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Letzte Aktualisierung: 12.08.2020

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Leben mit altem Holz

Reingeschaut: Handwerk im Schwarzwald (1)

von Karin Willen

(14.07.2020) Kuckucksuhren, Bollenhüte, Kirschtorte und Hinterwälder Rinder? Der Schwarzwald konnte schon immer mehr, nämlich Holz! In Bahlingen hat sich einer auf altes Holz spezialisiert.

Auf Anfrage: Vogelhäuschen aus altem Holz selber machen in der Alt.Holz.Garage
Foto: Karin Willen
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Vor gut tausend Jahren war der Schwarzwald ein undurchdringlich erscheinender Urwald aus Tannen, Buchen, Eschen und Eichen. Der Wald ernährte die Menschen, die in ihm und an seinen Rändern lebten. Dass die Altvorderen dabei Raubbau an der Natur betrieben, lag damals noch nicht in ihrem Horizont. Vor allem Flößer, Köhler und Glasmacher holzten den dunklen Wald fast vollständig ab.

So, wie wir ihn heute kennen, sieht der Schwarzwald erst seit dem 18. und 19. Jahrhundert aus. Zwei Drittel der Fläche sind mittlerweile wieder bewaldet. Und Flößer und Köhler gibt es nicht mehr. Wohl aber alte Holz-Handwerke, die den nachwachsenden Rohstoff verarbeiten – und eine charmante Alternative, was man mit scheinbar ausgedientem Holz noch machen kann: die Alt.Holz.Garage.

Aus Respekt vor dem Rohstoff und der Tradition

Jan Knopp und sein Team von der Alt.Holz.Garage in Bahlingen produzieren Wohnaccessoires und Wandverkleidungen aus altem Scheunen- und Bauholz. Diese Alternative zum klimaschädlichen Verbrennen in in der Gemeinde am Kaiserstuhl nennt sich „Upcycling“.

Das Holzlager sieht aus, als warte das Holz nur noch auf seine Entsorgung. Staubige alte Bretter, teils verzogen, teils bemoost oder mit Resten eines alten Anstriches versehen, viele mit Nagellöchern, einige mit Spuren von gefräßigen Holzwürmern und Hausbocklarven. Da brauchte es erst jemanden mit Respekt vor dem Rohstoff und der regionalen Tradition, um den Wert der alten Bretter erkennbar zu machen: Jan Knopp. Der gelernte Hotelkaufmann zeigt mit seinen Werken, wie Holz in Würde altert und rustikale Schönheit entfaltet.

Kreatives mit Patina

Vor einigen Jahren begann er mit der Produktion von Holzschildern aus Palettenholz. Heute bringen unter anderem auch Holzwände aus seiner Werkstatt die Natur in so manche Villa oder Gaststätte. Anders und intensiver als Designobjekt oder Tapete vermitteln diese rustikalen Elemente eine gute Portion Behaglichkeit, natürlich − und individuell. „Die Kunden können sich jedes einzelne Holzstück aussuchen“, sagt Knopp.

Aber Holzwürmer und Muffgeruch fürs Wohlfühlen beim Wohnen und Feiern? Das wird den Balken und Brettern innerhalb von drei Tagen in einer 70 Grad warmen Trockenkammer ausgetrieben. „Bei 65 Grad stockt Eiweiß“, erklärt Knopp trocken. Da gehen dann weder Wurm oder Hausbock dran.

Mit Zertifikat

„Wir nutzen alles“, fährt der Altholzverarbeiter fort, „Fassade, Gebälk, Dielenboden.“ Was die veredelten hyperaktuellen und meist rauen Holzdinge in ihrem ersten Leben waren, zeigt ein Zertifikat, möglichst mit Foto. „Wir schreiben dazu, wo das Holz herkommt, wo die Scheune stand“. So entsteht Verbundenheit mit der Heimat. Und die kann noch lange anhalten. Denn im Schwarzwald wartet noch so mancher Schuppen auf Wiesen und in Hinterhöfen auf ein neues Leben.