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Letzte Aktualisierung: 12.08.2022

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Impfpflicht: Widerstand und Akzeptanz

Studie untersucht die möglichen Konsequenzen

von Helena Dietz

(25.03.2022) Eine Studie der Universität Konstanz und des Santa Fe Institute ergab, dass die Einführung einer Impfpflicht Widerstände verhärten, aber dennoch notwendig sein könnte. Vertrauen in den Staat und in den Impfstoff sei zentral für die Impfbereitschaft und die Akzeptanz einer Impfpflicht.

Anteil der Befragten mit stabilen und wechselnden Haltungen zur Impfung im Falle der Freiwilligkeit und im Falle einer Impfpflicht zwischen April 2020 und Mai 2021.
Foto: Dr. Katrin Schmelz / Prof. Dr. Samuel Bowles
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Das Thema Impfpflicht wird sehr kontrovers diskutiert. Viele Länder stehen gegenwärtig vor dem Problem, dass der Anteil an freiwillig Geimpften nicht ausreicht, um die Corona-Pandemie zu durchbrechen. Die Einführung einer Impfpflicht führt aber vielerorts zu Protesten, kann Vertrauen in die Regierungen erschüttern und möglicherweise die freiwillige wiederholte Impfbereitschaft in der Bevölkerung untergraben.

Forscher der Universität Konstanz und des Santa Fe Institute (USA) beobachteten, wie sich die Haltung zur Impfung der gleichen rund 2.000 Deutschen zwischen April 2020 und Mai 2021 entwickelte. Die repräsentative Studie zeigt: Impfskepsis ist nicht unveränderlich. Die meisten der Impfskeptiker rückten an zumindest einem Punkt des Pandemieverlaufs von ihrem Widerstand ab.

Die frühe Einführung einer Impfpflicht hätte jedoch rückblickend mehr Widerstand gegen Impfungen hervorgerufen und dazu geführt, dass man mehr Menschen gegen ihren Willen hätte impfen müssen. Gemäß den Ergebnissen der Studie hätte eine Impfpflicht die Zahl der konsequenten, also nicht von ihrer Haltung abrückenden Impfgegner um das Fünffache vergrößert (von 3,3 Prozent auf 16,5 Prozent).

Dennoch sehen die Wissenschaftler in der augenblicklichen Pandemielage einen Sinn in einer möglichen Impfpflicht. „Wenn das Ziel ist, möglichst alle Impflücken zu schließen und die Auffrischungsimpfungen langfristig auf hohem Niveau zu halten, wird sich eine Impfpflicht nicht vermeiden lassen“, schildert die Konstanzer Verhaltensökonomin Dr. Katrin Schmelz. „Eine gesetzliche Impfpflicht würde aber keinesfalls ersetzen, das Vertrauen der Menschen zu gewinnen und Skeptiker vom Sinn der Impfung zu überzeugen. Falls eine Impfpflicht in Kraft treten sollte, dann sollten fachliches Überzeugen und gesetzlicher Zwang kein Entweder-Oder sein, sondern ineinandergreifen.“

Die Studie wurde am 22. März 2022 im Fachjournal Proceedings of the National Academy of Sciences of the USA (PNAS) veröffentlicht. Sie folgt auf zwei frühere Veröffentlichungen von Schmelz und Bowles in PNAS über Impfpolitik und -einstellungen. (idw)