Archiv-Kultur

Judith Kuckart ist die neue Stadtschreiberin von Bergen-Enkheim

An der Oberpforte 4 in Bergen liegt das Häuschen, dessen Schlüssel sie vom 52. Stadtschreiber José F. A. Oliver überreicht bekam. Initiatorin des Stadtschreiberpreises ist die Kulturgesellschaft Bergen-Enkheim.

Judith Kuckart  beim Anschrauben des Schildes am Stadtschreiberhäuschen
Judith Kuckart  beim Anschrauben des Schildes am Stadtschreiberhäuschen
Foto: Renate Feyerbacher
Judith Kuckart im Gespräch
Judith Kuckart im Gespräch
Foto: Renate Feyerbacher

Bei strahlendem Sonnenschein und leckerem Pflaumenkuchen saßen Freunde und Gäste im Hof des Stadtschreiberhauses, als urplötzlich ein Gewitter das Zusammensein unter Wasser setzte. Die Fotos beim Anbringen des Namenschildes von Judith Kuckart zogen sich hin. Wartend im strömenden Regen bescherte sie mir dann ein witziges Foto. Es ist wie eine Visitenkarte dieser außergewöhnlichen Frau. Ein Multitalent: Schriftstellerin, Tänzerin, Choreografin, Regisseurin. Die Liste der Auszeichnungen ist unglaublich und hört nicht auf, dennoch wirkt Kuckart bescheiden, ist anderen zugewandt. Derzeit ist sie für den Wilhelm-Raabe-Preis nominiert. Ein erneuter Eintrag in die lange Liste der Auszeichnungen.

Die Jury begründet die Wahl der neuen, 53. Stadtschreiberin: „Judith Kuckart schaut Menschen zweimal an, und so haben wir, die wir ihr Werk nun staunend im vierten Jahrzehnt verfolgen, uns unter ihrer Anleitung daran gewöhnt, dass auch wir jeden Menschen zweimal anschauen mögen, den Judith Kuckart uns zeigt. Menschen zumeist, die nicht auf die Idee kämen, von sich aus zu winken, die vielleicht nicht einmal die Hand heben, wenn jemand fragt, ob alle da sind. Judith Kuckart muss nicht nachfragen, sie sieht diese Menschen ja, in ihren Bewegungen, ihren oft knappen Worten, in ihrer Kleidung, ihren Wohnungen, ihren Städten. All dies, während zugleich doch so viel Unsichtbares geschieht zwischen den Figuren, die Judith Kuckarts Bücher bevölkern. Jeder Blick wird zum Auslöser einer kleinen Handlung, jede Bewegung verwandelt den Boden in eine Bühne.“ (Zitat: Das Kulturportal der Stadt Frankfurt.)

Geboren 1959 im nordrhein-westfälischen Schwelm am Rande des Ruhrgebiets als Tochter eines Waschmaschinenvertreters und CDU-Politikers, katholische Arbeiterjugend. Beim Standesamt wird der Vater gefragt, warum es der jüdische Name Judith sein soll, weil man ja nie wisse, was komme (WDR-Gespräch am 20.9.2024). Der Vater verlässt die Familie. Die Mutter begann mit 13 Jahren als Porzellanverkäuferin, „besser als am Fließband“. In ihrem sehr persönlichen Buch „Die Welt zwischen Nachrichten“ (DuMont Buchverlag Köln 2024), erzählt Judith Kuckart, dass sie mit dem Schreiben begonnen habe, weil ihre „faule Mutter“ sie als Kind trotz hohem Fieber mit einem Stapel Märchenplatten, auf denen die Geschichten nur halb erzählt waren, alleine ließ und sie sich den Schluss ausdenken musste. Fast lapidar erzählt sie von ihrer Vergewaltigung mit 18 Jahren und ihrer Anzeige bei der Polizei. Der Beamte auf dem Revier bemängelt und fragt die Mutter, warum sie nicht darauf achte, „dass ihre Tochter sich anders anzieht“. Die Mutter verlangt daraufhin die Dienstnummer des Polizisten und geht (Gespräch Deutschlandfunk am 21.8.2024).

Dieses collagenhaft geschriebene Buch, eine Mischung aus persönlichen Erinnerungen und Fakten des Zeitgeschehens, ist von eindringlicher Erzählkraft. 

Nach dem Attentat auf Rudi Dutschke 1968, er starb 1979, nannte sie ihren Wellensittich in Rudi um. Sie denkt gerne an den Frankfurter Schriftsteller Wilhelm Genazino (1943-2018), den Georg- Büchner-Preisträger. Sie erinnert sich, dass sie sich mit 19 Jahren mit einer Mappe über das Thema Heimat bei Filmemacher Edgar Reitz bewarb, der sie aber ablehnte. Sie solle lieber schreiben. Sie habe sich beleidigt gefühlt, weil sie lieber in diesem Metier studiert hätte. Heimatromane nennt sie ihre Romane (WDR-Gespräch).

Dann Studium der Literatur- und Theaterwissenschaften an der Freien Universität Berlin, das sie mit einer Magisterarbeit über Else Lasker-Schüler 1983 abschloss. An der Folkwang-Hochschule Essen absolvierte sie eine Tanzausbildung und gründete das Tanztheater Skoronel (benannt nach der Tänzerin Vera Skoronel (1906-1932), eine freie professionelle Gruppe, mit der sie bis 1998 siebzehn Produktionen realisierte. Sie schrieb die Stücke, choreografierte, tanzte, führte Regie.

Auf Befragung nennt sie das Wiedersehen mit den älteren Tänzerinnen 2021 in Wiesbaden als ein freudiges Ereignis. Seit 1999 arbeitet sie als freie Regisseurin. 

Spät begann sie mit dem Schreiben. Monika Schoeller (1939-2019), Verlagsleiterin des Frankfurter S.Fischer Verlags, legt ihr einen Romanvertrag vor. Sie wollte partout nicht schreiben, nahm ihn aber an, weil sie Geld brauchte und den Vorschuss gesehen habe (Gespräch WDR). 

Judith Kuckarts erster Roman „Wahl der Waffen“ (S. Fischer Frankfurt) erschien 1990. Es folgten unter anderem „Der Bibliothekar“, „Lenas Liebe“, „Kaiserstraße“, „Wünsche“, „Kein Sturm, nur Wetter“, „Café der Unsichtbaren“ bei DuMont. Im August 2024 erschien ihr neuer Roman „Die Welt zwischen den Nachrichten“, ebenfalls bei DuMont. Mittlerweile liegen 19 Romane, Theaterstücke, Hörspiele und Erzählungen sowie ein Kinderbuch vor. 

Sie erhält ein Preisgeld von 20.000 Euro und hat ein Jahr lang Wohnrecht im Stadtschreiberhäuschen.