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Letzte Aktualisierung: 26.02.2020

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Kunst aus der Maschine

Jacksons radikale Malerei

von Karl-Heinz Stier

(07.02.2020) Wie kein anderer Künstler seiner Zeit hat sich der US-Amerikaner Richard Jackson der radikalen Erweiterung der Malerei verschrieben. Doch ist das Malerei?

Bildergalerie
Die Verantwortlichen der Ausstellung( v.l.n.r.): Dr. Philipp Demandt, Direktor der Schirn, und Mattias Ulrich, Kurator der Ausstellung
Foto: Karl-Heinz Stier
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Ein Blick in den Delivery Room (Kreisssaal)
Foto: Karl-Heinz Stier
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Der Dining Room (Speisesaal)
Foto: Karl-Heinz Stier
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Der War Room (Der Kriegsraum
Foto: Karl-Heinz Stier
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Der heute 81jährige sprengt die formalen Grenzen des Malerischen und schafft Situationen, in denen er den Farbauftrag durch den Einsatz von Maschinen mit dem verbindet, was  e r  prozesshaft darstellen will. Die Schirn Kunsthalle Frankfurt am Römerberg präsentiert bis zum 3. Mai 2020 erstmals in einer Ausstellung mit dem Titel „Unexpected Unexplained Unaccepted“ fünf der insgesamt zwölf existierenden, charakteristischen Rooms, also Rauminstallationen, die auf dem Prinzip der automatisierten Malerei basieren – und die alle zusammen in einem kleineren Saal.

Man kann zum Teil die fertigen Szenen von allen Seiten betrachten, zum Teil durch Gucklöcher oder Fenster. Figuren, Tiere oder Gegenstände werden oder wurden da vorgestellt - je nachdem wie groß die Vorstellungskraft des Betrachters ist. Mittels Luftkompressoren und Pumpen flossen helle oder dunkle Farben durch Schläuche und Trichter durch deren Ohren, Münder, Busenspitzen und andere Körperöffnungen, um sie jeweils auf Boden, Wänden, Einrichtungen und den Darstellern weiter zu verteilen.

Wenn die Besucher zu den darstellenden Räumen kommen, sind die Aktionen längst vorüber. „Das Publikum wird zum Ermittler des vorausgegangen Mal-Aktes und zum Voyeur skurriler Szenarien“, so Kurator Matthias Ulrich, Kurator der Ausstellung.

Kunst ist oft was Ästhetisches, dessen Grenzen gelegentlich nicht greifbar sind. Die Grenze zum Unästhetischen ist schwer zu ziehen. Doch wenn Sexualität oft in makabrer und unsittlicher Art gezeigt wird, dann kommt dem Betrachter*in Momente des Widerlichen auf. So zum Beispiel kann man durch ein Guckfenster betrachten, wie der „Delivery Rom“ (Kreißsaal) zur martialischen Geburtsszene wird. Ein Arzt im silbernen Anzug beugt sich über eine gebärende Frau, um sie herum sind Säuglinge, Unterleibsprothesen, Farbeimer und explosiv im ganzen Raum verteilte Farbe zu sehen. Ein Mann, vermutlich der Vater, filmt mit seiner Kamera das Geschehen, das auf einem Monitor nach draußen übertragen wird.

Was will der Künstler hier eigentlich sagen? Der Wandtext meint, dass es um die Geburt der Malerei gehen könnte, um die Heroisierung der malerischen Schöpfung. Welch eine Vorstellungskraft muss man da schon haben!

Ein anderer Raum ist der Dining Room (das Esszimmer). Von allen Seiten offen hockt mit herunter gelassener Hose mitten auf dem Esstisch der Vater und lässt seinem großen Geschäft freien Lauf. Bunte Farben sind quer über den Tisch, Geschirr und den Boden verteilt, die restlichen Familienmitglieder am Tisch nehmen apathisch an der Szene teil. Durch Trichter und Kanister läuft Farbe in ihre Köpfe, um an anderer Stelle wieder herauszufließen und sich im Raum auszubreiten. Ist das noch Kunst und wenn ja, was will der Künstler damit sagen?

Letztes Beispiel: der War Room (Der Kriegsraum), ein politisches Schlachtfeld. Komplementärfarbige Entenfiguren a la Disney in Militärmontur und mit rosa Brüsten als Augen, die sich offenbar mit ihren Metallröhrenpenissen zuvor bespritzt haben, stehen um einen vieleckigen Pavillon. Zwei weitere kopulierende Enten verstecken sich in seinem Inneren. Der polyedrische Globus ist gespickt mit Ölfördertürmen in Miniaturformat. Jackson will die kriegerische Szene als einen Kampf um knapper werdende Ressourcen entlarven.

Ausschweifungen, Tabubruch und menschliche Bedürfnisse in Extremsituation gehören zum spirituellen Handwerkszeug Jacksons. Vielleicht sind sie unabdingbare Elemente eines Teils amerikanischer Künstler – zu bestimmten Zeiten ihrer Kunstgeschichte. Bei uns können Kunstbeflissene darauf verzichten, es sei denn als Abschreckung! Insofern mag der Titel der Ausstellung ins Deutsche übertragen beim Publikum vielleicht sogar stimmen: Unerwartet, unerklärt, unakzeptiert.

Öffnungszeiten: Di, Fr-So 10-19 Uhr, Mi und Do 10- 22 Uhr.

Weitere Infos: www.schirn.de

Eintritt: 8 Euro, ermäßigt 4 Euro