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Letzte Aktualisierung: 25.06.2024

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Jetzt gibt es auch Hornhaut aus Kunststoff

Doch menschliches Gewebe bleibt unverzichtbar

von Kerstin Ullrich

(10.06.2024) Patienten warten hierzulande immer noch bis zu einem Jahr auf eine neue Hornhaut, um wieder sehen zu können. Seit kurzem ist nun auch in Deutschland eine Teilhornhaut aus Kunststoff verfügbar, die in ausgewählten komplizierten Fällen zum Einsatz kommt. „Ein solches Kunstimplantat ist zweifellos ein großer Fortschritt“, sagt Professor Dr. med. Claus Cursiefen, Generalsekretär der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft e.V. (DOG). „Dennoch ist humanes Gewebe in der Regel immer noch um Lichtjahre besser.“

Der Hornhautspezialist ruft daher zum Tag der Organspende alle Spendewilligen auf, sich ins Organspenderegister einzutragen oder sich einen Spenderausweis zuzulegen. Die neue künstliche Hornhaut „EndoArt“ wurde in Israel entwickelt und ist seit 2021 auch in Europa zugelassen. EndoArt besteht aus hydrophilem Acrylat, einem kontaktlinsenähnlichen Material. „Diese Kunsthornhaut wird nur bei ganz schwer erkrankten Augen eingesetzt, beispielsweise bei komplizierten Formen des Grünen Stars mit Drainageschläuchen, bei starken Schwellungen oder in Fällen, bei denen ein menschliches Teil-Transplantat mehrfach abgestoßen wurde“, erläutert der DOG-Generalsekretär, der auch als Direktor des Zentrums für Augenheilkunde der Universität Köln tätig ist. Weil EndoArt aus Kunststoff besteht, bleiben hier Abstoßungsreaktionen aus.

Das Kunstimplantat, berichtet Cursiefen, bewirke eine langsame Verbesserung der Sehschärfe. „Im Vergleich zu einem Transplantat aus humanem Gewebe erzielt die Kunsthornhaut vielleicht ein Drittel an Sehschärfe-Verbesserung“, erläutert der DOG-Experte. Doch die Patienten, die unter hohem Leidensdruck stehen, seien zufrieden. „Ihre Hornhaut wird klarer, auch starke Schwellungen gehen zurück“, so Cursiefen. Implantiert wird die Kunsthornhaut wie eine Kontaktlinse, die man an die körpereigene Hornhautinnenseite andrückt und mit einem feinen Faden fixiert. EndoArt steht allen Versicherten zur Verfügung, die Implantation erfolgt an spezialisierten Hornhautzentren.

In der weit überwiegenden Zahl aller Fälle bleibt jedoch humanes Gewebe die beste Option, eine menschliche Augenhornhaut zu ersetzen. „Leider gibt es immer noch zu wenig Hornhautspenden, und wir müssen Transplantate aus dem Ausland beziehen“, betont Cursiefen. Vor diesem Hintergrund ruft der DOG-Generalsekretär auf, über die eigene Spendenbereitschaft nachzudenken und die Entscheidung – wie auch immer sie ausfällt – in das neue digitale Organspende-Register einzutragen. „Entscheidend ist die Dokumentation der eigenen Entscheidung zu Lebzeiten. Das macht es Angehörigen und Ärzten später sehr viel einfacher“, betont Cursiefen. Wem ein Organspende-Ausweis lieber ist, kann das auf der Seite ebenfalls in die Wege leiten.

Eine Hornhautspende ist ein unauffälliger und unkomplizierter Eingriff. „Die Gewebeentnahme ist nicht entstellend und für den Laien optisch nicht erkenntlich“, betont Cursiefen. Für eine Hornhautspende kommt fast jeder in Frage: Sie ist bis zu 72 Stunden nach dem Tod möglich, trotz hohem Alter und Vorerkrankungen wie Grauer Star, Hornhautverkrümmung, Weit- oder Kurzsichtigkeit. Ihre Wirkung ist dauerhaft, denn ein Transplantat hält heute durchschnittlich zwanzig Jahre oder mehr, und nur bei weniger als fünf Prozent der Transplantierten kommt es – abhängig von der eingesetzten Operationstechnik und der Ausgangssituation – innerhalb der ersten zwei Jahre zu einer Abstoßungsreaktion.

Zudem gibt ein Transplantat öfters sogar zwei Menschen das Augenlicht zurück, die durch Hornhauterkrankung oder Augenverletzung erblindet sind. Möglich wird dies durch das Split-Cornea-Konzept, nach dem das gespendete Hornhautgewebe geteilt und auf mehrere Empfangende verteilt wird. „Hintergrund dieser Option ist die neue minimalinvasive Operationstechnik, so dass wir nur noch den Teil der Hornhaut austauschen, der erkrankt ist, und nicht wie früher die ganze Hornhaut“, erläutert Cursiefen. idw.-