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Letzte Aktualisierung: 23.07.2021

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Katastrophe. Was kommt nach dem Ende?

Ausstellung im Deutschen Filminstitut & Filmmuseum

von Ilse Romahn

(19.07.2021) Riesige Kometen, deren Aufschlag auf der Erde gigantische Tsunamis auslöst, globale Verwüstungen durch Überschwemmungen, Feuersbrünste, vergiftete Luft oder Atomkatastrophen: Der Katastrophenfilm und seine anhaltende Anziehungskraft stehen im Mittelpunkt der Ausstellung "KATASTROPHE. Was kommt nach dem Ende?" bis 9. Januar 2022 im Deutschen Filminstitut & Filmmuseum.

Laterna Magica- Dia Eisberg
Foto: DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum
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Die völlige Vernichtung der Tier- und Pflanzenwelt durch eine menschengemachte oder naturgegebene „Katastrophe“, die Auslöschung der Menschheit, des Lebens auf der Erde – dieses Szenario fasziniert seit Jahrzehnten Filmemacher in aller Welt und mit ihnen Millionen Kinobesucher, die sich immer wieder aufs Neue von den inszenierten Katastrophen begeistern lassen.

Die Ausstellung KATASTROPHE widmet sich der Beziehung zwischen filmischen und realen Katastrophen: Wie stellen und stellten sich Filmschaffende einerseits und Wissenschaftler andererseits in unterschiedlichen Zeiten die ultimative Vernichtung vor? Welche Rettungsmöglichkeiten sehen sie? Wie wahrscheinlich sind die Filmhandlungen? Wie prägen die filmischen Inszenierungen unser aller Vorstellungen von einer Katastrophe? Untersucht werden diese Fragen mittels einzelner Objekte in der Ausstellung sowie der wissenschaftlichen Expertise, die der Kooperationspartner Senckenberg Naturmuseum direkt in der Ausstellung beisteuert. Im Senckenberg Naturmuseum selbst gibt es darüber hinaus ein abwechslungsreiches Begleitprogramm zu KATASTROPHE.

„Die Idee ist neu und originell“, sagt Dr. Thomas Pyhel, Leiter des Referats Umweltbildung der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU), die das ausstellungsbegleitende Informations- und Bildungsprogramm insbesondere für Jugendliche und junge Erwachsene fachlich und finanziell fördert. Durch die Einbindung renommierter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Senckenberg Naturmuseums könnten so die durch die Ausstellung und die Filme ausgelösten Eindrücke und Erlebnisse mit Lernprozessen verbunden werden, so Pyhel. „Positiv zu bewerten ist dabei auch das Ziel, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Bildungsangebote aus der reinen Zuschauer-Rolle herauszulösen und sie aktiv in Kreativ- und Gestaltungsprozesse einzubinden“, sagt der DBU-Referatsleiter.

Die Katastrophe im Spielfilm basiert einerseits auf der Logik des Blockbusters (aufsehenerregende Visualisierungen in klarer narrativer Struktur), andererseits machen gerade die neueren Produktionen durch wissenschaftliche Grundlagen auf sich aufmerksam – wenn diese auch narrativ gestrafft und ins Extreme gesteigert werden. Das eine steht also oft im Dienste des anderen. Die neue Sonderausstellung im DFF zeigt dies anhand von Filmen, Interviews und aussagestarken Objekten, und fragt nach dem Verständnis, das sich die Menschen im Laufe der Geschichte von Katastrophen machten.

„Bilder von Katastrophen machen sich die Menschen seit Jahrtausenden – und erst recht mit der Erfindung des bildgewaltigen und überwältigenden Mediums Film. Mich fasziniert am Katastrophenfilm, dass er trotz der eher lauten, schnellen Blockbuster-Ästhetik mit den großen Emotionen auch reale Gefahren behandelt, die die Menschheit bedrohten und bedrohen, von natürlichen Katastrophen bis zum Klimawandel“, sagt Kuratorin Stefanie Plappert. „Unsere Ausstellung bietet Besucherinnen und Besuchern die Möglichkeit, sich von dem populären Genre unterhalten zu lassen und gleichzeitig reale Bedrohungen zu erkunden.“

Katastrophenfilmen liegt häufig eine Struktur zugrunde, die sich in vielen Werken des Genres wiederfindet, von den ersten Anzeichen über die heraufziehende Katastrophe selbst mit darauf folgenden verzweifelten Rettungsbemühungen, in deren Anschluss die Überlebenden auf einen Neuanfang hoffen dürfen. Dieser Dramaturgie folgt auch die Ausstellung mit ihren Hauptthemen: „Warnsignale“, „Katastrophe“, „Rettungsbemühungen“ und „Neuanfang“. Filmkompilationen, Interviews, filmbezogene sowie naturwissenschaftliche Objekte und Spuren der medialen Begleitung des jeweiligen Themas widmen sich im dritten Obergeschoss des DFF diesen Unterthemen der Ausstellung; die Besucher durchlaufen sozusagen die verschiedenen Stadien des Katastrophenfilms.

In einem „Prolog“ genannten Raum tauchen die Besucher ein in eine Kulturgeschichte der Katastrophe. Hier erfahren sie, was sich die Menschen über die Jahrhunderte unter einer Katastrophe vorgestellt, wie sie sie zu fassen und zu verarbeiten versucht haben. Die Imaginierung des Entsetzlichen, Unvorstellbaren, Unaussprechlichen übt ganz offensichtlich einen ewigen und ambivalenten Reiz auf die Menschen aus. Seit es Menschen gibt, gibt es auch Abbildungen von Katastrophen, von Höhlenmalerei über Flugblätter, Zeitungen und Fotografien, bis zu Filmen: Faszination und Schrecken liegen nah beieinander, und seit Anfang des 20. Jahrhunderts lassen sich Kinobesucher bereitwillig dazu verführen, in schlimmstmögliche Szenarien einzutauchen.

Die Ausstellung verschränkt Beispiele aus Film- und Weltgeschichte, stellt Entwicklungslinien des Katastrophenfilms dar und untersucht narrative wie technische Mittel. Zum Ende der Ausstellung stehen die Besucher an einer Weggabelung, an der sie sich zwischen zwei Ausstellungsteilen entscheiden müssen: Rettung der Welt? oder komplette Zerstörung der Erde?(Sie können sich natürlich auch nacheinander beide Ausstellungsbereiche ansehen.) Eine Sonderposition nimmt die „Apokalypse“ ein: In der Logik des klassischen Katastrophenfilms darf die Welt nicht untergehen, muss sie durch einen einzelnen Helden oder eine Gruppe mutiger Menschen gerettet werden.

Eine begleitende Publikation bietet Texte zu Katastrophen-Vorstellungen in Kunst, Literatur, Film und Naturwissenschaft. Im Zentrum steht dabei ein umfangreicher Abbildungsteil, der visuelle Imaginationen aus Film, Kunst, Naturwissenschaft und Medien zum Thema Katastrophe entlang der sechs Ausstellungskapitel präsentiert.Endzeitperspektiven aus den unterschiedlichsten Richtungen bieten im Schlussteil kurze Texte von Theologen und Bestatterinnen, Soziologinnen und Atmosphärenchemikerinnen, Geologen und Künstlerinnen genauso wie Psychologen und Risikoanalysten: Ihre Antworten und Überlegungen auf die Frage,wie sie sich in ihrer Disziplin das Ende vorstellen und was danach kommt, werfen Schlaglichter auf unterschiedliche menschliche Vorstellungen vom Ende.

Die Ausstellung KATASTROPHE thematisiert auch die realen Hintergründe vieler Katastrophen, bietet in Zusammenarbeit mit dem Senckenberg-Museum wissenschaftlich begleitete Filmvorführungen, Vorträge und Führungen zum Realismus vieler Werke an und beleuchtet kulturgeschichtliche Fragen. „Viele dieser Fragen haben wir uns alle in der Pandemie gerade selbst gestellt. Es ist purer Zufall, dass unsere seit Jahren geplante Ausstellung mitten ins zweite Pandemie-Jahr fällt“, so DFF-Direktorin Ellen Harrington, „aber vielleicht ist das ja auch eine Chance, aktuelle Fragen zu wichtigen Themen wie dem Klimawandel aus einer ganz neuen Perspektive anzugehen – und dabei in ein populäres Filmgenre einzutauchen. Wir sind sicher, dass unsere Besucher, auch dank eines umfangreichen Begleitprogramms, bei uns im Kino und in der Ausstellung sehr viel Spaß haben werden.“

So bieten Veranstaltungen, Workshops, Führungen und eine ausführliche Filmreihe Kindern und Jugendlichen ebenso wie Erwachsenen die Möglichkeit, sich kreativ dem Gegenstand Katastrophe zu nähern – in Trickfilmworkshops können sie eigene Actionszenen inszenieren, in kommentierten Vorträgen lernen, was es mit Kometeneinschlägen, Erdbeben oder Tsunamis aus wissenschaftlicher Sicht auf sich hat oder im Kino eintauchen in die schrecklich-schöne Welt des Katastrophenfilms. Und nach dem Auftauchen erleichtert feststellen, dass das alles nur Film war.

(„Katastrophen kennt allein der Mensch, sofern er sie überlebt, die Natur kennt keine Katastrophen.“ Max Frisch in Der Mensch erscheint im Holozän 1979)

www.katastrophe.dff.film