche ich sehr oft Konzerte, gehe ins Kino oder unternehme Pilgerreisen. All das entfällt für mich fast völlig. Es ist eben ein Unterschied, ob man auf ein Konzert geht oder sich ein Video im Internet anschaut. Da bleibt ein gewisser Phantomschmerz zurück.

Haben Sie ein Rezept gegen diesen zwangsweisen Müßiggang entwickelt?
PORTUGALL: Ich habe mich im Sommer stärker meinem Garten gewidmet und inzwischen hat sich auch meine Wohnung zu einem echten Urwald entwickelt. Ich arbeite sicherlich stärker und intensiver als zuvor – auch in meiner Freizeit. Ich finde, man muss seinem Alltag auch in der Pandemie einen Sinn geben und sich mit sinnstiftenden Sachen beschäftigen.

Glauben Sie, dass sich das Verhalten der Menschen durch Corona nachhaltig verändern wird und es zu einer Art der sozialen Entwöhnung kommt?
PORTUGALL: Ich bin von der Tendenz her eher ein zuversichtlicher Mensch. Oben in der Kirchenhierarchie denken viele: Danach ist nichts mehr wie vorher. Ich denke, es wird einen Punkt geben, ab dem wir endlich wieder mit Lebenslust und ungezwungen unser Leben genießen dürfen. Es könnte allerdings sein, dass künftig in der klassischen Erkältungsperiode einige Menschen zur Maske im Alltag greifen oder sich überlegen, wem sie die Hände schütteln. Ich glaube aber nicht, dass Corona die Abkehr von der Kirche massiv beschleunigt. In unseren Kindergärten zeigt sich, dass gerade Heranwachsende viel offener für rapide Veränderungen sind als Erwachsene. Am meisten leiden derzeit übrigens die 13- bis 15-Jährigen, weil sie bewusst reflektieren, was ihnen verloren geht und wie sich die Pandemie auf ihre Zukunft auswirken könnte. Als Pfarrei haben wir den Kontakt zu unserer Gemeinde aber nie abreißen lassen. In anderen Gemeinden könnte das gegebenenfalls anders verlaufen sein und sich auch entsprechend auswirken. Ich glaube daran: Mit Geduld und Demut schaffen wir das. Dieses Virus mag Teil unseres Lebens geworden sein, aber wir dürfen nicht zulassen, dass unser Leben nur noch von diesem Virus bestimmt wird. (ffm)