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Kleine Ernte, klare Botschaft: Jeder Apfel gehört ins Glas

Hitze, Trockenheit, kleinere Früchte: Hessens Apfelwein- und Fruchtsaft-Keltereien starten mit gedämpften Ernteerwartungen in die neue Saison. Umso eindringlicher fällt ihr Appell aus: Äpfel nicht liegen lassen, sondern sammeln und in die Keltereien bringen. Zum Auftakt hatte der Verband der Hessischen Apfelwein- und Fruchtsaft-Keltereien, der in diesem Jahr sein 80-jähriges Bestehen feiert, in die Familienkelterei Nöll nach Frankfurt-Griesheim eingeladen. Dort wurde zugleich an 150 Jahre Kelterei Nöll erinnert.

Alexander Nöll von der Kelterei Nöll (lks.) und Martin Heil, Vorsitzender des Verbandes, eröffneten die Keltersaison für Hessen in Griesheim.
Alexander Nöll von der Kelterei Nöll (lks.) und Martin Heil, Vorsitzender des Verbandes, eröffneten die Keltersaison für Hessen in Griesheim.
Foto: Ralph Delhees
Impression zum Aufruf der Keltereien „Äpfel gehören ins Glas“ – bringt eure Äpfel in die Keltereien. Hier muss der Apfel im Glas erst noch gepresst werden.
Impression zum Aufruf der Keltereien „Äpfel gehören ins Glas“ – bringt eure Äpfel in die Keltereien. Hier muss der Apfel im Glas erst noch gepresst werden.
Foto: Ralph Delhees
Vielfältig ist was die Keltereien heute aus dem Apfel alles machen. Vom Apfelwein bis hin zu den Säften, Softdrinks und Sekt. Alkoholfrei ist heute sehr gefragt.
Vielfältig ist was die Keltereien heute aus dem Apfel alles machen. Vom Apfelwein bis hin zu den Säften, Softdrinks und Sekt. Alkoholfrei ist heute sehr gefragt.
Foto: Ralph Delhees

Verbandsvorsitzender Martin Heil machte deutlich, warum in diesem Jahr jeder Apfel besonders zählt: „Hitze und Trockenheit im Sommer haben den Bäumen stark zugesetzt. Bereits im Juni und Juli gab es Fallobst, das nicht genutzt werden kann; vielerorts sind die nun zu erntenden Äpfel zudem kleiner als sonst. Die Keltereien rechnen deshalb mit einer insgesamt geringeren Erntemenge. Umso wichtiger ist es, die vorhandene Ernte zu nutzen.“

Der Appell: Sammeln, abgeben, keltern lassen
Wer Äpfel auf der eigenen Wiese oder im Garten hat, sollte sie jetzt nutzen. „Die Keltereien können jeden Apfel gebrauchen – auch Fallobst und weniger schöne Exemplare. Wenn die Ernte wie in diesem Jahr kleiner ausfällt, ist es umso wichtiger, das Vorhandene wertzuschätzen und zu nutzen“, sagte Heil. Besitzerinnen und Besitzer von Streuobstwiesen können ihre Äpfel bei den Keltereien abgeben. Je nach Betrieb erhalten sie dafür einen Kilopreis oder tauschen die Früchte gegen Apfelsaft. „Jeder Apfel, der gekeltert wird, ist besser aufgehoben als einer, der ungenutzt auf der Wiese verdirbt. Also: Äpfel sammeln, abgeben – und ab ins Glas damit“, fasste Heil den Aufruf „Äpfel gehören ins Glas“ zusammen.

Nöll: 150 Jahre Frankfurter Keltertradition
Die Kelterei Nöll steht seit Generationen für Frankfurter Keltertradition. 1876 als Küferei gegründet, begann das Unternehmen 1962 mit der Herstellung von Apfelwein. Heute führt Alexander Nöll den Betrieb in Frankfurt-Griesheim. Er verwies auf den unverfälschten Geschmack und die wertvollen Inhaltsstoffe von Apfelsaft. Gemeinsam mit Martin Heil, Inhaber der Kelterei Heil in Laubuseschbach, hob er hervor, dass viele Apfelgetränkeliebhaber alkoholfreien Apfelwein seit Jahren wegen seiner feinherben Note als erfrischende Alternative schätzen. Das Sortiment ist entsprechend breit: Es reicht von traditionellem Apfelwein und Apfelsaft über sortenreiche Apfeltischweine und Apfelschaumweine bis zu alkoholfreien Produkten, Bränden und Schnäpsen aus ausgewählten Kelteräpfeln.

Aus Äpfeln wird Charakter: Das Handwerk entscheidet
Wie der neue Jahrgang schmeckt, entscheidet sich nicht allein auf der Streuobstwiese. Ebenso wichtig ist, was die Kelterer aus den Früchten machen. Sortenauswahl, Mischung, Pressung, Vergärung, Lagerung und Abfüllung verlangen Erfahrung, Fachwissen und Gespür für das Naturprodukt. „Ein guter Apfel ist die Grundlage. Aber ein guter Apfelwein entsteht nicht von allein“, betonte Heil. „Entscheidend ist das Kelterhandwerk. Unsere Betriebe wissen, wie sie mit unterschiedlichen Erntemengen und Qualitäten umgehen und daraus einen charaktervollen Apfelwein erzeugen.“

Was international zunehmend selten wird, ist in Hessen selbstverständlich: Die Keltereien nehmen Obst an und begleiten alle Schritte der Verarbeitung – von der Annahme der Äpfel über Pressen und Vergären bis zu Abfüllung und Vermarktung. „Nicht umsonst sind Keltereien Handwerksbetriebe mit viel Know-how, Erfahrung und Experimentierfreude“, erklärte Heil. „Das hat uns in der Vergangenheit geholfen, schwierige Marktbedingungen zu meistern und dauerhaft sehr gute Produkte zu erzeugen. Genau das hilft uns auch jetzt im Umgang mit einer geringeren Ernte.“

80 Jahre Verband: Gemeinsam für das hessische Nationalgetränk
Mit der neuen Keltersaison feiert auch der Verband der Hessischen Apfelwein- und Fruchtsaft-Keltereien sein 80-jähriges Bestehen. Seit 1946 vertritt er die Branche und wirbt für die hessische Apfelwein- und Kelterkultur. „In den vergangenen acht Jahrzehnten hat sich in unseren Betrieben enorm viel verändert – bei Technik, Produktion und Vermarktung“, sagte Heil. „Geblieben ist der Anspruch, aus einem Naturprodukt mit handwerklichem Können etwas Besonderes zu machen. Diese Verbindung aus Tradition, Erfahrung und zeitgemäßem Arbeiten zeichnet die hessischen Keltereien aus. Darauf sind wir sehr stolz.“ Fast alle der 32 hessischen Keltereien sind Familienbetriebe und stehen im Wettbewerb mit internationalen Getränkekonzernen. Gerade deshalb sei der gemeinsame Auftritt wichtig: Der Verband wurde gegründet, um Fragen von Produktion, Deklaration und Rohware politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich gemeinsam anzugehen. Sorgen bereitet den Kelterern weiterhin die unklare bundespolitische Lage, etwa mögliche Regelungen zur Zucker- oder Alkoholbesteuerung und deren Folgen für Apfelwein.

Tradition braucht Erneuerung
Alexander Nöll von der Kelterei Nöll sieht darin eine besondere Stärke der Branche: „Apfelwein ist Tradition, aber er lebt nicht von der Vergangenheit. Er lebt von Menschen, die das Handwerk beherrschen, weiterentwickeln und an die nächste Generation weitergeben.“

Gleichzeitig haben sich die hessischen Keltereien auf ein verändertes Marktumfeld eingestellt. „In den vergangenen Jahren ist die Innovationskraft der Betriebe deutlich gestiegen. Neue Marken, Apfelwein-Mixgetränke und unterschiedliche Gebinde haben den Keltereien geholfen, sich zu behaupten. Oft waren sie dabei Vorreiter – nicht nur in Deutschland, sondern auch international“, berichtete Heil. Als Getränkedosen eine Renaissance erlebten, war Apfelwein längst in diesem Gebinde erhältlich. Den Trend zu alkoholfreien Alternativen bedienten die Keltereien bereits 2011 mit alkoholfreiem Apfelwein. Auch hochwertige Apfelschaumweine, sortenreine Apfelweine sowie exklusiv gestaltete Flaschen und Etiketten zeigen, wie innovativ selbst kleine Mitgliedsbetriebe sind.

Klimawandel stellt die Branche vor neue Fragen
Mit Blick auf die zunehmende Hitze- und Trockenperioden sagte Heil: „Wir setzen uns für den Erhalt alter Sorten und der damit verbundenen großen Sortenvielfalt ein. Gleichzeitig können wir nicht ignorieren, dass neue, hitzeresistentere Apfelsorten für künftige Herausforderungen besser geeignet sind.“ Am Rande wurde deutlich, dass künftig neben alten Hochstämmen auch Spalierapfelbäume eine größere Rolle spielen könnten. Sie ließen sich leichter beernten und könnten so den Personalaufwand bei der Ernte verringern.

Zum Verbandsjubiläum kommt Zuspruch von vielen Menschen, die mit Apfelwein verbunden sind – ob sie ihn herstellen, ausschenken, weiterentwickeln oder einfach gern trinken. „Apfelwein verbindet Generationen, Berufe und Perspektiven. Deshalb sind wir zuversichtlich, auch in 80 Jahren noch regional produzieren zu können“, sagte Heil.