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Letzte Aktualisierung: 01.02.2023

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Inflation und Co.: Gegenwind für E-Commerce?

von Bernd Bauschmann

(29.11.2022) 2021 hat die Teuerungsrate in Deutschland bei durchschnittlich 3,1 Prozent gelegen. Viele Verbraucher haben zum Jahrsende bereits über die hohen Preise gestöhnt. Besonders in der zweiten Jahreshälfte zog die Inflation deutlich an.

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Mehr Nachhaltigkeit bei Verpackung und Logistik sind ebenfalls Herausforderungen, denen sich der Onlinehandel stellen muss.
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Schon vor einem Jahr hat sich der Handel die Frage gestellt, wie diese Teuerung in den kommenden Monaten den Absatz beeinflusst. Hier sitzen stationäre und Online-Händler ausnahmsweise in einem Boot.

Mit dem 24. Februar 2022 kam der Schock. Nicht nur über den Krieg im Südosten Europas. Im Laden, besonders an der Zapfsäule und in der virtuellen Mall – überall macht sich die sprunghaft gestiegene Inflationsrate bemerkbar. Frisst die Teuerung um Ende sogar den Erfolg der letzten Jahre auf? Schließlich hat laut bevh der Onlinehandel ein Plus von 19 Prozent zwischen 2020 auf 2021 hingelegt.

Ukrainekrieg, Energiekrise und Inflation: Bremsklötze für E-Commerce
Fakt ist: Eine hohe Inflationsrate kommt früher oder später auch im Onlinehandel an. Dieser steht wie der stationäre Handel – wenn auch unter anderen Voraussetzungen – unter einem hohen Kostendruck. Riesige Lager müssen mit Energie versorgt werden. Angesichts der aktuellen Situation am Strom- und Gasmarkt kein besonders leichtes Unterfangen. Die Herausforderungen bleiben hier riesig. Aktuell ist vielleicht mit keinem Blackout zu rechnen, wie ihn die Politik noch im Frühjahr befürchtet hat.

Fürs E-Commerce bleiben die hohen Kosten aber die Herausforderung. Unternehmen, die sehr früh auf regenerative Energieträger gesetzt haben, können zumindest an diesem Punkt etwas entspannter sein. Alle anderen Unternehmen aus dem Versandhandel haben Probleme.

Laut einen Branchenreport von co2online.de kostete die Megawattstunde in KW 34 rund 586 Euro. Im Vorjahreszeitraum waren es gerade einmal 90 Euro. Dieser Preisunterschied ist signifikant. Unternehmen, die einen 5-fach höheren Strompreis schultern, geraten sehr schnell wirtschaftlich massiv unter Druck. Die Energiekrise ist aber nur ein Klotz am Bein vieler Versandhändler.

  • Inflation
  • Lieferengpässe

sind zwei weitere Gründe, warum der Umsatz im E-Commerce 2022 für Deutschland geringer ausfallen wird als noch im Vergleichszeitraum.

Die Inflation hängt an diesem Punkt maßgeblich mit der Energiekrise zusammen. Die Preissteigerungen betreffen:

  • Strom
  • Gas
  • Benzin
  • Diesel.

Damit sind sowohl die Heizkosten vieler Händler betroffen, aber auch die Produktion von Waren, der Vertrieb und die Logistik bis hin zum Endkunden. Alle Bereiche der Wertschöpfungskette bekommen den Krisenmodus zu spüren. Jede Maschine, jede Lampe und jeder PC oder Server häufen am Ende höhere Kosten an. Gleichzeitig macht sich der Ukrainekrieg mit seinen Verwerfungen in den internationalen Lieferketten bemerkbar. Ein Effekt, der gleich aus mehreren Gründen sehr deutlich zu spüren ist.

Wie belastet der Krisenmodus das E-Commerce?
Dass der Einmarsch Russlands in die Ukraine so dramatische Folgen hat, ist mehreren Ursachen geschuldet. An diesem Punkt greifen:

  • Sanktionen
  • Rohstoffabhängigkeit
  • Transportstörungen

direkt ineinander. Europa und die USA haben auf den 24. Februar mit scharfen Sanktionen gerechnet. Mittlerweile haben sich viele Unternehmen aus Russland zurückgezogen. Das Problem: Für einige Branchen waren Unternehmen aus der russischen Chemieindustrie wichtiger Lieferanten – die sich nicht ohne Weiteres ersetzen lassen. Und wenn doch, dann meist nur mit einem saftigen Aufpreis.

Die Rohstoffabhängigkeit ist in Teilen für Deutschland selbstverschuldet. Im Rahmen bilateraler Gespräche hat sich die Bundesrepublik sehr stark an russisches Gas gebunden. Zusätzlich ist Russland ein wichtiger Exporteur von Öl und verschiedenen Metallen. Gerade Öl und Gas sind nicht nur Treibstoff, sondern auch Teil der chemischen Industrie.

Preise steigen auch durch Abhängigkeiten
Und alles, was aktuell schwierig zu bekommen ist, wird einfach teuer. Hierdurch entsteht ein sich verstärkender Effekt. Hersteller müssen höhere Rohstoff- und Energiekosten an Verbraucher weiterreichen, die zusätzlich auch noch mit den steigenden Transportkosten belastet werden. Hinzukommen noch Lieferengpässe. Diese entstehen einerseits aufgrund einer sehr rigiden Politik Chinas, was den Umgang mit dem Coronavirus angeht.

Parallel fallen durch den Krieg zwischen Russland und der Ukraine auch Transportwege aus. Der Schienenverkehr wird genauso wie die Luftfracht beeinflusst. Unterm Strich entstehen so Engpässe mit Wartezeiten, was das Geschäft im Versandhandel belastet. Wo Kunden 1 bis 2 Monate auf Produkte warten müssen, bieten sich Konkurrenten liebend gern an.

Weitere Herausforderungen im E-Commerce für die Zukunft
Aktuell ist die Wirtschaft im Krisenmodus. Wie lange dieser anhält, ist schwer zu sagen. Es wird um die Frage gehen, wie schnell geopolitisch deeskaliert werden kann. Leider stehen die Zeichen nicht auf Entspannungspolitik. Und es sieht auch nicht danach aus, als würden Europa und USA schnell wieder mit Russland an einem Tisch sitzen. Im E-Commerce gibt es aber noch mehr Herausforderungen.

1. Mehr Nachhaltigkeit
Im Versandhandel geht es nicht ohne die richtige Verpackung. Gerade hier liegen für die Zukunft Herausforderungen. Eine wachsende Zahl von Verbrauchern wünscht sich weniger Plastik. Außerdem sollen die Verpackungen auch noch nachhaltig sein. Dabei müssen Verpackungskonzepte nicht nur robust sein und den Inhalt angemessen schützen. Es geht auch um die Frage, was Nachhaltigkeit bedeutet.

Recyclingfähigkeit ist nur ein Punkt. In Untersuchungen des Fraunhofer IML hat sich beispielsweise herausgestellt, dass viele Paletten im Logistiksegment gar nicht bis zu ihrer vollen Kapazität genutzt werden. Hier kann die Branche sicher nachjustieren und so auf lange Sicht einen höheren Grad an Nachhaltigkeit erreichen. Parallel könnte ein Trend zu Sammelbestellungen gehen. Auch der Einsatz wiederverwendbarer Rohstoffe oder von Material mit einer besseren Recyclingfähigkeit steht hier zur Debatte.

2. AR und VR im E-Commerce
Mittlerweile dürfte vielen Nutzern klar sein, was sich hinter den Abkürzungen VR und AR verbirgt. Mithilfe der virtuellen Realität lässt sich ein sehr immersiver Medienkonsum erreichen. Bisher liegt der Fokus klar auf multimedialen Anwendungen – wie der Entwicklung von 3D Modellen oder Spielen. Für die Zukunft ist auch denkbar, dass VR und AR in den Bestellprozess im E-Commerce eine Rolle spielen.

Möbel lassen sich zum Beispiel direkt in einem Modell der eigenen vier Wände verschieben oder neue Modetrends mit einem Avatar anprobieren. Aber: Bisher stehen diese Entwicklungen eher am Anfang. Ein massentauglicher Markt hat sich nicht entwickelt – auch aufgrund der Tatsache, dass VR-Brillen bisher eher ein Nischenprodukt sind. Um im E-Commerce wirklich eine wichtige Rolle zu spielen, müssen diese Brillen zu einem Massenprodukt werden.

3. Steigende Kundenwünsche
Es heißt, der Kunde ist König. Für den Versandhandel eine echte Herausforderung. Viele Verbraucher wünschen sich beispielsweise eine Just-in-Time Lieferung. Morgens bestellt und schon auf der Couch nach Feierabend ausprobiert – hier stehen viele Händler vor einem echten Problem. Das Ganze kann nur mit einer sehr fein ausbalancierten Logistikkette laufen.

Außerdem sind nach wie vor Retouren ein großes Thema. Hier spielt auf der einen Seite das Thema Nachhaltigkeit eine Rolle. Viele Verbraucher wünschen sich zusätzlich einen noch reibungsloseren Rückversand. Es geht nicht automatisch um kostenfreie Rücksendungen, sondern beispielsweise die Möglichkeit, einen Pick Up Service zu beauftragen. Hier muss der Handel mit Logistikpartnern zusammenarbeiten, um die verschiedenen Serviceleistungen einfach komplett ineinander greifen zu lassen.

Fazit: E-Commerce muss sich weiterentwickeln
Im E-Commerce sind die Herausforderungen aktuell riesig. Besonders die sehr hohen Energiepreise in Kombination mit zweistelligen Inflationsraten machen Händlern das Leben richtig schwer. Hier geht es inzwischen um Mehrkosten, welche nicht einfach nur einen Teil der Marge auffressen. Einige Versandhändler finden sich in einer Situation wieder, welche dramatisch ist. Die Kosten sind so stark explodiert, dass sich manche Deals im Handel nur noch mit Verlust machen lassen.

Gleichzeitig sind nach wie vor Lieferketten gestört. Bei einigen Produkten ist im Warensystem der Bestand eigentlich permanent auf Rot. Betroffen sind nicht nur Konsolen oder Grafikkarten. Viele Produkte sind gefragt, aber nicht lieferbar. Klar, dass diese Situation nicht gerade zufriedene Kunden fördert. Händler müssen sich nicht nur um den Versand und die Pflege der Online-Shops kümmern, sondern brauchen aktuell auch ein Ohr für ihre Kunden.