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Letzte Aktualisierung: 20.05.2022

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Konjunkturumfrage im IHK-Bezirk Frankfurt am Main zum Frühsommer 2022

Regionale Wirtschaft erleidet Dämpfer angesichts des Krieges in der Ukraine

von Ilse Romahn

(09.05.2022) „Die zum Jahresbeginn erhoffte nachhaltige Erholung der regionalen Wirtschaft kommt vorerst nicht zu Stande. Angesichts der Auswirkungen des Krieges in der Ukraine zeigt sich die hiesige Wirtschaft im Vergleich zu anderen Regionen Deutschlands zwar etwas robuster, erleidet aber dennoch einen starken Dämpfer.

Die aktuelle Geschäftslage wird von den Unternehmen noch als vergleichsweise gut eingeschätzt. Es sind vor allem die Erwartungen an die kommenden Monate, die in den negativen Bereich rutschen“, sagte Ulrich Caspar, Präsident der Industrie- und Handelskammer Frankfurt am Main, anlässlich der Veröffentlichung der Ergebnisse der aktuellen Konjunkturumfrage.

Der IHK-Geschäftsklimaindex – der Lage und Erwartungen kombiniert – sinkt im Frühsommer 2022 gegenüber der Vorumfrage um zwölf auf 101 Punkte. Zum Vergleich: Im Frühsommer 2020 stürzte der Geschäftsklimaindex aufgrund der Coronapandemie von einem vergleichbaren Ausgangsniveau auf 66 Punkte ab. Der Saldo der Geschäftslage sinkt um sechs auf zwölf Punkte und zeigt insgesamt ein noch positives Bild der aktuellen Lage. Der Erwartungssaldo sinkt hingegen deutlich um 18 auf minus neun Punkte.

Mit Ausnahme des Gastgewerbes nimmt der Geschäftsklimaindex in allen betrachteten Branchen ab. Das Gastgewerbe kommt jedoch von einem historischen Tiefpunkt und profitiert besonders von den zuletzt aufgehobenen Coronabeschränkungen. Ein Geschäftsklimaindex von 82 Punkten signalisiert aber ein noch insgesamt negatives Marktumfeld. Unter den anderen Branchen treffen die Auswirkungen des Krieges vor allem die Industrie und das Baugewerbe. Waren sie während der Coronapandemie wichtige Stabilitätsanker, sehen sie sich durch die verschärften Lieferkettenprobleme sowie die steigenden Energie- und Rohstoffpreise mit enormen Herausforderungen konfrontiert. Der Geschäftsklimaindex sinkt in der Industrie von 131 auf 96 und im Baugewerbe von 105 auf 90 Punkte. Auch der Handel verliert (minus zwölf Punkte) und liegt bei derzeit 84 Punkten. Positive Impulse auf die Gesamtwirtschaft gehen von den Dienstleistern aus. Zwar lässt sich auch bei ihnen ein Rückgang beobachten. Dieser ist aber lange nicht so stark wie etwa in der Industrie und der erreichte Geschäftsklimaindex liegt mit 107 Punkten noch leicht im positiven Bereich.

Die Unsicherheitsfaktoren für die weitere wirtschaftliche Entwicklung sind vielfältig. Einige von ihnen – wie die Probleme in den internationalen Lieferketten – erfahren durch den Krieg in der Ukraine eine weitere Verstärkung. Das zeigt sich beim Blick auf die von den Unternehmen genannten Geschäftsrisiken. 59 Prozent der Unternehmen sehen in den steigenden Energie- und Rohstoffpreisen das größte Risiko. Die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen und der Fachkräftemangel stellen etwa für jedes zweite Unternehmen ein Risiko dar (53 bzw. 50 Prozent). Eine geringere Inlandsnachfrage beschäftigt 45 Prozent der Unternehmen. Sie war aufgrund der Beschränkungen während der Coronapandemie neben den wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen das Top-Risiko. Unter dem Eindruck der starken Inflation ziehen die Arbeitskosten als Risiko relativ stark an. Lagen sie im Vorjahr noch bei 24 Prozent, wird aktuell mit 36 Prozent ein Allzeithoch seit der Ersterhebung im Jahr 2010 erreicht.

„Die Herausforderungen für die regionale Wirtschaft sind bereits hoch. Ein Gasembargo würde insbesondere die energieintensive Industrie treffen. Teilbereiche – wie etwa die Chemieindustrie – gehören der Grundstoffindustrie an. Sie schaffen Vorprodukte und damit die Voraussetzung für ganze Wertschöpfungsketten. Eine Unterbrechung hätte schwerwiegende Folgen für den Wirtschaftsstandort. Der dadurch ausgelösten Kettenreaktion kann sich dann auch der Dienstleistungssektor nur noch schwer entziehen. Eine Rezession wäre sehr wahrscheinlich“, so Caspar abschließend.

Zum Hintergrund: Die IHK Frankfurt am Main befragt dreimal jährlich rund 3.000 Mitgliedsunternehmen im Hochtaunus- und Main-Taunus-Kreis sowie in der Stadt Frankfurt am Main zur aktuellen Lage und ihren Erwartungen hinsichtlich der konjunkturellen Entwicklung. Die aktuelle Umfrage wurde im Zeitraum vom 19. April bis zum 5. Mai 2022 durchgeführt. Weitere Ergebnisse, auch aus den einzelnen Branchen, werden im Konjunkturbericht der IHK Frankfurt am Main erläutert, der Mitte Mai 2022 veröffentlicht wird.