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Letzte Aktualisierung: 24.06.2024

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Lehren aus der Pandemie

Umfangreiche Studie zur COVID-19-Krisenkommunikation

von Norbert Dörholt

(05.06.2024) Die Technische Universität Ilmenau und das Bundesinstitut für Risikobewertung haben soeben die Ergebnisse eines großangelegten internationalen Forschungsprojekts zur Risiko- und Krisenkommunikation während der COVID-19-Pandemie vorgelegt. Danach wurden zum Beispiel Wissenschaftler in ihren Stellungnahmen viel eher als glaubwürdige Quellen bewertet als die nationalen Regierungen.

Die gewonnenen Erkenntnisse liefern wertvolle Einblicke in die Kommunikationsstrategien von Regierungen und Behörden, in deren Wahrnehmung durch die Bevölkerung und die Bewertung durch den Journalismus und Soziale Medien in Europa und den USA. Sie sollen nun als Schlussfolgerungen für den Umgang mit künftigen Krisen dienen. Die dreijährige Studie wurde von der politisch unabhängigen Deutschen Forschungsgemeinschaft mit insgesamt 1,8 Millionen Euro gefördert.

Für das Forschungsprojekt DECIPHER – „Entzifferung der ,Pandemie-Öffentlichkeit‘: Regierungskommunikation, (soziale) Mediendiskurse und Bürgerreaktionen auf Covid-19 in Europa und den USA“ – wurde die COVID-Krisenkommunikation in Deutschland, Italien, den Niederlanden, Spanien, Schweden, dem Vereinigten Königreich und den Vereinigten Staaten analysiert. Hunderte hochrangige Regierungsangehörige sowie Bürger wurden interviewt, mehr als 6.000 Pressemitteilungen und über 11.000 Online-Nachrichtenartikel analysiert, Millionen von Social-Media-Beiträgen mit computergestützten Methoden ausgewertet.

Das Forschungsteam von TU Ilmenau und Bundesinstitut für Risikobewertung war interdisziplinär zusammengesetzt: Es verknüpfte Expertise und Methoden der Kommunikationswissenschaft, der Psychologie und der Informatik. Dabei kamen auch innovative Data-Science-Methoden wie maschinelles Lernen und Netzwerkanalysen zum Einsatz, zum Beispiel, um in den Sozialen Medien im Umfeld der Pandemie einflussreiche Netzwerke zu identifizieren.

Analyseergebnisse der Berichterstattung in 11.000 Artikeln

Wissenschaftler wurden viel eher als glaubwürdige Quellen bewertet als nationale Regierungen. Die Medien in Großbritannien, den USA und Schweden bewerteten ihre Regierungen im Vergleich zu den Niederlanden, Italien, Deutschland und Spanien am negativsten. In den Ländern mit der höchsten Anzahl an Todesfällen pro 1.000 Einwohner, dem Vereinigten Königreich und den USA, gab es in der Medienberichterstattung eine bemerkenswerte Kluft zwischen der positiven Bewertung der Wissenschaft und der negativen Bewertung der Regierungsbehörden.

In den ausgewerteten Artikeln wurde nur selten die Wirksamkeit von Selbstschutzmaßnahmen betont. Wenn sie dies taten, wurden Impfungen und Tests als die effektivsten Maßnahmen im Vergleich zu Hygienemaßnahmen und Lockdowns dargestellt.

Rechtsextreme und konservative politische Parteien verbreiteten deutlich mehr Fehlinformationen als andere Parteien. So waren allein AfD-Politiker für 92,5 Prozent aller Fehlinformationen im Deutschen Bundestag verantwortlich. Diese Fehlinformationen führten zudem im Allgemeinen zu einer intensiveren öffentlichen Auseinandersetzung auf sozialen Medien, was als problematisch angesehen werden kann.

Interne organisatorische Faktoren haben in Krisen einen erheblichen Einfluss auf den Erfolg der Regierungskommunikation. Problematisch sind insbesondere Schwierigkeiten in der Koordinierung zwischen den verschiedenen nationalen, regionalen und lokalen Regierungsebenen und die sehr oft fehlende Auswertung der Kommunikation nach der Krise.

40 Prozent der Pressemitteilungen, die während der COVID-19-Pandemie in den sieben Ländern herausgegeben wurden, enthielten nicht die inhaltlichen Elemente, die als Botschaften wirksam sind, um die Bevölkerung bei ihrer Risikobewertung und ihrem Selbstschutzverhalten während einer Pandemie anzuleiten.

Analyseergebnisse der Interviews mit Bürgern

Bei der Bewertung der Regierungskommunikation spielt Vertrauen eine zentrale Rolle. Dieses Vertrauen wird beeinflusst durch Faktoren wie die wahrgenommene Kompetenz und Integrität der Politiker, die Konsistenz der Kommunikation, das Eingeständnis von Fehlern und Transparenz.

Bürger haben ein starkes Bedürfnis nach einer einheitlichen, koordinierten Kommunikation zwischen verschiedenen staatlichen Institutionen. Für künftige Krisen schlugen die Befragten die Schaffung eines koordinierten Kommunikationskanals in Form einer App oder einer Website vor, die wichtige Informationen der Regierung und der zugehörigen Institutionen standardisiert bereitstellt. Um die Verständlichkeit zu erhöhen, sollten die Inhalte in leicht verständlicher Sprache vermittelt und mit Grafiken und Videos illustriert werden.

Prof. Martin Löffelholz, Direktor der Internationalen Forschungsgruppe Krisenkommunikation und Sprecher des DECIPHER-Projekts an der TU Ilmenau, sieht die entscheidende Rolle von Vertrauen und Transparenz in der effektiven Krisenkommunikation durch die DECIPHER-Studie bestätigt: „Durch das Verständnis dieser Dynamiken können wir zur Verbesserung von Kommunikationsstrategien und Berichterstattung in zukünftigen Pandemien beitragen und damit den Schutz der Bevölkerung vor Krankheit und Desinformation erhöhen.“ Nach wie vor würden Daten erhoben und analysiert, die bis zum Ende des Jahres zu konkreten Richtlinien führen sollen.