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Letzte Aktualisierung: 30.09.2020

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Kreativ gegen den Werther-Effekt

FRANS startet Kampagne zum Welttag der Suizidprävention im Goethe-Gymnasium

von Ilse Romahn

(09.09.2020) In Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werther“ nimmt sich der Protagonist das Leben. Die detaillierte Beschreibung des Tathergangs löst im späten 18. Jahrhundert eine Welle an Nachahmungstaten aus.

Knapp zwei Jahrhunderte später wird erstmals ein kausaler Zusammenhang zwischen der Berichterstattung über Suizide prominenter Persönlichkeiten und steigender Suizidrate in der Allgemeinbevölkerung erforscht und benannt: der Werther-Effekt.

Bis heute lesen Generationen von Schülern Goethes Briefroman und beschäftigen sich in diesem Kontext auch mit dem Thema Suizid. Selten jedoch wird dies zum Anlass genommen, Suizidalität in der aktuellen Lebensrealität junger Menschen zu betrachten. Auch am Frankfurter Goethe-Gymnasium ist dieser Widerspruch in verschiedenen Fachbereichen schon seit längerer Zeit bekannt – und in den letzten Monaten im Fachbereich Deutsch besonders aufgefallen: Anlässlich von Projekten rund um die Feier des 500jährigen Bestehens der Schule stand Werther im Zentrum der groß angelegten Leseaktion „Goethe liest ein Buch“. In diesem Zusammenhang wurde deutlich: Die Lehrer wünschten sich oft mehr Zeit, mehr fachliche Unterstützung im Umgang mit dieser Thematik. Denn neben der literarischen Diskussion rund um die Verhaltensmotive einer Figur gibt es nicht selten zu wenig Raum für Gespräche über potenziell vorhandene eigene lebensüberdrüssige Gedanken der Jugendlichen.

Auch gesamtgesellschaftlich wird das Thema Suizidalität immer noch weitgehend tabuisiert, was zur Stigmatisierung der Betroffenen beiträgt. Aus diesem Grund wird jährlich am 10. September der Welttag der Suizidprävention veranstaltet, welcher erstmals im Jahr 2003 von der International Association for Suicide Prevention (IASP) und der WHO ausgerufen wurde. In Frankfurt organsiert das Frankfurter Netzwerk für Suizidprävention (FRANS) seit einigen Jahren unter dem Titel „Zehntausend Gründe – Suizid verhindern“ eine Kampagne und Veranstaltungen rund um den Welttag.

Da in diesem Jahr aufgrund der Corona-Pandemie große öffentliche Veranstaltungen nicht möglich sind, hat sich das Netzwerk einige andere Aktionen überlegt. Eine davon ist die Ausschreibung eines Kreativ-Projekts unter dem Titel „Ich krieg‘ die Krise“.

Gesundheitsdezernent Stefan Majer gefällt besonders die Idee des Kreativprojekts, bei dem alle Frankfurter Bürger bis Jahresende kreative Beiträge (zum Beispiel Gedichte, Kurzgeschichten, Videos oder Bilder) einreichen können: „Die vergangenen Monate waren für viele Menschen eine herausfordernde Zeit, Krisen wurden durchlebt und gemeistert – das Projekt bietet die Möglichkeit, diese und andere schwierige Lebenssituationen auf kreative Weise zu verarbeiten.“

Alle Informationen zum Kreativ-Projekt sowie zu den weiteren Aktivitäten rund um den Welttag der Suizidprävention finden sich auf der FRANS-Website unter http://www.frans-hilft.de/zehntausend-gruende.

Am Donnerstag, 10. September, verbinden sich nun die Anliegen von Goethe-Gymnasium und FRANS in einer gemeinsamen Veranstaltung: Die Schule wird fachlich darin unterstützt, die Themen Suizidalität und psychische Erkrankungen zum Gesprächsgegenstand zu machen und gleichzeitig kann FRANS Suizidprävention und Entstigmatisierung bei jungen Menschen vorantreiben sowie das Kreativprojekt bei den Schülerinnen und Schülern ab der zehnten Jahrgangsstufe in der Aula des Gymnasiums bewerben.

Hintergrundinformation und weitere Aktionen
Jedes Jahr sterben in Deutschland etwa 10.000 Menschen durch Suizid. Die Ursachen dafür sind vielfältig und liegen in der Mehrzahl der Fälle in einer Beeinträchtigung durch psychische Erkrankungen wie Depressionen, Suchterkrankungen oder Psychosen. Die Zahl der Suizidversuche liegt noch um ein Vielfaches höher. Dennoch erhält das Thema nur wenig Aufmerksamkeit.

Vor diesem Hintergrund wurde im Jahr 2014 auf Initiative des Frankfurter Gesundheitsamtes das Frankfurter Netzwerk für Suizidprävention (FRANS) gegründet und wird seitdem von dort aus koordiniert. FRANS unter http://www.frans-hilft.de/ ist ein Zusammenschluss von mehr als 75 Institutionen und Organisationen, die gemeinsam eine Verringerung von Suiziden und Suizidversuchen in Frankfurt erreichen möchten.

Rund um den Welttag der Suizidprävention am Donnerstag, 10. September, machen FRANS unter http://www.frans-hilft.de/ und der Verein Selbsthilfe unter http://www.selbsthilfe-frankfurt.net mit einer Poster- und Plakat-Kampagne sowie Print- und Online-Anzeigen auf das Tabuthema Suizid aufmerksam und bringen es so ins öffentliche Bewusstsein.

Darüber hinaus bietet FRANS auch in diesem Jahr im Rahmen der Kampagne „Zehntausend Gründe – Suizid verhindern“ einige Veranstaltungen an, die unter den aktuellen Hygiene-Maßnahmen durchführbar sind. Aufgrund möglicher aktueller Entwicklungen wird darum gebeten, auf der Webseite zu überprüfen, ob die einzelnen Veranstaltungen so wie geplant stattfinden:

Samstag, 12. September, 11 Uhr, Wochenmarkt Niederrad (Bruchfeldplatz): FRANS-Infostand
Mitten in Niederrad gibt es vielfältige Informationen zum Frankfurter Netzwerk für Suizidprävention und zu Hilfsangeboten in Frankfurt. Damit will FRANS zur Entstigmatisierung beitragen und die Menschen dafür sensibilisieren, nicht wegzuschauen – denn Reden kann Leben retten!

Sonntag, 13. September, 11 Uhr, Mainufer (Nordseite), zwischen Ignatz-Bubis- und Flößerbrücke: Gedenkzeremonie
Am Sonntag geht es darum, der Menschen gedenken, die sich das Leben genommen haben und damit einen Anlaufpunkt für Angehörige und Hinterbliebene bieten. Die Teilnehmer werden gemeinsam ein Abschiedsritual mit Musik und Blumen gestalten. (ffm)