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Letzte Aktualisierung: 04.07.2022

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Krebs: Weshalb eine Behandlung in zertifizierten Zentren so wichtig ist

von pm/ots

(19.05.2022) Menschen, die sich mit einer Krebserkrankung in einem zertifizierten Zentrum behandeln lassen, haben deutlich bessere Überlebenschancen - dies hat jetzt eine Studie gezeigt, bei der über 3 Jahre hinweg die Daten von mehr als einer Million Patienten untersucht wurden. Wir haben darüber mit PD Dr. Simone Wesselmann gesprochen, die bei der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG) den Bereich Zertifizierung leitet.

Die WiZen-Studie hat bestätigt, dass Krebspatienten bessere Überlebenschancen haben, wenn sie in zertifizierten Zentren behandelt werden. Woran liegt das?

PD Dr. Simone Wesselmann: Das liegt unter anderem daran, dass in einem solchen Zentrum alle für die jeweilige Tumorerkrankung relevanten Fachdisziplinen zusammenarbeiten - berufs- und sektorenübergreifend. Zudem decken die Zentren alle Phasen einer Krebserkrankung ab, von der Früherkennung über die Diagnostik und Therapie bis zur Nachsorge. Der vielleicht wichtigste Punkt: Die Zentren müssen jährlich bei der Zertifizierung nachweisen, dass sie quantitative und qualitative Mindestvorgaben erfüllen.

Welche sind das?

Wesselmann: Quantitativ bedeutet: Jeder Partner innerhalb des Zentrums beschäftigt sich häufig mit der jeweiligen Krebserkrankung. Die Fall- und Behandlungszahlen müssen also eine bestimmte Menge erreichen, eine Operation pro Jahr und Krebsart reicht da nicht. Es gibt ja eine extrem dynamische Entwicklung bei neuen Therapien und diagnostischen Möglichkeiten - Personen, die Patienten behandeln, müssen deshalb auf dem aktuellen Stand des Wissens sein und modernste Behandlungsmethoden anwenden. Das ist mit den qualitativen Vorgaben gemeint.

Wie läuft eine Zertifizierung ab und welche Idee steckt dahinter?

Wesselmann: Zum Ablauf: Es gibt jedes Jahr eine Vor-Ort-Begehung - dabei betrachten mindestens zwei Fachexperten eineinhalb Tage lang gemeinsam mit den Vertretenden der Zentren deren Ergebnisse, Prozesse und Strukturen und analysieren sie kritisch. Die Fachexperten sind onkologisch tätige Fachärzte in dem Bereich, den sie auditieren. Sie überprüfen, ob alles passt oder ob es an bestimmten Stellen Verbesserungsmaßnahmen gibt. Die Idee hinter dem Zertifizierungssystem ist ganz einfach: Es betrachtet Onkologie aus dem Blickwinkel der Patienten. Für sie müssen zu jedem Zeitpunkt der Erkrankung kompetente Behandlungspartner zur Verfügung stehen, die sich untereinander austauschen und den bestmöglichen Behandlungsplan entwickeln - und zwar zugeschnitten auf genau diesen spezifischen Patienten.

Wie lange ist so ein Zertifikat gültig?

Wesselmann: Im Normalfall sind es 3 Jahre nach einer ersten Zertifizierung. Es kann aber auch sein, dass ein Zentrum bei der Erstzertifizierung nicht in allen Bereichen optimale Ergebnisse vorweisen kann - dann gilt das Zertifikat nur 18 Monate. Vor dem Ablauf gibt es ein Wiederholaudit, das immer mit einer erneuten Begehung vor Ort verbunden ist. Dazwischen finden einmal jährlich so genannte Überwachungsaudits mit zumeist einem Fachexperten statt - bei Zentren, die über eine lange Zeit sehr gute Ergebnisse vorweisen können, reicht dafür auch ein Papieraudit.

Erteilt die Deutsche Krebsgesellschaft Zertifizierungen für alle Krebsarten?

Wesselmann: Nicht für alle, aber für 95 Prozent der auftretenden Krebserkrankungen. Wir haben mittlerweile Zertifizierungsanforderungen für 22 Tumorarten. Sobald es neue evidenzbasierte Leitlinien für eine bestimmte Tumorentität gibt, erstellen wir neue Zertifizierungsanforderungen. Konkret bedeutet das: Wir erstellen einen so genannten Erhebungsbogen, den man auf der Seite der Krebsgesellschaft downloaden kann. Alle Erhebungsbögen bestehen aus 10 Kapiteln. In Kapitel 1 geht es um die Struktur des Netzwerks, interdisziplinäre Zusammenarbeit, Patientenbeteiligung, Psychoonkologie, Sozialarbeit. Kapitel 2 betrifft Sprechstunden und organspezifische Diagnostik, Kapitel 3 widmet sich dem Bereich Radiologie, Kapitel 4 der Nuklearmedizin... Alle Partner haben ein eigenes Kapitel und machen Angaben zum Personal, zur ärztlichen Weiterbildung, zu Gerätestandards und vieles mehr. Das ist sehr umfassend, der Erhebungsbogen für die Brustkrebszentren hat zum Beispiel 41 Seiten. Dazu kommt noch jeweils ein Datenblatt, auf dem die Zentren ihre Fallzahlen angeben, also die Anzahl der behandelten Patienten und die Behandlungsergebnisse. Nur, wenn die Angaben auf den Erhebungsbögen unseren Anforderungen entsprechen, kommt es tatsächlich zu einer Begehung mit anschließender Zertifizierung.

Wie stark sinkt das Sterberisiko für Patienten, die sich in einem zertifizierten Zentrum behandeln lassen? Und gibt es Krebsarten, bei denen der Überlebensvorteil besonders groß ist?

Wesselmann: Das Risiko, zu versterben, wurde um bis zu 26 Prozent gesenkt, wenn die Patienten in einem zertifizierten Zentrum behandelt wurden. Besonders groß waren die Überlebensvorteile bei Darm-, Brust- und Prostatakrebs sowie bei Gebärmutterhalskrebs und neuroonkologischen Tumoren. Insgesamt wurden beim WiZen-Projekt übrigens die Daten von mehr als einer Million Patienten untersucht.

Gab es bei der Studie auch Ergebnisse, die Sie überrascht haben?

Wesselmann: Ja. Ich hatte zwar Vorteile bei der Behandlung in den Zentren erwartet, aber dass sie so groß sind, damit hatte ich nicht unbedingt gerechnet. Sehr spannend finde ich auch: Je länger ein Zentrum ein Zertifikat hat, umso besser wird es. Beim Brustkrebs zum Beispiel sank das Sterberisiko im ersten Jahr nach der Zertifizierung um 17 Prozent - aber nach 5 Jahren waren es schon 23 Prozent. Das liegt daran, dass die Zentren sich stetig mit ihren Strukturen und Prozessen auseinandersetzen. Das ist der Schlüssel zum Erfolg.

Wie viele zertifizierte Zentren zur Krebsbehandlung gibt es derzeit in Deutschland?

Wesselmann: Am 31. März 2022 waren es exakt 1.778 Zentren, die in rund 430 Krankenhäusern angesiedelt sind. Das heißt, die meisten Krankenhäuser haben mehr als ein Zentrum.

Wie hoch ist der Anteil an Krebspatienten, die in solchen Zentren behandelt werden?

Wesselmann: Im Behandlungsjahr 2019 sind 56 Prozent der inzidenten Krebserkrankungen in einem Zentrum behandelt worden, das von der Deutschen Krebsgesellschaft zertifiziert wurde.

Wie groß ist die Chance, tatsächlich in so ein Zentrum zu kommen?

Wesselmann: Wir haben ja freie Arztwahl. Den Verdacht auf eine Krebserkrankung stellen meist niedergelassene Ärzte. Bei einem positiven Befund geht es dann in der Regel in den stationären Bereich, die Patienten suchen also die Sprechstunde eines Krankenhauses auf - und das kann und sollte eben ein zertifiziertes Zentrum sein. Sie sind übrigens alle auf Oncomap.de gelistet. Dort können Sie über Filtermechanismen einstellen, wo in Ihrem Umkreis es Zentren für welche Krebsarten gibt. Auch die weiße Liste der Bertelsmann-Stiftung oder der Krankenhausfinder der AOK verweisen auf die zertifizierten Zentren.

Ist die Behandlung dort nicht nur gut, sondern auch teuer?

Wesselmann: Das könnte man glauben, aber tatsächlich ist die Behandlung in den zertifizierten Zentren vergleichsweise günstig. Die Kollegen aus dem Deutschen Krebsforschungszentrum haben eine Auswertung auf Grundlage der WiZen-Daten gemacht und festgestellt: Pro gewonnenem Lebensjahr können etwas mehr als 38.000 Euro pro Patient eingespart werden, wenn die Patienten wie in diesem Fall an einem Darmkrebszentrum behandelt wurden.

Welche Konsequenzen sollten politische Entscheidungsträger aus den Studienergebnissen ziehen?

Wesselmann: Die Ergebnisse der WiZen-Studie sollten idealerweise dazu führen, dass die Behandlung onkologischer Patienten auf Einrichtungen konzentriert wird, die die Vorgaben der Deutschen Krebsgesellschaft erfüllen. Denn das rettet Leben und verursacht weniger Kosten.

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