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Leise fahren, Ruhe wahren

Zum Tag des Lärms am 24. April: Wie kann verhaltensbedingter Lärm vermieden werden?

Hupende Autos, heulende Motoren, quietschende Reifen. Lärm macht nachweislich krank und am meisten stört Verkehrslärm. In repräsentativen Umfragen geben regelmäßig über 75 Prozent der Befragten an, sich durch Straßenverkehrslärm belästigt oder gestört zu fühlen. Dieser Frage gehen Forscher der TU Berlin in mehreren Projekten nach.
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Wie wirken sich Hinweisgeber auf das lärmbewusste Fahrverhalten aus? Probanden fahren mit einem fahrzeuginternen dynamischen Feedbacksystem mit Anzeige zur produzierten Lautstärke für die Umgebung.
Foto: Andreas Fuchs, AIT

Prof. Dr. André Fiebig leitet das Fachgebiet Psychoakustik am Institut für Strömungsmechanik und Technische Akustik der TU Berlin. Sein Ziel ist ein ambitionierter Lärmschutz, der jegliche gesundheitliche Auswirkungen von Lärm minimiert. „Dafür reichen konventionelle Maßnahmen wie lärmmindernde Fahrbahnbeläge oder die Verringerung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit nicht aus“, so Fiebig. „Wir müssen weitere Möglichkeiten zur Lärmminderung ausschöpfen. Dabei rückt verhaltensbedingter Lärm in den Fokus, denn lärmbewussteres Verhalten kann in vielen alltäglichen Situationen wesentlich zur Verringerung von Lärmkonflikten beitragen.“

Der Einsatz einer Lärmblitzertechnologie in Berlin – der vom Fachgebiet wissenschaftlich begleitet wurde -, hat bereits gezeigt, wie häufig verhaltensbedingter und damit vermeidbarer Lärm im Alltag zu beobachten ist. Dabei untersuchten die Forscher nicht nur näher, wie laut derartige verhaltensbedingte Lärmereignisse sind, sondern auch, welche subjektive Störwirkung von diesen Einzelereignissen ausgehen.

Mit dieser Thematik beschäftigt sich auch Cleopatra Moshona, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachgebiet: „Im Lärmschutz steht fast immer der Blickwinkel der Betroffenen, die sich durch Lärm belästigt oder gestört fühlen, im Mittelpunkt. In zwei unserer Projekte drehen wir den Spieß um und schauen uns die Perspektive der Lärmverursachenden an. Wir wollen verstehen, warum sich Menschen in bestimmten Situationen so verhalten, wie sie es tun und herausfinden, wie wir sie am besten dazu motivieren können, lärmbewusst zu agieren.“

Forschungsprojekt „Verhaltensbezogene Lärmminderungsmaßnahmen (VELMA)“

Im Projekt VELMA identifizieren die Forscher Konzepte zur Minderung der Lärmbelästigung, die auf eine freiwillige Verhaltensänderung der Verkehrsteilnehmenden abzielen. In Kooperation mit dem Austrian Institute of Technology wurde bereits ein Fragebogen zur Erhebung von Lärmbewusstsein und -verhalten entwickelt und getestet. Erste Ergebnisse zeigen beachtliche Unterschiede im Lärmbewusstsein der Bevölkerung, beeinflusst durch Faktoren wie Verantwortungsübernahme, Maßnahmenakzeptanz und Umweltbewusstsein. Maßnahmen zur freiwilligen Verhaltensänderung setzen auf Aufklärung, Stärkung persönlicher Normen, indem das moralischen Verpflichtungsgefühl aktiviert wird, und Anreize in Form von monetären Boni oder anderen Incentives sowie Visualisierung des eigenen Lärmverhaltens.

In einem Fahrversuch mit Probanden untersuchten die Forscher, wie sich Hinweisgeber auf das lärmbewusste Fahrverhalten und die mittlere Fahrgeschwindigkeit auswirken. Dabei setzten sie zwei Hinweisgeber ein: ein dynamisches, fahrzeuginternes Feedbacksystem in Form einer Smartphone-App und einen statisch externen Hinweisgeber, umgesetzt als Schild am Straßenrand. Die fahrzeuginternen Hinweisgeber hatten auf die durchschnittliche Fahrgeschwindigkeit der Probanden keinen nennenswerten Einfluss. Der statische Hinweisgeber mit dem Slogan „Leise fahren, Ruhe wahren. Gut für Mensch und Umwelt.“ führte hingegen zu niedrigeren Durchschnittsgeschwindigkeiten in der Interventionsgruppe. Dabei handelt es sich aber noch um vorläufige Ergebnisse. Das Projekt VELMA wird im Auftrag des Bundesministeriums für Digitales und Verkehr, vertreten durch die Bundesanstalt für Straßenwesen, durchgeführt.

Forschungsprojekt „Förderung lärmbewussten Verhaltens“

Im Auftrag des Umweltbundesamtes untersucht ein Forscherteam, inwieweit aktive Beteiligung und Mitwirkung bei der Lärmvermeidung zu einem lärmbewussteren Verhalten führen kann. Ziel des explorativen Forschungsvorhabens ist es, neue Möglichkeiten zu erforschen und zu entwickeln, um Menschen zu einem lärmbewussteren Verhalten zu motivieren, wobei ein besonderes Augenmerk auf den Einfluss des Instruments der Öffentlichkeitsbeteiligung gelegt wird.

Auf Basis qualitativer Interviews wurde bereits deutlich, dass viele Menschen wenig über die eigene Geräuscherzeugung nachdenken und sich oft nicht über das mögliche Störpotential durch das eigene Handeln, wie lautes Sprechen oder die Nutzung lauter Geräte in der Wohnung, bewusst sind. Im Rahmen einer aktuellen Online-Befragung untersuchen die Forscher daher weiter, welchen Stellenwert das Thema Umwelt im Allgemeinen und Lärm im Speziellen im täglichen Leben besitzen und welche Handlungsoptionen in alltäglichen Lärmkonfliktsituationen bestehen und genutzt werden.

Lärmbewusstsein kann sich ändern

„Unsere Untersuchungen zeigen, dass sich Menschen selten als Lärmverursacher sehen. Lärm wird fast ausschließlich als Produkt Anderer aufgefasst“, so Cleopatra Moshona. Grund dafür sei, dass oft ein gewisses Maß an Selbstreflexion fehle. Die Verantwortungsübernahme, also die Einsicht darüber, dass das Lärmverhalten im eigenen Einflussbereich liege, sei jedoch für die Formung eines Lärmbewusstseins von zentraler Bedeutung. Im Gegensatz zu stabilen Persönlichkeitsmerkmalen wie Lärmempfindlichkeit, könne sich Lärmbewusstsein im Laufe der Zeit ändern. „Es gibt keinen An/Aus-Hebel“, sagt die Forscherin. „Man muss sich das eher als Kontinuum vorstellen, das von der Situation abhängt. Menschen können zum Beispiel generell lärmbewusst sein, sich aber in manchen Kontexten trotzdem laut bzw. störend verhalten, wie es zum Beispiel in Konfliktsituationen vorkommt.

„Stellen Sie sich vor, Sie sitzen an einem warmen Sommertag ohne Klimaanlage im Home-Office mit geöffnetem Fenster und Sicht auf einen Innenhof. Sie haben eine wichtige Online-Besprechung, aber keine Kopfhörer parat. Wie reagieren Sie? Denken Sie überhaupt über Ihre Gesprächslautstärke nach? Die Krux liegt darin, Möglichkeiten zu schaffen, sich des eigenen Verhaltens bewusst zu werden“, so Cleopatra Moshona, die Lärmminderung als eine wichtige, gesellschaftliche Aufgabe sieht, die alle betrifft. „Ich finde es spannend, Menschen das Thema Lärm näher zu bringen, ohne ihnen ein schlechtes Gewissen einzureden oder eine Verbotskultur zu verfolgen. Wenn wir nachhaltig unsere Umwelt verbessern wollen, dann müssen wir den Faktor Mensch berücksichtigen, über neue Maßnahmenkonzepte nachdenken und überlegen, welche infrastrukturellen Änderungen benötigt werden, um es Menschen leichter zu machen sich lärmbewusst zu verhalten.“