Kultur

Kunst zwischen Erschöpfung, Wahrnehmung und Macht

Der Mai bringt Bewegung in die Frankfurter Kunstszene. Im Atelierfrankfurt verdichten sich Ausstellungen, Diskurse und internationale Positionen zu einem Programm, das sich mit den zentralen Fragen unserer Gegenwart auseinandersetzt: digitale Überforderung, Körperbilder, Raumwahrnehmung und gesellschaftliche Machtverhältnisse. 

Höhepunkt ist der 7. Mai, an dem gleich drei Ausstellungen parallel eröffnet werden und das Haus für zeitgenössische Kunst an der Schwedlerstraße zum Treffpunkt für Künstlerinnen, Kuratorinnen und Publikum machen.

Digitale Erschöpfung als künstlerisches Szenario

Mit „The Virtual Flame“ widmet sich der Frankfurter Künstler Sascha Boldt einem Zustand, der längst zum kollektiven Lebensgefühl geworden ist: dem permanenten Funktionsmodus zwischen Online-Sein, Produktivität und Erschöpfung. In der Ausstellung, die vom 8. Mai bis zum 2. Juli 2026 zu sehen ist, thematisiert Boldt eine Gesellschaft am Rand des Burn-outs.

Seine raumgreifende Installation verbindet digital entworfene und anschließend analog ausgeführte Malereien mit Lichtobjekten, Schriftbildern und einem zentral platzierten Bett. Der kapellenartige Raum fungiert dabei als zeitgenössisches Sinnbild für Platons Höhlengleichnis: Wahrnehmung erscheint als etwas, das zunehmend durch digitale Filter, Projektionen und Illusionen bestimmt wird. Boldts Arbeiten kreisen um Begriffe wie Überreizung, Leere und das allgegenwärtige „Fear of Missing Out“ – und formulieren ein visuelles Protokoll des Daseins im Dauerbetrieb.

Spiegelungen zwischen Fläche und Raum

Einen stilleren, aber nicht minder eindringlichen Gegenpol setzt die Ausstellung „Grenze von Raum und Zeit“ von Hide Nasu, die bis zum 21. Mai 2026 läuft. Nasus Arbeiten bewegen sich an der Schnittstelle von Malerei und Skulptur. Seine mit Wachs, Pigment und Japanpapier gefertigten Tafelbilder entfalten eine subtile Tiefenwirkung, die sich erst bei genauer Betrachtung erschließt.

Besonders prägend sind die skulpturalen Werke der Serien „Spiegelteiche“ und „Wasserspiegel“: randvoll mit Wasser gefüllte Rahmen, die ihre Umgebung reflektieren und je nach Licht, Bewegung und Perspektive immer neue Bildräume erzeugen. In der Ausstellung werden Bild, Spiegel und Raum in Beziehung gesetzt und machen die Besucher selbst zu Teilnehmern einer flüchtigen Raumerfahrung. Wahrnehmung wird hier nicht abgebildet, sondern entsteht im Moment der Begegnung.

Körper, Territorium und neoliberale Strukturen

Einen dezidiert politischen Akzent setzt die Kooperation EULENGASSE presents at ATELIERFRANKFURT mit der Ausstellung „WHEN COLLAPSE LINGERS“ von Guta Galli und Ivan Padovani. Die beiden brasilianischen Künstler untersuchen in Video, Fotografie und Zeichnung, wie neoliberale und hyperindividualistische Systeme Körper wie auch Landschaften formen und kontrollieren.

Zwischen Themen wie Mutterschaft, Stadtentwicklung und spekulativer Architektur entfaltet sich eine vielschichtige Reflexion über Macht, Territorium und ökonomische Einflussnahmen. Die Ausstellung ist Teil der Biennale für Gegenwartskunst BELICHTUNGSMESSER 2, die 2026 unter dem Leitthema HUNGER in Rüsselsheim und Frankfurt stattfindet.

Wer wiegt schwerer – und warum das egal ist

Ab dem 12. Mai folgt mit „see saw sort – Part II“ eine umfangreiche Gruppenausstellung junger Positionen, kuratiert von Luna Hepper und Paula Tillmanns. Der Ausstellungstitel bezieht sich auf die Wippe als Symbol für Gewicht, Balance und Macht. Doch anstatt eindeutige Antworten zu geben, stellt die Schau die Frage, wer eigentlich „schwerer wiegt“ – und warum diese Frage möglicherweise ins Leere läuft.

Zwischen individuellen Handschriften und kollektiver Hängung entsteht ein Dialog über Wertigkeiten im Kunstbetrieb, über Sichtbarkeit und Relevanz – und über die Möglichkeit, bestehende Gleichgewichte bewusst zu hinterfragen.

Ein Ort im Resonanzraum der Stadt

Mit seinem dichten Mai-Programm zeigt das Atelierfrankfurt einmal mehr seine Rolle als bedeutender Produktions- und Ausstellungsort für zeitgenössische Kunst in Frankfurt. Die Ausstellungen verbinden internationale Perspektiven mit lokalen Diskursen und laden dazu ein, gesellschaftliche Zustände nicht nur zu betrachten, sondern kritisch zu reflektieren.