Komödie unter Anklage
Das Theater Willy Praml verbindet Oscar Wildes Komödie „Bunbury“ mit den Gerichtsakten seines Autors. Entstanden ist ein Abend, der den Salonwitz der Vorlage mit der historischen Realität von Verfolgung und Moraljustiz konfrontiert.
Foto: Seweryn-Zelazny/theaterwillypraml
Man kann Oscar Wildes Komödie „Bunbury oder Ernst sein ist alles“ als federleichte Gesellschaftssatire spielen – oder als bitteres Zeitdokument. Das Frankfurter Theater Willy Praml entscheidet sich entschieden für Letzteres. In einer Bearbeitung von Michael Weber wird das berühmte Verwechslungsspiel um Doppelleben, erfundene Alibis und pointierte Wortkunst mit den historischen Gerichtsprotokollen aus Wildes Prozess von 1895 verschränkt. Aus der „trivialen Komödie für ernsthafte Leute“ wird so eine „triviale Tragödie“ – und das Lachen bleibt einem mehr als einmal im Hals stecken.
Zwar sind die bekannten Szenen aus „Bunbury“ präsent: Jack und Algernon, ihre erfundenen Existenzen Ernest und Bunbury, das kokette Spiel mit gesellschaftlichen Konventionen und moralischer Doppelbödigkeit. Doch immer wieder bricht das komödiantische Geschehen abrupt ab. Der Schauplatz wechselt vor den Vorhang, grelles Licht simuliert Verhörsituationen, und Originalzitate aus dem Prozess gegen Wilde übernehmen das Kommando. Die Witzigkeit der Vorlage erscheint plötzlich gefährlich – als rhetorische Eleganz, mit der sich der Autor selbst weiter in Bedrängnis bringt.
Michael Webers Inszenierung setzt konsequent auf diesen Kontrast. Die Szenen auf dem großen Sofa in der Naxoshalle wirken bewusst überdreht, fast burlesk, doch sie dienen weniger dem Vergnügen als der Zuspitzung: Der ausgelassene Slapstick steht als Folie für den juristischen und gesellschaftlichen Irrsinn einer viktorianischen Moral, die ausgerechnet an einem der brillantesten Geister ihrer Zeit ein Exempel statuiert. Dass Wildes Wortwitz im Gerichtssaal nicht rettet, sondern schadet, wird hier eindringlich vorgeführt.
Das sechsköpfige Ensemble wechselt permanent die Rollen. Frauen und Männer spielen sämtliche Figuren, ziehen sich Requisiten im Handumdrehen über, markieren Identitäten mit Bärten, Hüten oder Gesten. Diese Offenheit unterstreicht den künstlichen Charakter gesellschaftlicher Zuschreibungen – und verweist zugleich auf die Willkür, mit der Wildes Sexualität kriminalisiert wurde. Am Ende des Abends trägt jeder Darsteller einmal das Pappschild mit der Aufschrift „Schwule Sau“, während nicht mehr Wilde, sondern Rosa von Praunheim zitiert wird: „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt.“
Musikalisch spannt die Inszenierung einen weiten Bogen: Sex Pistols, Edward Elgar und Gavin Fridays „Each Man Kills the Things He Loves“ kommentieren das Geschehen emotional und historisch zugleich. Besonders der Songtitel wird zum bitteren Leitmotiv – denn Wildes gesellschaftliche Umwelt zerstört genau das, was sie zuvor bewundert hat.
So gewinnt der Abend an Intensität und moralischem Gewicht, verliert aber bewusst an Leichtigkeit. Wer einen klassischen, unbeschwerten „Bunbury“-Abend erwartet, wird enttäuscht. Die elegante Bosheit, der spielerische Spott, das genüssliche Austarieren sozialer Absurditäten treten zugunsten eines biografisch grundierten Anklageabends in den Hintergrund. Das ist berührend, politisch und entschieden parteiisch – aber eben kein Komödienvergnügen.
Ein wenig schade ist das trotzdem: um eine der geistreichsten Komödien der Weltliteratur, der hier kaum Raum bleibt, sich aus eigener Kraft zu entfalten. Doch vielleicht liegt gerade darin die Absicht dieser Inszenierung. Sie zeigt, dass Wildes Witze nie harmlos waren – und dass sie ihn am Ende Kopf und Kragen kosteten.
Aufführungen bis 30.05.26
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