Das Online-Gesellschaftsmagazin aus Frankfurt am Main

Letzte Aktualisierung: 04.12.2020

Werbung
Werbung

Lebensmittel-Etiketten verstehen - EU-Projekt will Gesundheitsslogans verbessern

von Ilse Romahn

(17.11.2020) Eine neue interaktive Website lädt Verbraucher*innen seit dem 11. November 2020 ein, ihr Wissen über Nährstoffe in Lebensmitteln zu erweitern. Die Erkenntnisse fließen in eine EU-finanzierte Studie, die die Kommunikation zwischen Lebensmittelherstellern und Verbrauche*innen verbessern will.

Der Slogan „So wertvoll wie ein kleines Steak“ gehört längst der Vergangenheit an. Heute sind gesundheitsbezogene Angaben in Europa streng reguliert. Allerdings offenbaren Umfragen, dass viele Verbraucher*innen das nicht wissen, sie misstrauen den Angaben und verstehen sie oft nicht. Die werbliche Sprache der Hersteller schwächt deren Glaubwürdigkeit zusätzlich. Das EU-Projekt Health Claims Unpacked will den wissenschaftlichen Jargon der regulierten Angaben „auspacken“ und eine wirksamere Kommunikation zwischen Herstellern und Verbraucher*innen ermöglichen. Letztere werden dabei aktiv in den Prozess eingebunden.

Wie werden gesundheitsbezogene Angaben auf verschiedenen Produkten verstanden und beurteilt? Wann bieten sie Verbraucher*innen einen Mehrwert, welche Rolle spielen Formulierungen, Symbole und Verweise? Um das herauszufinden, hat ein internationales Forscherteam die interaktive Website (www.unpackinghealthclaims.eu/#/de) entwickelt. Spielerisch führt sie Interessenten durch verschiedene Aktivitäten: Kleine Tests und Aufgaben fragen Wissen über Nährstoffe und Gesundheitsslogans ab, analysieren Vorlieben und Kaufverhalten in Bezug auf gesundheitliche Bedürfnisse und laden ein, eigene, wissenschaftlich korrekte Angaben zu formulieren. Die Online-Interaktion startet nach einer kurzen E-Mail-Registrierung und dauert rund 10 Minuten. 

Die Forschungsergebnisse aus den anonymen Daten der Nutzer*innen fließen in ein Online-Tool, das Hersteller künftig unterstützen wird, effektiver über gesundheitliche Vorteile von Lebensmitteln zu kommunizieren. Dadurch hilft es auch Verbraucher*innen, gezieltere Kaufentscheidungen zu treffen.

Wissenschaftlicher Jargon wird nicht verstanden  
Seit mehr als 10 Jahren reguliert eine europäische Verordnung die gesundheitsbezogenen Angaben auf Lebensmitteln, die von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) überwacht werden. Sie soll Verbraucher*innen vor irreführenden Angaben schützen und ihnen absichtsvolle Entscheidungen ermöglichen. Aber gelingt das auch? Was ist etwa unter „Olivenöl-Polyphenole tragen dazu bei, die Blutfette vor oxidativem Stress zu schützen“ zu verstehen? 

Fakt ist, dass die genehmigten Formulierungen viele Gemeinsamkeiten mit wissenschaftlicher Literatur im Allgemeinen aufweisen. Die ist bekanntermaßen für Laien schwer verständlich. Tatsächlich sind die Formulierungen in erster Linie der wissenschaftlichen Wahrheit verpflichtet und berücksichtigen nicht, inwieweit die Zielgruppe sie versteht. Erschwerend kommt hinzu, dass sie für den gesamten EU-Raum übersetzt werden aber den kulturellen Sprachgebrauch dabei außer Acht lassen. Zwar haben Hersteller einen sprachlichen Spielraum, doch die Gefahr ist groß, dass eine Anpassung die Gesamtbedeutung verändert und damit unzulässig wird. Aus dieser Unsicherheit heraus, verzichten viele Hersteller auf die Verwendung von gesundheitsbezogenen Angaben auf ihren Produkten. 

Verbraucher*innen bekommen eine Stimme
“Lebensmittelhersteller wissen um das breite Interesse der Verbraucher*innen an gesunder Ernährung“ sagt Projektpartner Peter Kahlert der Technischen Universität München. „Daher ist auch ihr Interesse groß, gesundheitsbezogene Angaben auf entsprechenden Produkten einzusetzen – nicht zuletzt als Marketingstrategie für einen bewussten Einkauf“. 

Damit die Verständigung besser klappt, bezieht „Health Claims Unpacked“ die Verbraucher*innen aktiv ein und lässt sie die an sie adressierten Gesundheitsslogans mitgestalten. Das interdisziplinäre Forschungsprojekt steht unter der Leitung von Professor Rodney Jones, Professor für Soziolinguistik an der Universität Reading. Es wird von Partnern in ganz Europa, darunter die Technische Universität München (TUM), unterstützt und von der EU-Initiative „European Food Institute of Innovation & Technology (EIT Food)“ finanziert. 

Die interaktive Plattform ist von 11. November bis 31.  Dezember 2020 online und hofft auf rege Beteiligung unter: www.unpackinghealthclaims.eu/#/de