„Klassik meets Jazz“: Wo Bach swingt und Gershwin leuchtet
Schon bevor der erste Ton erklang, lag über dem ausverkauften Fürst-von-Metternich-Saal auf Schloss Johannisberg jene gespannte Erwartung, aus der besondere Konzertabende entstehen. Dann traten zwei Musiker auf, die sich nicht zwischen Klassik und Jazz entscheiden müssen, weil sie beide Welten mit selbstverständlicher Eleganz bewohnen: die französische Trompeterin Lucienne Renaudin Vary und der deutsche Pianist Tim Allhoff.
Foto: Ralph Delhees
Mit „Klassik meets Jazz“ gelang dem Rheingau Musik Festival (RMF) am vergangenen Samstag ein Crossover-Abend, der Genregrenzen nicht nur überschritt, sondern sie hörbar in Bewegung brachte. Musikalische Freiheit, Neugier und die Lust am Risiko verwandelten sich in ein ebenso kunstvolles wie lebendiges Spiel zwischen den Stilen.
Aus dem Zusammenspiel von Renaudin Varys klassisch-jazzigem Fundament und Allhoffs tiefer Verwurzelung in beiden Welten entstanden eindrucksvolle neue Klangräume. Entscheidenden Anteil daran hatten die immense Spielfreude, die Virtuosität beider Musiker und ihre technische Meisterschaft, die sie mit emotionaler Tiefe verbanden.
Lucienne Renaudin Vary, am Pariser Conservatoire sowohl klassisch als auch jazzorientiert ausgebildet und mit dem OPUS KLASSIK sowie dem Arthur-Waser-Preis ausgezeichnet, verbindet technische Brillanz mit expressiver Spielfreude.
Zwischen Barockglanz und Blue Notes
Tim Allhoff, als Jazzpianist bekannt und zugleich tief in der Klassik verwurzelt, gestaltete das Konzert mit feinem Gespür für Klangfarben und Atmosphäre. Gemeinsam spannten die beiden einen musikalischen Bogen von Johann Sebastian Bach über Manuel de Falla, Fritz Kreisler und George Gershwin bis hin zu den Beatles. So entstand ein Programm, in dem sich zwei Klangwelten begegneten und auf faszinierende Weise zu einer neuen Einheit verbanden. Besonders spürbar wurde Allhoffs feines Klanggespür in seinen Improvisationen während der kurzen Pausen von Lucienne Renaudin Vary sowie in seinen Begleitungen, die dem geschichtsträchtigen Fürst-von-Metternich-Saal eine intime, beinahe magische Atmosphäre verliehen.
Das Programm war gewagt und mutig, zumal Lucienne Renaudin Vary und Tim Allhoff erstmals gemeinsam auftraten. Das Konzert wurde damit zu einer Feuertaufe, die Klassik und Jazz eindrucksvoll zusammenführte. Der musikalische Bogen funktionierte mit nahtlosen Übergängen zwischen Klangwelten aus vier Jahrhunderten – von barocken Werken bis zu zeitgenössischen Arrangements. Das kam einem Geniestreich nahe, den das Rheingau Musik Festival in diesem Jahr bereits mit einem ebenfalls gelungenen Crossover-Mix aus Klassik und Rock gewagt hatte.
Barfuß im Klang, sicher im Stil
Fünfmal trat die mit dem OPUS KLASSIK ausgezeichnete Trompeterin Lucienne Renaudin Vary in dieser Spielzeit beim Rheingau Musik Festival auf, das am 5. September mit Mendelssohns „Lobgesang“ endet. Die 27-Jährige, die auf internationalen Bühnen zu Hause ist, bezeichnet die Bühne als ihren Lieblingsort und tritt dort stets barfuß auf. „Die Trompete ist meine Stimme“, sagt sie von sich. Mit Klassik und Jazz wuchs sie bereits im Elternhaus auf. Zahlreiche Auszeichnungen, darunter der Concours européen des jeunes trompettistes und der OPUS-KLASSIK-Preis, begleiten ihren Weg. Die Freiheit des Jazz durchzieht ihre klassische Präzision, während die Struktur der Klassik ihrer improvisatorischen Gestaltung Tiefe und Form verleiht.
Als Fokus-Künstlerin 2026 des RMF zeigte Lucienne Renaudin Vary ihre Vielseitigkeit und meisterhafte Improvisationskunst in mehreren Konzerten. Sie eröffnete das Festival gemeinsam mit dem hr-Sinfonieorchester, widmete sich an der Seite des Münchener Kammerorchesters italienischen Meisterwerken des Barocks und der Klassik und präsentierte ihr facettenreiches Repertoire an drei weiteren Abenden mit unterschiedlichen Bühnenpartnern.
Lucienne Renaudin Vary und Tim Allhoff vermittelten dem Publikum ihre Klangerlebnisse mit großer Souveränität. Dieses dankte es ihnen mit Zwischenapplaus sowie am Ende mit lang anhaltendem Beifall und Standing Ovations. Tim Allhoff bedankte sich beim Festivalpublikum und würdigte die Zusammenarbeit auf der Bühne mit Lucienne Renaudin Vary, mit der er viele Stücke für das Konzert arrangiert hatte.
Für Lucienne Renaudin Vary dürfte daraus künftig eine langfristige Partnerschaft mit dem RMF entstehen.
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