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Letzte Aktualisierung: 09.12.2019

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Krank auf Kreuzfahrtschiffen

von Karin Willen

(22.11.2019) Erkältet, seekrank, Bein gebrochen – was lässt sich auf hoher See überhaupt an Bord behandeln? Die Bordhospitäler der großen Kreuzfahrtschiffe gelten als gut ausgestattet. Doch manchmal muss man an Land behandelt werden.

Krank an Bord? Auf großen Kreuzfahrtschiffen sind Ärzte und Fachpersonal für viele Fälle gerüstet.
Foto: TUI Cruises
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Krank auf der Kreuzfahrt? Das trübt nicht nur die Urlaubsfreuden, es kann auch teuer werden. Denn auf See wird bis zum 8- bis 9-fachen Satz der Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) abgerechnet. Mit Auslandskrankenversicherung kein Problem, könnte man denken. „Immer mehr Versicherungen sind aber nicht bereit, solche oftmals unbegründet hohen Behandlungskosten zu begleichen“, sagt Christian Ottomann, Chirurg, langjähriger Schiffsarzt und Leiter der Schiffsarztbörse, die ärztliches Personal für maritime Einsätze schult und vermittelt. Im Zweifel müssen Passagiere bei Erkrankungen tief in die Tasche greifen. „Ein Arztbesuch auf der Kabine – und schon sind 180 Euro fällig.“ Selbst wer seine Medikamente zu Hause vergessen hat, bekommt sie an Bord nur nach einer kostenpflichtigen Arztkonsultation.

Gute Ausstattung

Große Kreuzfahrtschiffe werden gern „schwimmende Dörfer“ genannt. Mit Blick auf die medizinische Versorgung geht es den Passagieren aber deutlich besser also so manchem Dörfler. Auf Schiffen mit bis zu 4.000 Passagieren teilen sich in der Regel drei Ärzte und drei Krankenschwestern die Arbeit an Bord. Sind es mehr als 1.000 Passagiere, ist einer von mindestens zwei Schiffsärzten Tag und Nacht in Bereitschaft.

Facharzt via Telemedizin

„In unserem Bordhospital arbeiten zwei Ärzte und zwei Krankenschwestern sowie eine medizinische Assistentin“, erklärt Johannes Babilas. Er ist leitender Schiffsarzt auf der Mein Schiff Flotte von TUI Cruises. Labordiagnostik, Sonografie und digitale Röntgentechnik gehören da zum Standard. Zwei Betten stehen zur Behandlung und zwei für die intensivmedizinische Behandlung bereit. „Zudem haben wir zwei Sprechzimmer mit einer Behandlungsliege, einen OP und eine sehr gut ausgestattete Apotheke“. Für Hauterkrankungen gibt es eigens eine telemedizinische Verbindung zum Universitätsklinikum Hamburg (UKE). Laut Ottomann statten andere Reedereien ihre Schiffe ähnlich gut aus. Die Aida-Ärzte holen sich bei Bedarf via Internet von Fachärzten telemedizinischen Rat mehrerer renommierter Krankenhäuser an Land ein.

Nicht jeder Arzt kann mit der Technik umgehen

 „Doch nicht jeder Schiffsarzt kann die elaborierte Medizintechnik auch bedienen“, kritisiert der Experte. Zuweilen hapere es an der Zusatzausbildung der Allgemeinmediziner. Der Kreuzfahrtverband, die Cruise Lines International Association (CLIA), hat zwar Standards festgelegt. Die sind aber nicht verbindlich, und so bestimmt jede Reederei selber, was ein Schiffsarzt können muss, der grundsätzlich für Passagiere und Crew als Hausarzt fungiert. Low-Cost-Cruise-Liner beschäftigen zum Beispiel vorwiegend osteuropäische Ärzte, die über eine geringere maritim-medizinische Ausbildung verfügen.

Notfallversorgung ist gewährleistet

Als häufigste Anlässe, den Schiffsarzt aufzusuchen nennen die Reedereien Erkältungen und Atemwegsprobleme sowie Seekrankheit und kleinere Verletzungen. Und wenn der Fuß umknickt oder das Bein gebrochen ist? „Da die Ärzte notfallmedizisch ausgebildet sind, ist eine ordentliche Erstversorgung an Bord gesichert“, sagt Berthold Petutschnigg. Er ist der ärztliche Berater der TUI Cruises und gehört der Akademie des Centrums für Reisemedizin (CRM) an. „Ob, wann und wo ein Patient ausgeschifft wird, wägt der Arzt dann aufgrund von medizinischen Kriterien sowie Ort und Wetterlage ab. „Nicht jedes Krankenhaus in der Karibik ist beispielsweise in der Lage, die Patienten nach gewohntem westlichen Standard weiter zu versorgen“, erläutert er. Es sei schon vorgekommen, dass den Patienten an Land geraten wurde, sich zu Hause weiterbehandeln zu lassen.

Bei Herzinfarkt wird ausgeschifft

Herzinfarkte und Schlaganfälle oder schwere Verletzungen sind typische Anlässe, die Patienten nach der Erstversorgung an Land zu bringen. Da die Kreuzfahrten wegen der Ausflüge sehr oft in Landnähe unterwegs sind, werden die Erkrankten im nächsten Hafen ausgeschifft. Kooperierende Agenturen stehen den Patienten dann zur Seite und kümmern sich auch um deren Heimreise. „Dass ein Helikopter einen Schwerkranken abholt, weil das Schiff sich gerade auf hoher See befindet, kommt höchst selten vor“, weiß Ottomann. „Die teure Ausschiffung muss überdies vom Kapitän genehmigt werden.“

Gefürchteter Noro-Virus

In einer Hinsicht sind die Ozeanriesen aber eher mit einer gigantischen Party als mit einem Dorf vergleichbar. Nicht, weil auf manchen Schiffen eine Poolparty der anderen folgt, sondern weil sich Viren und Bakterien in Menschenansammlungen rasend schnell ausbreiten. Gegen bakterielle Infektionen helfen die zahlreichen Hände-Desinfektionen an Bord ganz gut. Doch wirklich gefürchtet ist der Noro-Virus. Da muss nur ein Infizierter mit der Hand ins Buffet gefasst haben, schon kann es passiert sein. Der Noro-Virus verursacht einen hoch ansteckenden Magen-Darm-Infekt, der zu enormen Durchfällen und Erbrechen führt. Weltweit erkranken jährlich ca. 300 Millionen Menschen daran.

Dann wird man zwar nicht ausgeschifft, aber bei schwerer Infektion kann die komplette Fahrt abgebrochen werden. Einzelne Passagiere mit Durchfall werden in ihrer Kabine unter Quarantäne gestellt, bis sie 24 Stunden lang symptomfrei sind. Sind mehr als zwei Prozent der gesamten Besatzung erkrankt, darf das Schiff nicht mehr in einen Hafen einlaufen.

Übrigens: Ersatz für entgangene Urlaubsfreuden gibt es bei einem Noro-Virus-Ausbruch nicht. Es sei denn, jemand könnte nachweisen, dass der Veranstalter Hygienevorschriften verletzt hat oder grundlos eine Quarantäne verhängt hätte. Und vor Reiseantritt sollte man prüfen, welche Leistungen an Bord durch die Auslandskrankenversicherung abgedeckt sind. Manche Versicherer schließen zum Beispiel Vorerkrankungen aus.

Wichtig zu wissen

Schwanger ab der 24. Woche und bis zu sechs Monate alte Babys dürfen nicht an Bord. Generell sollten chronisch Kranke, Behinderte sowie Schwangere, die bis Ende der Kreuzfahrt nicht in der 24. Woche sind, die Reise vorher mit der Reederei abklären und mit Medikamenten, Medikamentenplan und Arztbrief im Handgepäck an Bord gehen. Sie sollten sich auch einen Überblick über die möglichen Zusatzkosten verschaffen.

Allgemeine reisemedizinischen Informationen: beim Centrum für Reisemedizin. Über den nötigen Impfschutz informieren auch die entsprechenden Seiten des Auswärtigen Amtes Krank an Bord auf der Aida und auf TUI Mein Schiff.