Kammeroper Frankfurt mit Rossinis „Gelegenheit macht Diebe“
Sommerliche Opernrarität im Palmengarten
In finsteren, kriegerischen Zeiten wie diesen sollte man immer ein wenig Rossini im Haus und in den Ohren haben. Eine selten gespielte komische Oper Gioachino Rossinis fegt in diesem Sommer über die Bühne des Palmengartens Frankfurt: Mit „Gelegenheit macht Diebe“ (Originaltitel: L’occasione fa il ladro) bringt die Kammeroper Frankfurt ein Frühwerk des italienischen Meisters zur Aufführung – spritzig, temporeich und voller Finesse.
Foto: Martin Pudenz
Entstanden 1812, als Rossini gerade einmal 20 Jahre alt war, zeigt der Einakter bereits seinen unverwechselbaren Schwung, die rhythmische Präzision und das dramaturgische Gespür, das Rossinis spätere Opernerfolge wie „Der Barbier von Sevilla“ weltberühmt machen sollte.
Vertauschte Koffer, vertauschte Rollen
Im Zentrum des Stücks steht eine klassische, mit leichter Hand erzählte Verwechslungsintrige, die sich an ein Vaudevillestück von Eugène Scribe anlehnt. Ein plötzliches Unwetter, zwei vertauschte Koffer und die Gelegenheit, in eine fremde Identität zu schlüpfen – schon beginnt ein Spiel aus Täuschung, Tarnung und unerwarteten Volten des Schicksals. Der hasardeurhafte Don Parmenione tauscht seine Identität mit dem Adligen Conte Alberto, um dessen Braut kennen zu lernen, in deren Bild er sich spontan verguckt hat. Aber auch die Braut ist nicht die, die sie scheint. Komische Missverständnisse ketten sich ineinander und lösen sich in einem wirbelnden Finale auf.
Diese Handlung bietet nicht nur elegante Komik, sondern auch eine feine Charakterzeichnung: Rossini komponiert jeder Figur einen eigenen musikalischen Tonfall – von Parmeniones geschmeidig-öligem Charme bis zu der energischen Entschlossenheit der Braut Berenice. Die Musik trägt diesen Humor weiter, mit brillanten Ensembles, virtuosen Koloraturen und jener rhythmischen Leichtigkeit, die Rossinis Stil unverwechselbar macht. Der junge Rossini – Rapido! Rapido!
„Gelegenheit macht Diebe“ entstand am Teatro San Moisè in Venedig, einem der produktivsten Schauplätze für kurze, witzige Opernproduktionen des frühen 19. Jahrhunderts. Rossini, damals bereits als musikalisches Wunderkind bekannt, komponierte das Werk innerhalb von 11 Tagen, was selbst für ihn eine Guiness-book-of-records-reife Leistung darstellt. Trotzdem zeigt die Partitur farbige Instrumentation, fein gearbeitete Rezitative, überraschende harmonische Einfälle und ein Ensemblefinale, in dem Rossinis dramatische Kompositionskunst bereits voll aufblüht. Regisseur Rainer Pudenz hatte sich schon mit „Die glückliche Täuschung“ und „Die verkehrte Braut“ den Ruf eines Spezialisten für Rossinis burleskes Frühwerk erworben, der sich nicht scheut, den amüsanten Wahnsinn auf die Spitze zu treiben und gleichzeitig alle Zwischentöne hörbar zu macht. Nach den Ausflügen in die zeitgenössische Opera Buffa mit dem „Sanatorio Express“ von Ivo Rantala (Regie: Dzuna Kalnina) und in die kühne Operette der 20er mit „Der Vetter aus Dingsda“ (Regie: Ingrid El Sigai) begibt sich die Kammeroper diesen Sommer wieder auf ihr ureigenstes Buffa-Terrain.
Warum die Welt ausgerechnet diesen Sommer eine 200 Jahre alte Oper dringend braucht
Rossini trifft den Ton unserer Zeit, als hätte er sie vorausgeahnt: Seine Opern erzählen von Menschen, die flexibel bleiben müssen und das hassen oder lieben, die Koffer und Identitäten verwechseln, Chancen (v)erkennen, ständig Risiken abwägen, ohne sie wirklich zu verstehen und sich nicht mehr auskennen – Themen, die heute aktueller sind denn je, aber im Musiktheater allzu oft nur in Trostlosigkeit abgearbeitet werden. Rossini aber erinnert daran, dass Kunst Freude erzeugen darf und soll. Sein berühmtes „crescendo“ – dieser kaum merkliche, dann unwiderstehlich anschwellende Schwung aus oft einander eigentlich widerstrebenden und doch letztendlich „irgendwie“ harmonierenden Stimmen, die hinreißend jede(r) vor sich hinsingen und hinplappern – ist ein Sinnbild für die kollektive Energie, die möglich wäre und die möglich ist. Also: Willkommen, Welt, diesen Sommer im Palmengarten Frankfurt!
Die erfolgreiche Termine Premiere war am 4. Juli. Weitere Termine: Mi 22.07., Fr 24.07., Sa 25.07.2026.
Ticket-Vorverkauf unter Tel. 1340400, an der Kasse im Palmengarten und an der Abendkasse.
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